Hannah Arendt Tage Hannover 2026: Stop and think

07. September 2026 | von Roksana Leonetti

Die Hannah Arendt Tage 2026 bringen Hannovers große Denkerin zurück in die Gegenwart – mit Debatten über Freiheit, KI und Demokratie.

Porträt von Hannah Arendt mit Text zu den Hannah Arendt Tagen 2026 in Hannover und dem Motto 'stop and think' Foto: Landeshauptstadt Hannover

Was passiert, wenn wir aufhören, selbst zu denken? 120 Jahre nach Hannah Arendts Geburt erinnert Hannover an eine seiner bedeutendsten Denkerinnen. Die Hannah Arendt Tage vom 22. bis 26. September 2026 bringen ihre Gedanken dorthin zurück, wo ihre Geschichte begann und mitten hinein in die Fragen unserer Gegenwart.

„Stop and think.“ Drei Worte, die beinahe unscheinbar wirken. In einer Zeit, in der Nachrichten im Sekundentakt auf unseren Displays erscheinen, künstliche Intelligenz Antworten formuliert und politische Debatten immer schneller geführt werden, bekommen sie allerdings eine besondere Bedeutung: innehalten und nachdenken.

Genau dazu laden die Hannah Arendt Tage Hannover 2026 ein. Vom 22. bis 26. September wird an verschiedenen Orten der Stadt diskutiert, gelesen und gestritten. Über Freundschaft und Freiheit, künstliche Intelligenz und autoritäre Sehnsüchte. Über Hannah Arendt, aber vor allem mit ihren Gedanken über unsere Gegenwart. Das Jahr ist dabei ein besonderes: Am 14. Oktober 2026 wäre die in Hannover geborene politische Theoretikerin 120 Jahre alt geworden.

Wer war Hannah Arendt?

Hannah Arendt wurde am 14. Oktober 1906 in Hannover-Linden geboren. Aufgewachsen ist sie überwiegend in Königsberg. Sie studierte Philosophie, Theologie und Altphilologie in Marburg, Freiburg und Heidelberg und promovierte 1928 bei Karl Jaspers.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten veränderte ihr Leben. 1933 wurde die jüdische Intellektuelle in Berlin verhaftet und floh anschließend über Prag nach Paris. 1941 gelang ihr gemeinsam mit ihrem zweiten Ehemann Heinrich Blücher die Flucht in die USA. Dort wurde sie zu einer der einflussreichsten politischen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts.

Mit „The Origins of Totalitarianism“, 1951 veröffentlicht und später auf Deutsch als „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ erschienen, analysierte Arendt Nationalsozialismus und Stalinismus. Internationale Aufmerksamkeit, und heftige Kontroversen, löste später auch ihr Buch „Eichmann in Jerusalem“ aus. Arendt lehrte an amerikanischen Universitäten und starb am 4. Dezember 1975 in New York.

Was von ihr geblieben ist, sind keine einfachen Antworten. Vielleicht liegt gerade darin ihre Aktualität. Arendt interessierte, wie Menschen urteilen, Verantwortung übernehmen und gemeinsam eine politische Welt gestalten können.

Eine Denkerin aus Hannover

Dass ihre Geschichte ausgerechnet in Hannover beginnt, lässt sich heute noch mitten in Linden entdecken. Am Lindener Marktplatz 2, ihrem Geburtshaus, erinnert eine Stadttafel an Hannah Arendt. Doch die Verbindung der Stadt zu ihr geht weit darüber hinaus.

Vor dem Niedersächsischen Landtag trägt seit 2015 der Hannah-Arendt-Platz ihren Namen. Es gibt einen Hannah-Arendt-Weg, eine nach ihr benannte Schule und in der Stadtbibliothek an der Hildesheimer Straße einen Hannah-Arendt-Raum mit persönlichen Exponaten. Hinzu kommt das Hannah-Arendt-Stipendium für verfolgte Autorinnen und Autoren.

Seit 1998 veranstaltet Hannover außerdem jährlich die Hannah Arendt Tage. Sie sind weniger Denkmal als Denkraum: Jedes Jahr wird ein aktuelles gesellschaftliches oder politisches Thema aufgegriffen und im Sinne Arendts diskutiert. Im Zentrum steht dabei immer wieder eine ihrer großen Fragen – was politische Freiheit bedeutet und was eine demokratische Gesellschaft braucht, um sie zu bewahren.

Das Motto: „Stop and think“

2026 bekommt dieser Gedanke eine besondere Aktualität. Oberbürgermeister Belit Onay beschreibt im Programmheft, wie schwer das Innehalten im politischen Alltag geworden sei. Terminkalender, hohe Erwartungen und die Geschwindigkeit digitaler Kommunikation verändern, wie Entscheidungen abgewogen und vermittelt werden.

Gleichzeitig versteht er Denken ausdrücklich nicht als einsame Angelegenheit. Es entstehe auch im Dialog, in gemeinsamen Denkprozessen, im Diskurs und durchaus im Streit. Demokratie braucht genau diese Fähigkeit: andere Positionen auszuhalten und Kompromisse zu finden.

Passend dazu eröffnet der Arendt-Forscher Roger Berkowitz die Tage am 22. September mit einem Vortrag über „Die Kraft der Freundschaft in einer zerbrochenen Welt“. Freundschaft wird dabei politisch: Im Gespräch mit anderen überprüfen wir unsere eigenen Überzeugungen und erfahren, wie unterschiedlich dieselbe Welt wahrgenommen werden kann.

Einen Tag später wird es ausgesprochen gegenwärtig. Bei Heise diskutieren die Ethikerin Judith Simon, KI-Professor Marius Lindauer und heise-Chefredakteur Volker Zota darüber, wie künstliche Intelligenz unser Denken verändert. Dahinter steht eine Frage, die Arendt selbst so nie stellen konnte und die dennoch erstaunlich gut zu ihrem Werk passt: Was geschieht mit Urteilskraft und Verantwortung, wenn wir Teile des Denkens an Maschinen auslagern? 

Das Programm: Von KI bis zur autoritären Freiheit

Auch die folgenden Tage zeigen, wie weit sich Arendts Gedanken in unsere Gegenwart verlängern lassen. An der Leibniz Universität geht es 75 Jahre nach der Veröffentlichung um „The Origins of Totalitarianism“. In der Villa Seligmann nähert sich die Politikwissenschaftlerin Grit Straßenberger gemeinsam mit Ulrich Kühn der Person hinter dem großen Werk.

Am Freitag verlässt das Programm schließlich den klassischen Vortragsraum. In der Cumberlandschen Galerie wird Ken Krimsteins Graphic Novel „Die drei Leben der Hannah Arendt“ zum Ausgangspunkt eines performativen Rundgangs. Kunst, Theater und Zeichnung eröffnen damit einen anderen Zugang zu einer Frau, deren Denken auf den ersten Blick nicht immer leicht zugänglich erscheint.

Der Abschluss am Samstag im Schloss Herrenhausen führt zurück mitten in eine der großen politischen Debatten unserer Zeit: Warum wächst in demokratischen Gesellschaften die Sehnsucht nach starken Führungspersönlichkeiten, Strenge und Autorität? Und kann Freiheit überhaupt bestehen, wenn demokratische Teilhabe verloren geht?

Vielleicht steckt darin auch die eigentliche Einladung dieser fünf Tage. Hannover erinnert 2026 nicht nur an eine berühmte Tochter der Stadt. Es nimmt sie beim Wort. Innehalten. Nachdenken. Miteinander reden. Und sich die Freiheit nehmen, die eigene Meinung noch einmal zu überprüfen.

Hannah Arendt Tage Hannover 2026: Termine

Datum

Veranstaltung

Ort

22.09., 18 Uhr

Eröffnung: „Stop and think“ – Die Kraft der Freundschaft in einer zerbrochenen Welt

Ada-und-Theodor-Lessing-VHS

22.–30.09.

„Out of Exile: The Photography of Fred Stein“

Ada-und-Theodor-Lessing-VHS

23.09., 18 Uhr

Chance oder Risiko: Wie verändert KI unser Denken?

Haus der Heise Gruppe

24.09., 14–16 Uhr

75 Jahre „The Origins of Totalitarianism“

Leibniz Universität, Kesselhaus

24.09., 18 Uhr

Die Denkerin Hannah Arendt und ihr Jahrhundert

Villa Seligmann

25.09., 17 / 17.45 / 18.30 Uhr

„Die drei Leben der Hannah Arendt“ – performativer Rundgang

Cumberlandsche Galerie

25.09., 19.30 Uhr

„How to draw a soul?“ – Podiumsgespräch

Cumberlandsche Bühne

26.09., 11–13 Uhr

Autoritäre Freiheit? Die Sehnsucht nach einer „Kultur der Stärke“

Schloss Herrenhausen

Die meisten Veranstaltungen sind kostenfrei. Für einzelne Termine ist eine Anmeldung erforderlich; für das Programm im Schauspielhaus werden Tickets benötigt. Das vollständige und aktuelle Programm veröffentlicht die Landeshauptstadt Hannover zu den Hannah Arendt Tagen 2026.