Expressionismus seiner Zeit – Otto Gleichmann
31. Juli 2026 | von Leona PortnovZwischen Krieg und Kunst: Das Sprengel Museum zeigt Otto Gleichmanns Werk nach fast 40 Jahren.
Von links nach rechts: Museumsdirektor Reinhard Spieler, Enkelin Gleichmann Anna-Charlotte Kingeling-Van Wiljhe, Kuratorin Karin Orchard, Assistenz-Kuratorin Nora Niefanger; Foto: Maxim Eckert
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Krieg, Gewalt und Leid prägten die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts und hinterließen tiefe Spuren in den Menschen. Doch wie lassen sich solche Erfahrungen verarbeiten? Otto Gleichmann fand darauf seine eigene Antwort: die Kunst. Das Sprengel Museum Hannover widmet dem hannoverschen Expressionisten nun erstmals seit knapp vier Jahrzehnten wieder eine umfassende Ausstellung. Kuratorin Karin Orchard gibt Einblicke in Leben und Werk des Künstlers.

Die Besonderheit hinter Gleichmanns Kunst
Seine Kunst war düster, trist und bedrückend. Auf allen Gemälden bilden sich dieselben Motive ab: Menschen oder Tiere in dunklen Farben, Schattierungen, langgezogene und entfremdete Gesichter, die aussehen, als hätten sie dem Tod direkt in die Augen gesehen. Otto Gleichmann wurde im Ersten Weltkrieg als Soldat in Hannover stationiert – seine Traumata spiegeln sich in der Arbeit wider. Orchard erklärt, dass gerade bei Gleichmann zu sehen ist, was Krieg und Gewalt mit der Psyche eines Menschen anstellen können. Dennoch seien nur selten echte Menschen oder Geschichten abgebildet worden, vielmehr sei es ein sich immer verändernder Menschen-Typus, der eine Verhaltensweiseabbildet. Die oft traurig wirkenden, langgezogenen Figuren etwa stehen weniger für konkrete Personen als universelle menschliche Erfahrungen und Gefühle.

Die Ausstellung gibt Gleichmanns Werk zum ersten Mal seit 1987 im großen Umfang wieder, allerdings unvollständig. Viele der Gemälde existieren zum heutigen Zeitpunkt nicht mehr, da sie durch die Ausbombung seines Ateliers 1943 in Hannover verloren gingen. Nichtsdestotrotz sind über hunderte Kunstwerke zu sehen, seine eigenen, sowie die seiner Frau Lotte Gleichmann-Giese und anderer Kunstschaffender aus dem hannoverschen Kreis aus dieser Zeit.
Zwei Künstler, zwei Bildwelten
Lotte Gleichmann-Giese war selbst Künstlerin und lernte ihren zukünftigen Ehemann an der Breslauer Kunstakademie kennen. Dennoch unterscheidet sich ihr Werk maßgeblich von dem ihres Mannes. Keine niedergeschlagenen Gesichter, sondern helle Farben und alltägliche Abbildungen wie etwa Tauben auf der Fensterbank sind das, was ihre Kunst ausgemacht haben. Ihr ist nur ein kleiner Teil dieser Ausstellung gewidmet, da auch ihr Werk zum Großteil durch den Krieg vernichtet wurde.

Aber auch Ottos Farbpalette änderte sich über die Jahre und wurde von ausdrucksstarken dunklen Tönen zu helleren, kontrastreicheren Farben. Was hierfür der Auslöser war, wird nicht deutlich. Karin Orchard erklärt, dies könne schlicht mit seiner Entwicklung als Künstler über einen langen Zeitraum zusammenhängen. Obwohl sich seine Motive über Jahre hinweg kaum veränderten, könnten die helleren Farben dennoch Ausdruck einer gewandelten Gefühlswelt sein. Die chronologisch aufgebaute Ausstellung macht diese Entwicklung sichtbar: Beim Gang durch die Räume lassen sich die verschiedenen Schaffensphasen nachvollziehen, bevor im letzten Raum schließlich Gleichmanns letzte Werke zu sehen sind.

Mehr als nur Zeitgeschichte
Otto war ein sehr geschätzter, sowie angesehener Künstler seiner Zeit und in den 20er bis 30er Jahren der einzige Expressionist Hannovers. Mit diesem Stil machte er sich zur Besonderheit und war stark eingebunden in der Avantgarde- und Kunstszene. Umso erstaunlicher ist es, dass nach seinem Ableben seine Kunst nicht die Aufmerksamkeit erhielt, die ihr zu Lebzeiten entgegengebracht wurde. Immer mehr geriet sein Werk in Vergessenheit und mit dem Tod des Künstlers stirbt auch allmählich seine Präsenz.
Gerade deshalb sind Ausstellungen wie diese im Sprengel Museum von besonderer Bedeutung, um einst prägende Künstlerpersönlichkeiten und ihre Werke lebendig zu halten. Orchard betont, dass Arbeiten wie die von Otto Gleichmann auch heute noch relevant sind. An ihnen lasse sich eindrücklich ablesen, welche Spuren Krieg, Gewalt und persönliche Krisen im Menschen hinterlassen können. Indem solche Werke erhalten, erforscht und ausgestellt werden, bleiben nicht nur bedeutende Kunstwerke sichtbar, sondern auch die Geschichten und Erfahrungen ihrer Zeit. Sie können dem heutigen Publikum vor Augen führen, unter welchen Umständen Menschen dieser Zeit gelebt haben und welche Folgen Krieg und Leid haben können. Diese schwierigen Kapitel der Geschichte dürfen niemals in Vergessenheit geraten.
Die Ausstellung "zwischen Wirklichkeit und Traum" wird am 31. Juli 2026 im Sprengel Museum eröffnet, beginnt um 19 Uhr und ist bis zum 1. November 2026 für Besucherinnen und Besucher geöffnet.


