Netzwerk Civilia: „Niemand geht mehr so durch Hannover wie zuvor“

04. September 2026 | von Frauke Hansen

Ein Netzwerk für gesellschaftliche Verantwortung und Perspektivwechsel – das ist Civilia.

Das Team von Civilia gemeinsam an einem Stehtisch. Sie lächeln in die Kamera. Ann-Christin Weber

Civilia bringt seit 1997 Führungskräfte aus Wirtschaft, Verwaltung, Kultur und Non-Profit-Organisationen zusammen. Das Netzwerkprogramm will Perspektivwechsel ermöglichen, gesellschaftliche Verantwortung stärken und Kooperationen fördern. Im nobilis-Gespräch erklären Julia Wohlfeld (1. Vorsitzende), Valentin Seidenfus (Schatzmeister) und Susanne Gruß (Programmleitung), warum Civilia gerade heute wichtiger denn je ist, wie das Programm funktioniert und weshalb die Teilnehmer ihre Stadt anschließend mit anderen Augen sehen.

Herr Seidenfus, was ist Civilia?

Valentin Seidenfus: Civilia ist ursprünglich aus einer Idee entstanden, die aus England stammt. Dort stellte man fest, dass viele gesellschaftliche Probleme zwar von Führungskräften erkannt werden, deren Umsetzung aber häufig daran scheitert, dass die oberste Ebene schlicht zu wenig Zeit hat. Deshalb entstand die Idee, Menschen aus der zweiten Führungsebene einer Stadt zusammenzubringen – also diejenigen, die Verantwortung tragen, aber gleichzeitig noch genügend Gestaltungsspielraum besitzen, um Dinge tatsächlich umzusetzen.

1997 haben wir dieses Konzept nach Hannover geholt und das erste Programm gestartet. Seitdem bringt Civilia jedes Jahr Menschen aus Wirtschaft, Verwaltung, Kultur und dem sozialen Bereich zusammen. Ziel ist es, Netzwerke aufzubauen, Perspektiven zu erweitern und gesellschaftliche Themen gemeinsam zu betrachten.

Wie ist das Programm organisiert?

Valentin Seidenfus: Das Programm erstreckt sich über elf Tage innerhalb eines Jahres. Die Teilnehmer werden von ihren Institutionen entsandt und für diese Zeit freigestellt. Das ist oftmals der größere Aufwand als die eigentlichen Teilnahmegebühren.

Träger ist ein gemeinnütziger Verein. Wir arbeiten mit einer sehr schlanken Struktur: Der Großteil der Einnahmen fließt in die professionelle Programmorganisation. Viele Leistungen – von Veranstaltungsorten bis zu administrativer Unterstützung – werden von Partnern gesponsert. Dadurch können wir mit vergleichsweise geringen finanziellen Mitteln eine große Wirkung erzielen. 

Valentin Seidenfus im Interview mit einer Tasse Kaffee und Wasserglas am Tisch.
Schatzmeister Valentin Seidenfus im Interview. 

Hat das Konzept von Anfang an funktioniert? 

Valentin Seidenfus: Ehrlich gesagt wussten wir am Anfang nicht, ob das überhaupt funktionieren würde. Doch schon nach dem ersten Jahr zeigte sich der Erfolg. Rund 80 Prozent der entsendenden Institutionen schickten erneut Teilnehmer. Nicht, weil wir Werbung gemacht hätten, sondern weil die Menschen mit leuchtenden Augen zurückkehrten.

Die Personalabteilungen stellten fest, welche Entwicklung die Teilnehmer durchlaufen hatten – nicht nur fachlich, sondern vor allem persönlich: Kommunikation, Teamarbeit, Konfliktlösung und Führungskompetenz verbesserten sich spürbar.

Ein weiterer Effekt war überraschend: Menschen, die neu in Hannover waren, fühlten sich nach dem Programm als echte Hannoveraner. Sie lernten die Stadt in all ihren Facetten kennen und bauten ein Netzwerk auf, das weit über den eigenen Arbeitsbereich hinausgeht. 

Frau Wohlfeld, warum ist Civilia heute besonders wichtig?

Julia Wohlfeld: Weil wir in einer Zeit leben, in der Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt unter Druck stehen. Civilia ist eine Antwort auf eine zunehmend gespaltene Gesellschaft. Wir bringen Menschen aus sehr unterschiedlichen Lebens- und Arbeitswelten zusammen. Genau diese Vielfalt sorgt dafür, dass Perspektivwechsel entstehen. Und diese Perspektivwechsel tun manchmal auch weh, weil sie die eigene Komfortzone verlassen lassen.

Frau mit rötlich-blonden, lockigen Haaren lacht bei einem Gespräch am Tisch.
Julia Wohlfeld ist erste Vorsitzende bei Civilia und weiß, nach dem Programm geht niemand mehr mit derselben Haltung durch die Stadt wie zuvor.

Wie sieht ein solcher Perspektivwechsel konkret aus?

Julia Wohlfeld: Das Entscheidende ist: Wir schaffen Erlebnisse statt bloßer Diskussionen. Ein Programmtag beschäftigte sich beispielsweise mit Obdachlosigkeit. Teilnehmer, die beruflich meist in verantwortungsvollen Positionen arbeiten und gesellschaftlich abgesichert sind, bekamen einen Eindruck davon, wie sich das Leben auf der Straße anfühlt und welche Herausforderungen damit verbunden sind. Es geht darum, die eigene Blase zu verlassen und Lebensrealitäten kennenzulernen, die man normalerweise nie erlebt.

Danach geht niemand mehr mit derselben Haltung durch die Stadt wie zuvor. Genau das ist unser Ziel: Verständnis schaffen, bevor Entscheidungen getroffen werden.

Valentin Seidenfus: Ähnlich eindrucksvoll sind die Besuche in Justizvollzugsanstalten oder sozialen Einrichtungen. Man erlebt Realitäten, die man sonst vielleicht bewusst ausblendet. Dabei entsteht nicht nur Verständnis, sondern auch Handlungsfähigkeit.

Wer durch Civilia ein starkes Netzwerk aufgebaut hat, kann Probleme später nicht nur erkennen, sondern auch aktiv ansprechen. Man weiß, wen man anrufen kann, welche Institution zuständig ist und wie man gemeinsam Lösungen entwickelt. Das Netzwerk wird dadurch zum Katalysator für Veränderungen.

Was passiert während der elf Programmtage?

Susanne Gruß: Jeder Programmtag widmet sich einem gesellschaftlich relevanten Thema. Wichtig ist dabei, dass niemand nur konsumiert. Die Teilnehmer sollen diskutieren, Fragen stellen und sich aktiv einbringen.

Wir verlassen bewusst klassische Seminarformate. Stattdessen gehen wir dorthin, wo Menschen wirken und Verantwortung tragen. Dabei sprechen wir nicht nur mit Vorständen oder Geschäftsführungen, sondern auch mit Mitarbeitenden vor Ort, um unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen.

Frau hält Präsentation vor einer Gruppe von Menschen in modernem Büro.
Zuhören, mitreden, mitgestalten: Bei Civilia stehen verschiedene Perspektiven im Fokus.

Welche Rolle spielen die sogenannten „Residential Days“?

Valentin Seidenfus: Sie sind der eigentliche Eisbrecher des Programms. Zu Beginn treffen sich die Teilnehmer mehrere Tage außerhalb ihres gewohnten Umfelds, häufig in einem Kloster oder einer Tagungsstätte. Dort lösen sie gemeinsam Aufgaben, lernen sich intensiv kennen und verlassen sehr schnell ihre beruflichen Rollen. Nach kurzer Zeit spielen Hierarchien kaum noch eine Rolle. Stattdessen zählt, was jemand einbringt und wie er mit anderen zusammenarbeitet.

Julia Wohlfeld: Gerade diese ersten Tage setzen enorme kreative Energien frei. Menschen, die sich morgens noch fremd sind, entwickeln innerhalb kürzester Zeit Vertrauen und Offenheit. Das ist die Grundlage für alles, was danach im Programm entsteht.

Wie wählen Sie die Teilnehmer aus?

Susanne Gruß: In erster Linie werden die Teilnehmer von ihren Institutionen vorgeschlagen. Gleichzeitig achten wir sehr darauf, eine möglichst heterogene Gruppe zusammenzustellen. Wirtschaft, Verwaltung, Kultur und Non-Profit-Bereich sollen gleichermaßen vertreten sein. Ich führe vor Beginn mit allen Teilnehmern Gespräche. Mir ist wichtig, ein Gefühl für die Gruppe zu entwickeln und sicherzustellen, dass die Menschen bereit sind, sich auf das Programm einzulassen.

Was macht die besondere Atmosphäre von Civilia aus?

Julia Wohlfeld: Wir schaffen einen Raum, in dem berufliche Titel und Hierarchien keine Rolle spielen. Menschen begegnen sich nicht als Geschäftsführer, Dezernenten oder Abteilungsleiter, sondern als Menschen. Das ist eine enorme Stärke. Viele Teilnehmer bringen ein großes Verantwortungsgefühl, aber oft auch ein gewisses Ego mit. Bei Civilia verliert Letzteres an Bedeutung. Entscheidend ist die gemeinsame Sache und die Bereitschaft, voneinander zu lernen.

Valentin Seidenfus: Wenn Hierarchien wegfallen, bleibt der Mensch mit seinen Fähigkeiten. Wer gut führen kann, wird auch ohne Titel als Führungspersönlichkeit wahrgenommen. Wer gut zuhören kann, wird wertvoll für die Gruppe. Dadurch entstehen oft erstaunlich produktive Teams.

Welche Wirkung hat Civilia langfristig?

Julia Wohlfeld: Kooperationen entstehen immer wieder, manche auch ganz konkret. Aber der größte Effekt ist ein anderer: Niemand verlässt das Programm als dieselbe Person. Die Art, wie man durch Hannover geht, verändert sich. Man sieht Zusammenhänge, erkennt gesellschaftliche Herausforderungen und versteht die Stadt viel besser.

Valentin Seidenfus: In fast 30 Jahren haben weit über tausend Menschen teilgenommen. Heute gibt es kaum eine größere Veranstaltung in Hannover, auf der nicht ehemalige Civilia-Teilnehmer anzutreffen sind. Das Netzwerk wirkt dauerhaft und schafft Verbindungen über Branchen- und Institutionsgrenzen hinweg.

Bleibt der Kontakt nach dem Programm bestehen?

Susanne Gruß: Unbedingt. Die Jahrgänge organisieren oft noch über Jahre eigene Treffen und Aktivitäten. Darüber hinaus gibt es ein großes Alumni-Netzwerk mit regelmäßigen Veranstaltungen. Unser Ziel ist ausdrücklich nicht, dass die Teilnehmer nach einem Jahr auseinandergehen. Die Beziehungen sollen weiterwachsen und gesellschaftliche Diskussionen dauerhaft begleiten.

Zwei Menschen im Gespräch und lachend, freundliche Atmosphäre, Business-Meeting.
Programmleiterin Susanne Gruß und Schatzmeister Valentin Seidenfus haben Freude daran, Führungskräften neue Perspektiven aufzuzeigen.

Welche Themen beschäftigen Civilia aktuell besonders?

Julia Wohlfeld: Ein zentrales Thema ist derzeit der Erhalt der Demokratie. Das verbindet viele unserer aktuellen Aktivitäten.

Valentin Seidenfus: Deshalb organisieren wir beispielsweise Veranstaltungen, bei denen politische Kandidaten mit dem Netzwerk ins Gespräch kommen. Es geht darum, gesellschaftliche Herausforderungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten und den demokratischen Diskurs aktiv zu fördern.

Ist Hannover eine netzwerkfreundliche Stadt?

Valentin Seidenfus: Absolut. Hannover wird in dieser Hinsicht oft unterschätzt. Die Stadt bietet eine enorme Lebensqualität und gleichzeitig eine große Offenheit für Kooperationen. Wer gute Ideen hat, findet hier Menschen, die sich engagieren und mitmachen wollen. Das erleben wir seit Jahrzehnten immer wieder.

Wie soll Civilia in Zukunft aussehen?

Valentin Seidenfus: Eigentlich genauso wie heute. Das Konzept funktioniert, deshalb gibt es keinen Grund, es grundlegend zu verändern. Ein Traum wäre zusätzlich ein Jugendprogramm für 15- bis 18-Jährige, um Perspektivwechsel und gesellschaftliches Engagement schon früh zu fördern. Die Idee gibt es seit Jahren. Aktuell fehlen dafür allerdings noch die personellen Ressourcen.

Susanne Gruß: Für mich steht ebenfalls im Vordergrund, das Bewährte zu erhalten. Wenn weiterhin möglichst viele Menschen lernen, andere Perspektiven zuzulassen und offener miteinander umzugehen, dann erfüllt Civilia seinen Zweck.

Julia Wohlfeld: Ich bin eigentlich jemand, der ständig verändern und innovieren möchte. Bei Civilia denke ich genau das Gegenteil. Das Programm ist in seiner Grundidee so stark, dass ich nichts daran ändern möchte. Die Themen entwickeln sich weiter, die Menschen entwickeln sich weiter – das reicht vollkommen.