KunstFestSpiele Herrenhausen: Ein Festival im Aufbruch

11. Mai 2026 | von Interview: Frauke Hansen

Brigitta Muntendorf über ihre erste Spielzeit als Intendantin der KunstFestSpiele Herrenhausen.

Porträt einer Frau mit blondem Haar in einem modernen Innenraum – bilder nobilis web Foto: Nele Schubert

Frau Muntendorf, was ist neu bei den KunstFestSpielen Herrenhausen 2026? 

Wir setzen erstmals einen thematischen Fokus, der uns bis 2030 begleiten wird: Kunst an der Schnittstelle von Technologie und Gesellschaft. Wir leben mitten im digitalen Zeitalter – und das verändert auch die Künste. In Musik, Performance oder Bildender Kunst verschwimmen die Genres immer stärker: Elektronik, Video, künstliche Intelligenz oder Robotik werden zunehmend Teil künstlerischer Prozesse. Uns interessiert, wie diese Technologien unsere Wahrnehmung verändern, neue Perspektiven ermöglichen und welche neuen Formen von Kunst daraus entstehen können – mal spielerisch, mal kritisch.

Was bedeutet das konkret für das Programm? 

Wir setzen einen stärkeren Fokus auf Neu- und Koproduktionen. Wir möchten Künstlerinnen und Künstler nicht nur einladen, sondern sie hier in Hannover arbeiten lassen. Wenn Produktionen vor Ort entstehen, verändert das auch die Beziehung zur Stadt: Die Künstlerinnen und Künstler sind länger da, geben Workshops, vernetzen sich mit lokalen Partnern. Gleichzeitig stärkt das die internationale Wahrnehmung der KunstFestSpiele.

Porträt einer Person in moderner Mode, aufgenommen für nobilis Web
Foto: Sebastian Hänel

Ein Beispiel für diese Zusammenarbeit?

 Wir haben eine Produktion, die gemeinsam mit den Wiener Festwochen entsteht. Zwei Wochen wird in Hannover geprobt, dann wandert das gesamte technische Equipment nach Wien, wo weitergearbeitet wird. Nach den Aufführungen dort kommt das Stück wieder zurück nach Hannover. Solche Kooperationen ermöglichen es, Ressourcen zu teilen und gleichzeitig international zu produzieren.

Ein weiterer neuer Baustein ist die „SpektakelAkademie“. Was steckt dahinter? 

Die Idee lehnt sich an Leibniz an, der davon überzeugt war, dass Erkenntnis entsteht, wenn Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen zusammenkommen. Deshalb verstehen wir darunter nicht nur klassische Vermittlungsformate wie z.B. Talks. Auch Dinge wie Fermentier-Workshops, ein Theorie-Rap mit DJ oder gemeinsames Experimentieren gehören dazu. Es geht darum, Räume zu schaffen, in denen Kunst, Wissen und Alltag miteinander ins Gespräch kommen.

Die KunstFestSpiele öffnen sich stärker zur Stadt. Warum ist Ihnen das wichtig? 

Hannover wird oft unterschätzt, dabei gibt es hier eine unglaublich lebendige Kulturszene und eine große Offenheit für Kooperationen. Wir arbeiten etwa mit lokalen Ensembles, Chören oder Initiativen zusammen. Wenn internationale KünstlerInnen hier auf dieses Netzwerk treffen, profitieren alle davon. Zudem möchten wir Räume der Kunst öffnen und zugänglich machen, wie z.B. mit der kostenlosen Audioübertragung von Einstein on the Beach in der temporären Beach Bar am Maschteich am Neuen Rathaus.  

Auch die Formate selbst wirken ungewöhnlich: ein Afterwork-Club am frühen Montagabend oder ein Konzert um fünf Uhr morgens. 

Ja, wir wollen mit Zeiten und Orten experimentieren. Der „Electric Art Monday“ ist ein früher Clubabend mit ausgewählter elektronischer Musik – für Menschen, die tanzen möchten, ohne erst um Mitternacht loszugehen. Und die Fünf-Uhr-Morgens-Performance, die wir zusammen mit dem Fuchsbau Festival entwickeln, ist eine Art Klangmeditation bei Sonnenaufgang: Man liegt auf Bassboxen, spürt die tiefen Frequenzen im Körper und erlebt den Anbruch des Tages mit Live-Musik.

DJ-Performance mit Lichteffekten auf Event – bilder nobilis web
Foto: Reiner Pfisterer

Für wen sind die KunstFestSpiele gedacht – eher für Kenner oder für Neugierige? 

Für beide. Es gibt viele Einstiege: große ikonische Werke, Club- und experimentelle Formate oder unser KinderKunstSpektakel für Familien. Mir ist wichtig, dass man einfach vorbeikommen kann – vielleicht auf ein Getränk, ein Gespräch oder eine kurze künstlerische Erfahrung.

Ihre erste Spielzeit steht kurz bevor. Mit welchem Gefühl blicken Sie darauf? 

Mit großer Vorfreude. Ich habe Lust, gemeinsam mit dem Publikum zu entdecken, was passiert, wenn diese verschiedenen Formate aufeinandertreffen. Viele Produktionen entstehen ja gerade erst. Dieses Moment des Unfertigen gehört dazu.

Und was wünschen Sie sich, wenn das Festival vorbei ist? 

Dass Menschen sagen: „Ich war dabei.“ Dass sie sich erinnern, wie sie morgens um fünf im Garten lagen, abends getanzt oder eine Uraufführung erlebt haben. Wenn dieses Gefühl entsteht, Teil eines besonderen Moments gewesen zu sein, dann haben wir unser Ziel erreicht.

Moderne Klanginstallation in einer Galerie mit Lautsprechern auf Ständern – bilder nobilis web
Foto: Musée d'art contemporain, Montreal. Courtesy of the Artist and Luhring Augustine, New York