Grasgeflüster: Morgentau
12. Mai 2026 | von und mit Roksana LeonettiUm 8 Uhr liegt noch Morgentau auf den Bahnen. Viel Zeit zum Spielen und noch mehr Zeit zum Reden.
Morgentau, Ruhe und viel Zeit zum Reden zwischen den Schlägen. Foto: Roksana Leonetti
Sonntag, 6 Uhr. Ich bin hellwach. Zwei Stunden später stehe ich mit Alexander am ersten Abschlag von Loch Rot. Er erzählt mir, dass er gestern Abend noch 150 Bälle auf der Driving Range geschlagen hat. Respekt, denke ich mir. Jetzt bin ich gespannt, wie sie auf dem Platz fliegen.

Um 8 Uhr liegt noch Morgentau auf den Bahnen. Alexanders Abschlag landet genau zwischen zwei Bunkern. Glück gehabt. Niemand spielt gerne aus dem Sand. Vor uns ein Viererflight, hinter uns niemand. Viel Zeit zum Spielen und noch mehr Zeit zum Reden.
Wir sprechen über verlorene Schlägerhauben und Schläger, die irgendwo zwischen Grün und nächster Bahn vergessen werden. Alexander muss bis zum Familienurlaub in Österreich besser werden, sagt er. Noch habe er Zeit.
An Loch zwei verschwindet mein Ball im hohen Gras. „Je schlechter, desto rechter“, denke ich mir beim Schlag zurück aufs Fairway. Es klappt tatsächlich. Vor uns spielt ein asiatischer Flight. Alexander erzählt von seinen Reisen und davon, wie unterschiedlich Menschen arbeiten. Die einen früh und diszipliniert, die anderen lange und mehr fürs Bild nach außen. Währenddessen suchen wir weiter Golfbälle im Rough.
An Loch drei verlieren wir beide kurz den Faden. Alexander läuft an seinem Ball vorbei, obwohl er mitten auf dem Fairway liegt. Ich brauche drei Chips, um endlich aufs Grün zu kommen. Reden kann eben auch ablenken.
Auf Loch vier wird es ruhiger. Das Grün ist noch nass vom Tau, die Bälle rollen weiter als gedacht. Neben meinem Ball finde ich gleich zwei weitere. Ein kleiner Schatz im Rough.

An Loch fünf spielen Alexander und ich fast spiegelverkehrt. Beide treffen wir den Abschlag nicht richtig, landen später im Raisebunker und retten uns erst auf dem Grün. Ich beobachte dabei seine Routine. Wenn sich ein Schlag nicht gut anfühlt, löst er sich bewusst vom Ball, geht nochmal neu hin und beginnt von vorne. Golf besteht manchmal aus Zentimetern und Gefühl.

An Loch sechs begrüßen uns Gänse auf dem Fairway. „Wenn du eine triffst, federt das ganz schön“, sagt Alexander trocken. Wenig später ruft jemand laut „Fore!“, während wir konzentriert auf dem Grün stehen. Der Morgen ist inzwischen wach geworden.
An Loch acht starte ich zwischen unzähligen Hinterlassenschaften der Gänse. „Scheiß-Abschlag“, sagt Alexander nüchtern. Wir lachen.
Am letzten Loch wartet noch ein Bunker vor dem Grün. Alexander spielt souverän darüber. Ich lande direkt im Sand. Natürlich.
Vielleicht ist genau das das schöne Spiel: morgens früh auf dem Platz zu stehen, wenn noch alles ruhig ist und man trotzdem nie genau weiß, wo der nächste Ball landet.
Schönes Spiel, Alexander.



