MAK Perspektiven: Brücken bauen

22. Juni 2026 | von Frauke Hansen

Von der Nachhilfe zur gesellschaftlichen Integration: Mohammad Al-Kurdi über MAK Perspektiven

Gruppenfoto von Jugendlichen bei einem Fußball-Event im Rahmen des MAK Perspektiven Projekts Foto: MAK Perspektiven

 

Der Verein MAK Perspektiven e.V., gegründet von Mohammad Al-Kurdi, hat sich zum Ziel gesetzt, Kinder und Jugendliche bei Bildung und Integration zu unterstützen. MAK Perspektiven hat seinen Ursprung in Großburgwedel und ist mittlerweile in der ganzen Region Hannover vertreten. Der 27-jährige Gründer erzählt uns im Interview, wie ihn seine eigene Geschichte inspiriert hat und was er sich für die Zukunft wüns

MAK Perspektiven hat mal als Nachhilfe angefangen und ist heute auch ein Verein. Wie kam das?

Mit der MAK Nachhilfe fing alles an, das ist auch immer noch unser Geschäftsmodell. Doch irgendwann haben wir festgestellt: Unsere Zielgruppe lässt sich nicht nur mit Bildung abholen. Bildung ist ein wichtiges Vehikel, aber nicht das einzige, um Integration zu schaffen. Wir wollten den Bildungsbegriff positiver aufladen. Da die Nachhilfe staatlich gefördert wird, durften wir nur diese anbieten – wir wollten aber mehr. Also brauchten wir eine Möglichkeit, Spenden anzunehmen, und daraus wurde der Verein. Die MAK Nachhilfe gibt es bis heute – wir sind inzwischen bei 150 Mitarbeitenden in der Region Hannover und Berlin, an sieben Standorten.

MAK Nachhilfe Perspektiven – Mann vor Logo mit Basketball
Gründer Mohammad Al-Kurdi. Foto: MAK Perspektiven

Sind das feste Mitarbeiter oder auch Ehrenamtliche?

In der Nachhilfe beschäftigen wir Werkstudenten, Minijobber und Honorarkräfte. Im Verein haben wir eine festangestellte Mitarbeiterin, während alle weiteren Personen ausschließlich ehrenamtlich tätig sind.

Wie viele Mitglieder hat der Verein mittlerweile?

So um die 60.

Was sind denn Beispiele für Angebote, die über Bildung hinausgehen?

Es fing damit an – besonders 2015, als wir begonnen haben, mit geflüchteten Jugendlichen zu arbeiten – dass wir merkten: Die Kinder, die zur Nachhilfe kamen, haben in ihrer Freizeit oft sehr isoliert gelebt. Mir war wichtig, ihnen Anreize zu geben, auch außerhalb von Bildung Teil der Gesellschaft zu werden. Wir haben angefangen, die Kids mit ins Schwimmbad zu nehmen, Ausflüge in den Heidepark zu organisieren, gemeinsame Frühstücke – nichts Bahnbrechendes, aber etwas, das sie aus ihrer isolierten Bubble holt. Mittlerweile sind wir darüber hinausgewachsen: Wir haben Sprachcamps, die Karrierebrücke für Schüler der neunten und zehnten Klasse mit Workshops und Einblicken in Ausbildungsberufe, Ferienprogramme, in denen Bildung spielerisch vermittelt wird. Und wir waren auch international unterwegs – als Gruppe in Südafrika, dort haben wir Schulen unterstützt und mit Obst versorgt, und im Dezember 2025 war ich mit meinem Geschäftspartner Johan in Syrien, in Aleppo, wo wir gespendet haben. Ganz ursprünglich fing bei uns ja alles mit Syrien an.

Wie viele Kinder und Jugendliche habt ihr insgesamt schon gefördert?

Ganz sicher über 1.000, wahrscheinlich schon 2.000. Allein aktuell fünf- bis sechshundert Schüler.

Was sind die größten Herausforderungen bei eurer Arbeit?

Leider oft immer noch Sprachbarrieren. Und etwas, das ich als großes kulturelles Thema wahrnehme: Die Erwartungshaltung der Eltern an die Kinder ist oft super streng – alle sollen erfolgreich werden, Ärzte, Ingenieure, Anwälte. Aber gleichzeitig soll die eigene Kultur nicht verloren gehen. Dadurch kommen Kinder oft in eine identitäre Krise, weil das, was von zu Hause gefordert wird, nicht mit dem übereinstimmt, was tatsächlich gelebt wird. Wenn ein Kind merkt, dass es mit Leistung nicht überzeugen kann, sucht es sich oft anders Aufmerksamkeit – wird zum Klassenclown. Das schafft kurzfristig Anerkennung, führt aber oft in einen Teufelskreis: Ablehnung von Lehrern, Misserfolge, Sitzenbleiben, Schulwechsel. Wir stellen fest: Kinder, die wir früh fördern können, legen meistens gute Karrieren hin. Aber sobald sie in die achte, neunte Klasse kommen, müssen wir besonders aufpassen, dass wir sie – und auch die Eltern – auffangen.

Gibt es Erlebnisse, die dich besonders berührt haben – wo euer Impact ganz besonders deutlich wurde?

Das Schönste ist, wenn Kinder, die 2015 oder 2016 ohne ein Wort Deutsch zu können zu uns gekommen sind, heute so weit sind, dass wir sie aufs Fachabitur vorbereiten. Manche fangen bei uns sogar in der Verwaltung an zu arbeiten. Hanin ist so ein Beispiel, sie ist seit 2016 bei uns. Wenn man heute mit ihr spricht, würde man gar nicht merken, dass sie so spät erst bei uns angekommen ist und die Sprache nicht sprechen konnte. Heute macht sie ihr Praxisjahr für das Fachabi bei uns.

Es wäre aber zu einfach, unseren Einfluss auf einzelne Beispiele runterzubrechen – dafür passiert gefühlt jeden Tag zu viel. Es ist eher dieses proaktive Begleiten über lange Zeit, ein prägender Teil im Leben dieser Kids zu sein. Das motiviert einen wirklich, gerade wenn man bedenkt, wie stressig die Arbeit oft ist.

MAK Perspektiven – Jugendliche und Kinder beim gemeinsamen Sport auf dem Fußballplatz
Foto: MAK Perspektiven

Wie bist du dazu gekommen bist, die Nachhilfe zu starten?

Als Abiturient habe ich im Lager und als Tellerwäscher gearbeitet – das war aber auf Dauer zu anstrengend, da hat meine Mutter mir einen Nachhilfe-Job besorgt. Ich habe schnell festgestellt, wie viel Spaß mir das macht – und ehrlich gesagt war es auch ein Weg, meine eigene Identität wiederzufinden. Ich bin in Großburgwedel aufgewachsen, hatte aber keine ganz einfache Jugend – wir haben zwei Jahre in einem Frauenhaus gelebt. Mit meinen arabischen Wurzeln in einem Dorf zurechtzukommen, in dem es sonst niemanden mit dieser Herkunft gab, war nicht immer leicht. Als 2015 die geflüchteten Jugendlichen kamen, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl: Ich kenne diese Kultur, ich kenne ihre Sorgen und Ängste – und ich kann zwischen beiden Welten übersetzen, kulturell wie sprachlich.

Wie hast du dann MAK Perspektiven gegründet?

Ich wollte nach dem Abitur nach Holzminden gehen und Immobilienwirtschaft studieren. Vorher musste ich aber noch ein Jahr arbeiten, um mir das nötige Budget aufzubauen. Ich habe mein Gewerbe angemeldet und aus dem Kinderzimmer heraus Nachhilfe gegeben. Die Kirche, die damals aktiv in der Flüchtlingsförderung war, hat mir einen Raum zur Verfügung gestellt. Meine Verlobte hat mitunterrichtet, und irgendwann hatten wir mehr Schüler, als wir beide schaffen konnten – also habe ich angefangen, Freunde einzustellen. Wir sind dann so schnell gewachsen, dass die Kirche irgendwann sagte, das werde zu kommerziell, wir müssten wieder raus. Wir hatten zu dem Zeitpunkt schon 50 bis 60 Schüler und zehn Mitarbeiter, aber plötzlich kein Büro mehr. Das große Glück: Wegen Corona musste ohnehin alles auf Online-Nachhilfe umgestellt werden, sodass niemand merkte, dass wir kein Büro hatten. Gleichzeitig habe ich neue Räumlichkeiten in Großburgwedel gefunden, im Juni 2020 haben wir eröffnet – und seitdem sind wir in der Bildungslandschaft nicht mehr wegzudenken.

Kinder und Jugendliche beim mak-perspektiven-3 Lauf-Event unter grünem Erima-Bogen mit Cheerleadern im Hintergrund
Foto: MAK Perspektiven

Und heute, sechs Jahre später?

Heute sind wir bei sieben Standorten in der Region Hannover. Im Büro in Großburgwedel kommt der Großteil unserer Schülerschaft mittlerweile aus wohlhabenden Familien, die sich die Nachhilfe problemlos selbst leisten können. In einem anderen Standort, in einem echten Brennpunkt, ist das Verhältnis genau umgekehrt. Wir haben aber irgendwann aufgehört, zwischen verschiedenen Zielgruppen zu unterscheiden – wir wollen einfach ein Ort sein, wo jeder gefördert werden kann. Im Laufe meiner Karriere habe ich mich operativ aus der Nachhilfe zurückgezogen; mein bester Freund Johan hat die operative Führung übernommen, während ich mich um unsere zwei Marketingagenturen kümmere, die wir deutschlandweit aufgebaut haben.

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Dass wir als Gesellschaft wieder mehr Zusammenhalt finden. Das macht mir am meisten Sorgen – wenn wir als Gesellschaft nicht mehr miteinander reden. Social Media trägt enorm dazu bei, dass wir uns in immer extremere Richtungen entwickeln – kulturell, religiös, politisch. Jeder bleibt in seiner eigenen Blase, sodass wir die Fähigkeit zum Diskurs verlieren. Es ist gerade so extrem, dass es kaum noch möglich scheint, unterschiedliche Meinungen zu haben und sich trotzdem zu schätzen. Vor zehn Jahren war das deutlich einfacher. Ich glaube, das ist der Nährboden, auf dem alles andere aufbaut – und wenn dieser Nährboden anfängt zu erodieren, stehen wir nirgendwo mehr stabil. Das ist das größte Thema, das mir aktuell am Herzen liegt.