Waterloo-Station: U-Bahn-Kunst und Roter-Punkt-Protest

11. Mai 2026 | von Maja Henschel

Bunte Tunnelkunst und ungewöhnlicher Protest: Die Waterloo-Station erzählt von Hannovers Verkehrsgeschichte und gesellschaftlichem Wandel.

Historische Aufnahme vom Baubeginn der U-Bahn Linie A in Hannover mit Menschenmenge und Bautafel Foto: ÜSTRA Archiv
Informationstafeln mit Jahreszahlen 1994-1998 in einer modernen U-Bahn-Station, vermutlich Hannover
Foto: Nele Schubert

Unter dem Waterlooplatz in der Calenberger Neustadt verbirgt sich ein Stück Stadtgeschichte. Unweit der klassizistischen Waterloo-Säule begann hier 1965 das Jahrhundertprojekt U-Bahn. Kunsthistorikerin Barbara Schlunk-Wöhler, die bei Stattreisen Hannover die Führung „Stadtbahn, U-Bahn und ein großes… Loch“ leitet, erinnert an die Bauzeit: „Zehn Jahre Baustelle – zehn Jahre wirkliche Entbehrungen.“

1975 fuhr schließlich die erste Stadtbahn unter dem Pflaster – von Waterloo bis zum Hauptbahnhof. Aus dem einstigen „großen Loch“ wurde eine funktionierende Strecke. Die neue Verbindung entlastete die Innenstadt deutlich: Die Straßenbahnen fuhren nun unterirdisch, oberirdisch entstand Raum für Fußgängerzonen.

Die zunächst schlichte Station wurde erst Jahrzehnte später künstlerisch aufgewertet. Bis in die 1970er-Jahre dominierten einfache Fliesen; im Frühjahr 2014 erhielt die Station ihr heutiges Erscheinungsbild.

„Es sind Tableaus, die aussehen wie Kinderbücher“, sagt Schlunk-Wöhler. Sprechblasen und Texte an den Säulen erzählen von Bau- und Stadtgeschichte. Die perspektivischen Illustrationen verleihen dem Untergrund eine überraschende Tiefe und lassen die Räume größer erscheinen.

Kreativer Widerstand unter der Erde

1969 formierte sich in Hannover Protest gegen Fahrpreiserhöhungen. Studierende blockierten aus Protest die Straßenbahnschienen, woraufhin die ÜSTRA den Betrieb einstellte. Diese Maßnahme löste eine außergewöhnliche Solidaritätsaktion aus: Bürgerinnen und Bürger organisierten private Mitfahrgelegenheiten.

Autofahrer kennzeichneten ihre Fahrzeuge mit roten Punkten und signalisierten so ihre Bereitschaft, Fahrgäste kostenlos mitzunehmen. Straßenbahnhaltestellen wurden zu Treffpunkten für spontane Fahrgemeinschaften.

Elf Tage dauerte der Ausnahmezustand. Die Polizei setzte Wasserwerfer ein, doch die Unterstützung in der Bevölkerung wuchs – Schulklassen, Hausfrauen und Vereine solidarisierten sich mit den Demonstrierenden.

Nach knapp zwei Wochen lenkte die Politik ein: Ein einheitlicher 50-Pfennig-Tarif wurde eingeführt, die ÜSTRA in städtische Hand überführt und 1970 der Verkehrsverbund Hannover gegründet. Die Rote-Punkt-Bewegung legte damit einen entscheidenden Grundstein für das moderne Nahverkehrssystem der Stadt.

Collage mit historischen Ereignissen in Hannover, darunter EXPO2000, Hannover 96 und deutsche Wiedervereinigung, Zeitstrahl von 1989 bis 1998

Stadtgeschichte hautnah

Stattreisen Hannover e. V. verbindet in seinen Führungen historisches Wissen mit lebendigem Erzählen. Der Verein richtet sich gezielt an Einwohnerinnen und Einwohner, die „die eigene Stadt bereisen, anstatt zu verreisen“.

Seit über 35 Jahren bieten ausgebildete, ehrenamtliche Stadtführerinnen und Stadtführer thematische Rundgänge an – von Architekturführungen über Theatergeschichte bis hin zu besonderen Themen wie der U-Bahn. Fundierte Fakten treffen dabei auf anschauliche Geschichten.

U-Bahn-Station Waterloo mit Gleisen und moderner Architektur in Hannover
Foto: ÜSTRA/F. Arp