Talente fördern, Zukunft sichern

12. Mai 2026 | von Frauke Hansen

Prof. Dr. Volker Epping, Präsident der Leibniz Universität Hannover, über Bildung, Stipendien und warum Mut wichtiger ist als Perfektion.

Geschäftsmann im Anzug bei nobilis im modernen Büro Foto: Lorena Kirste

Herr Prof. Dr. Epping, der Fachkräftemangel ist allgegenwärtig. Wie stark spüren Sie ihn auch an der Leibniz Universität Hannover? 

Der Fachkräftemangel hat tatsächlich eine neue Dimension erreicht – und das merken wir sehr deutlich. Wir haben auf der einen Seite sinkende Studierendenzahlen, bedingt durch den demografischen Wandel. Diese Delle in der Kurve wird uns noch einige Jahre begleiten. Gleichzeitig gehen die Babyboomer-Generationen in den Ruhestand. Das bedeutet: Wir bilden weniger Menschen aus, brauchen aber deutlich mehr Fachkräfte, an der Universität selbst, aber auch gesamtgesellschaftlich. Das verschärft die Situation enorm.

Wie reagieren Sie darauf? 

Ein zentraler Hebel ist für uns die Internationalisierung. Wir werden den Bedarf an qualifizierten Fachkräften mit den hier ausgebildeten Studierenden schlicht nicht decken können. Deshalb gehen wir gezielt ins Ausland, sprechen potenzielle Studierende an und versuchen, sie nicht nur für ein Studium hier zu gewinnen, sondern auch langfristig für den Standort Deutschland zu halten.

Was braucht es, damit internationale Studierende bleiben? 

Integration. Und die beginnt bei uns schon im Studium. Wir bieten zunehmend englischsprachige Studiengänge an, aber gleichzeitig gehört immer auch ein verpflichtendes Deutschmodul dazu. Denn wer hier lebt, möchte sich verständigen können – im Supermarkt, im Alltag, im sozialen Umfeld. Unser Ziel ist es, dass internationale Studierende nicht nur akademisch, sondern auch gesellschaftlich ankommen.

Welche Rolle spielt die frühe Förderung junger Menschen? 

Eine entscheidende. Unser Anspruch ist es, jungen Menschen das wissenschaftliche Werkzeug an die Hand zu geben, mit denen sie die Herausforderungen der Zukunft bewältigen können. Dazu gehört nicht nur Fachwissen, sondern auch ein Wertefundament und soziale Kompetenzen. Wir erleben, dass Dialogfähigkeit und Kompromissbereitschaft in der Gesellschaft abnehmen – genau hier setzen wir an.

Wie sieht das konkret aus? 

Wir bieten eine Vielzahl von Unterstützungsangeboten: Brückenkurse, insbesondere in Mathematik, Förderprogramme, Sprachkurse und Soft-Skill-Trainings. Viele Studierende starten ohne die notwendigen fachlichen Grundlagen ins Studium – das holen wir gemeinsam auf. Gleichzeitig bereiten wir sie gezielt auf den Arbeitsmarkt vor. Auch Soft-Skill-Trainings , welche die persönlichen, sozialen und methodischen Kompetenzen schulen, die für den beruflichen Erfolg entscheidend sind.

Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit Unternehmen? 

Eine sehr große. Wir bringen Studierende früh mit potenziellen Arbeitgebern zusammen – über Karrieremessen, Kooperationen oder Veranstaltungen in den Fakultäten. Auch Programme wie das Deutschlandstipendium sind hier wichtig.

Wird dieses Potenzial ausreichend genutzt? 

Nein, noch nicht. Gerade das Deutschlandstipendium ist ein hervorragendes Instrument, um frühzeitig Kontakte zu knüpfen. Mit relativ geringem finanziellen Aufwand können Unternehmen talentierte Studierende fördern und langfristig binden. Viele Unternehmen aus Hannover machen schon mit, aber da ist definitiv noch Luft nach oben.

Historisches Gebäude mit Pferdestatue und blauem Himmel, bilder-nobilis-web-4
Foto: HMTG

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen bei den Studienfächern? 

Ganz klar im MINT-Bereich, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Dort haben wir zu wenig Studierende, obwohl genau diese Fächer entscheidend für unsere wirtschaftliche Zukunft sind. Das Problem beginnt oft schon in der Schule, wo das Interesse an Mathematik und Naturwissenschaften nicht ausreichend gefördert wird.

Frauen sind im MINT-Bereich noch immer in der Minderheit.

 Ja, hier besteht Nachholbedarf. Obwohl viele der besten Schulabschlüsse von Frauen kommen, sind sie in technischen Studiengängen unterrepräsentiert. Wir versuchen gegenzusteuern, etwa durch neue Studienangebote wie nachhaltiges Ingenieurwesen, die breiter ansprechen.

Welchen Rat geben Sie jungen Menschen, die vor dem Eintritt in die Arbeitswelt stehen? 

Sich ehrlich mit den eigenen Interessen auseinanderzusetzen. Ein Studium ist nicht automatisch der richtige Weg für jeden. Es gibt viele andere berufliche Möglichkeiten, die genauso erfüllend sein können. Wichtig ist, den eigenen Weg zu finden.

Und für diejenigen, die studieren? 

Man sollte die Studienwahl regelmäßig reflektieren. Passt das wirklich zu mir? Ein Studium erfordert Durchhaltevermögen – aber es sollte auch zu den eigenen Neigungen passen. Lebenswege sind selten geradlinig. Sie entwickeln sich.

Wie blicken Sie in die Zukunft? 

Grundsätzlich optimistisch. Die junge Generation hat den Willen, Dinge zu verändern und Verantwortung zu übernehmen. Das erlebe ich hier täglich. Sorgen bereitet mir allerdings die weltpolitische Lage. Demokratische Werte geraten zunehmend unter Druck, und das ist eine Entwicklung, die wir sehr ernst nehmen müssen.

Welche Rolle spielen Universitäten dabei? 

Eine zentrale. Wir vermitteln nicht nur Wissen, sondern auch Werte. Wenn wir es schaffen, junge Menschen für die Bedeutung unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu sensibilisieren, leisten wir einen wichtigen Beitrag für die Zukunft.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Was ist Ihr Lieblingsort an der Universität? 

Der Welfengarten. Er ist vielleicht nicht so bekannt wie die Herrenhäuser Gärten, aber für mich ein echtes Kleinod. Mitten im Universitätsalltag bietet er Ruhe, Atmosphäre und Begegnung – ein Ort, der zeigt, wie lebendig diese Stadt ist. Und die Studierenden lieben ihn auch!

Luftaufnahme eines Parks mit historischem Gebäude und Stadt im Hintergrund, bilder-nobilis-web-3
Foto: rzbawb/AdobeStock