Zurück in Hannover

15. Juli 2026 | von Beate Roßbach

Francesco Angelico ist Hannovers neuer Generalmusikdirektor. Vor zwanzig Jahren hat der 48-jährige Sizilianer hier studiert. Jetzt ist er zurückgekommen, als musikalischer Leiter des Orchesters der Staatsoper Hannover. Nobilis-Autorin Beate Roßbach traf sich mit ihm zum Gespräch.

Francesco Angelico dirigiert ein Orchester, Porträt eines Dirigenten am Pult Foto: Giancarlo Pradelli

 

Maestro Angelico, lieber Francesco, Sie stammen aus Caltagirone auf Sizilien, einer Stadt, die durch ihre Kultur und Geschichte zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Erzählen Sie uns bitte ein wenig von ihrer Heimat. Welche Impulse hat sie Ihnen vermittelt?

Ich bin dort aufgewachsen und liebe diese Stadt. Ich habe dort meine Wurzeln, in dieser sehr alten Stadt, in der viele Kulturen zuhause waren - arabisch, griechisch, normannisch, jüdisch bis zur barocken Architektur, und es gibt immer noch die tausendjährige Kunst der Keramikherstellung. Das alles hat mich immer sehr fasziniert. Ich vermisse Caltagirone sehr und bin leider viel zu selten dort, obwohl meine Eltern noch dort leben.

Sie haben als Jugendlicher Cello gespielt. Hatten Ihre Eltern Bezug zur Musik?

Nein, sie sind beide Pädagogen. Ich musste sie erst überzeugen und konnte daher erst relativ spät, mit 15 Jahren, beginnen zu spielen. Sie wollten sicher sein, dass es keine kapriziöse Laune von mir war. Aber danach haben sie mich immer sehr unterstützt und mir Unterricht und Studium ermöglicht.

Gibt es Lieblingsorte in Hannover, an die sie sich gern erinnern?

Aber ja. Ich bin damals oft in der Eilenriede neben der Musikhochschule spazieren gegangen. Die Herrenhäuser Gärten natürlich. Und einer meiner Lieblingsorte ist das Sprengel Museum. Man kann sich dort gut konzentrieren, und ich habe stundenlang ungestört vor einem Bild von Klee gestanden.

Auf ihren Fotos sehen Sie beim Dirigieren sehr temperamentvoll aus. Die Lokalzeitung nannte sie sogar einen „heißblütigen Sizilianer“. Wie würden Sie sich selbst beschreiben?

Am besten fragen Sie die Orchestermusiker. Ich bin sehr geduldig. Nicht mit mir selbst, aber mit anderen. Manchmal vielleicht zu geduldig. Aber natürlich lasse ich mich von der Musik mitreißen. Aber das hat nichts mit mir zu tun. Sondern mit der Musik. Der versuche ich zu dienen. Ich lebe mit ihr.

Francesco Angelico dirigiert ein Orchester mit ausdrucksstarker Gestik
Foto: Giancarlo Pradelli

Wie sehen sie die Rolle des Dirigenten?

Mein Ziel ist es, dass das Publikum der Musik aktiv zuhört und dabei die eigenen Emotionen, Erinnerungen und Erfahrungen erlebt. So entsteht für jeden Menschen ein ganz persönliches Erlebnis – zwar innerhalb einer Gemeinschaft, aber dennoch als individuelle innere Erfahrung.
In unserer heutigen Zeit sind wir es immer weniger gewohnt, die Stille mit unserer eigenen Wahrnehmung zu füllen. Durch permanente Beschallung, soziale Medien und die ständige Verfügbarkeit von Informationen leben wir zunehmend in einem Zustand des Lärms.
Dadurch wird eine der wichtigsten und sicherlich auch demokratischsten Fähigkeiten des Menschen immer mehr geschwächt: das Zuhören. Wir Musiker tragen hier eine besondere Verantwortung.  
Es ist unsere Aufgabe, Räume zu schaffen, in denen echtes Zuhören wieder möglich wird.

Sie haben Kassel verlassen, weil es künstlerische Differenzen mit der Intendanz gab. Wie stellen Sie sich vor, wie es in Hannover laufen wird?

Von meiner Seite her ist die Antwort ganz einfach. Bodo Busse ist ein sehr empathischer Mensch und respektvoll gegenüber anderen. Er lässt sich Zeit, anderen zuzuhören und sie wahrzunehmen. Unsere Begegnungen waren immer sehr ehrlich, menschlich und offen. Ich hatte sofort das Gefühl, es wird zwischen uns funktionieren, und hier im Haus herrscht eine gute Stimmung. Und wir haben beide Wunschlisten von Opern aufgestellt und die stimmten zu fast 90 Prozent überein.

Die neue Spielzeit wird mit der Premiere von Pique Dame eröffnet …

Da freue ich mich riesig drauf, ein Stück, das ich sehr liebe. Ich habe es zuerst in Modena gesehen, als ich sehr jung war, und seitdem ist es ein treuer Begleiter meines Lebens.

Wir wünschen „Toi, toi, toi“ und danken für das Gespräch.