Ayda Kirci – Hier werden Zeichen gesetzt

30. Juni 2026 | von Leona Portnov

Ein einzigartiger Auftakt in den Kultursommer 2026: Türkische Volksmusik trifft auf Jazz und Klassik.

Konzertauftritt mit Musikern und Sängern bei Nobilis-Event, festlich gekleidete Frau und Mann auf der Bühne Foto: Wiktor Dytko


Der 28. Kultursommer wird laut, bunt und interkulturell. Das Festival beginnt am 1. Juli 2026 in Garbsen mit dem Eröffnungskonzert der Band Anatolian Goes Jazz, in Begleitung des hannoverschen Kammerorchesters. Doch was genau ist Anatolian Goes Jazz – und wie entsteht solch eine Mischung aus zwei unterschiedlichen Musik-Genres?

Ayda Kirci ist die Hauptstimme der Band und erzählt, wie alles seinen Anfang nahm. Im Jahr 2021, als zur Corona-Zeit die gesamte Gruppe Musiker*innen arbeitslos war, konnten sie das nicht länger so stehen lassen. Gleichzeitig war es der 60. Jahrestag des Anwerbeabkommens, und da Ayda selbst Tochter der 1. Generation türkischer Gastarbeiter*innen ist, kam eine außergewöhnliche Idee zustande, wie die gesamte Gruppe zusammengebracht werden kann. Der Gedanke bestand darin, traditionelle türkische Volkslieder mit westlichem Jazz zu verbinden.

Damit schufen sie gemeinsam etwas, das es vorher nicht gegeben hat, nämlich eine völlig neue Musikrichtung, die genreübergreifend sowie niedrigschwellig ist. Auf die Frage, wieso es gerade Jazz war, den sie zu türkischer Musik kombinieren wollte, antwortet Ayda: „Hannover ist nun mal eine Jazz-Stadt. Ich wollte etwas Authentisches machen und Hannover ist mit Jazz eins.“

Mit einem riesigen Team, viel Ambition und starkem Einsatz gab die Gruppe Konzerte in ganz Niedersachsen. Auch zum jetzigen Zeitpunkt fand die Weiterentwicklung kein Ende, denn zum Auftakt des Kultursommers steht die Band mit einem Klassikorchester auf der Bühne: eine Begegnung zweier Klangwelten, die gegensätzlicher kaum sein könnten.

Sängerin und Orchester beim Nobilis-Konzert auf der Bühne, festliche Stimmung
Foto: Wiktor Dytko

Wie wichtig ist Repräsentation?
 

Ihr eigener kultureller Hintergrund ist wichtiger Bestandteil des Projekts, was gleichzeitig das ist, was der Kultursommer symbolisiert: Inklusion, Begegnung und ein interkulturelles Deutschland prägen. Deshalb sind Ayda Kircis Arbeit und Veranstaltungen wie der Kultursommer von großer Bedeutung, um Menschen neue musikalische Elemente aus verschiedenen Kulturkreisen zu zeigen.

Ayda selbst kann nachfühlen, wie es ist, ausgeschlossen zu sein. Schon zu ihrer Jugendzeit hatte sie die Erfahrung machen müssen, andere Ressourcen zu haben. Denn anders als viele deutsche Jugendliche, hatte sie nicht die Unterstützung ihrer Eltern auf ihrer Seite. Somit erzählt die Musikerin heute mit „New Horizons of an Anatolian“ ihre Geschichte.

Hierbei fokussiert es sich auf ihr Wesen, wie sie auch als musikalische Außenseiterin und Gastarbeitertochter, nie wagte aufzugeben. Ayda ist es wichtig, ihren Kampf sich in der deutschen Musikszene durchzusetzen, sichtbar zu machen: „Ich konnte nie auffangen, was ich als Kind verpasst habe.“ Daher ist Repräsentation so relevant, gerade für Migrant*innen-Kinder, die keinen Zugang zu Instrumenten haben, keine Noten lesen können oder denen das Musikmachen verboten wurde, so wie ihr selbst damals.

Mit ihrem Gesangscoaching und dem Projekt „Hannover Voices“ gibt sie jungen Menschen eine Stimme, die sie sich früher selbst erarbeiten musste.  Die Horizonte in „New Horizons of an Anatolian“ finden ihren Ursprung weder in der Klassik noch im Jazz: sondern in den Ereignissen, die sie geprägt haben. Aufgewachsen mit türkischer Musik und Popsongs, symbolisieren die neuen Horizonte die Prägungen, die sie bis jetzt inspiriert haben. 

Frau im eleganten rosa Kleid posiert vor einem Flügel – bilder-nobilis-web-4
Foto: Wiktor Dytko

Begegnungen und Inspiration
 

Ganz zu Beginn, noch vor der Karriere, war Istanbul von großer Bedeutung für ihre weitere musikalische Entwicklung und sie reiste immer wieder dorthin. Denn Istanbul ist der Ort, an dem Orient und Okzident aufeinandertreffen, eine Stadt, in der eine facettenreiche türkische Musik entsteht, die unterschiedlichste Einflüsse und Genres zusammenführt.

Aber auch ihre Zeit in anderen Ländern und insbesondere in Berlin war prägend. Die deutsche Hauptstadt zeigte Entwicklungen, die ihr in Hannover gefehlt haben: direkte Inklusion migrantischer Musiker*innen, die auch in den Charts zu hören sind.

Darin sieht Ayda Kirci die Chance für den Kultursommer. Sie gibt schon seit Jahren Freundschaftskonzerte, bei denen Menschen verschiedenster Herkunft zusammenkommen und sich begegnen können. Sie selbst sagt, dass in Deutschland eine Parallelgesellschaft existiert, dass Menschen hier zwar koexistieren, aber nicht miteinander.

Deshalb wünscht die Sängerin sich für das Eröffnungskonzert in Garbsen, dass ein vielfältiges, interkulturelles Publikum seinen Weg dorthin findet und gemeinsam den Kultursommer feiert.

Sängerin bei Live-Auftritt auf der Nobilis-Web-Veranstaltung, Musiker im Hintergrund
Foto: Wiktor Dytko

Zukunftsvisionen

 

Aktuell existieren nicht genügend Fördermittel, um Projekte wie die von Ayda ausreichend zu unterstützen. Dabei ist auch nicht abzusehen, ob es jemals so viel Förderung geben wird, wie zum Beispiel für klassische Musik. Aber sie sieht für interkulturelle Musikprojekte dennoch eine Zukunft: „Irgendwann wird sich die harte Arbeit auszahlen“. Und diese Vielfalt zeigt sich bereits in der Kultur, die sie in Deutschland beobachten kann. Ayda wünscht sich zukünftig mehr Unterstützung, um Integration und Inklusion langfristig aufrechterhalten zu können.