Klang und Leben
10. März 2026 | von Frauke HansenOliver Perau bringt Musik dorthin, wo Erinnerungen brüchig sind – und bringen längst verloren geglaubte Emotionen an die Oberfläche.
Foto: Frank Wilde
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Manchmal beginnt ein Zauber ganz leise und entwickelt dann eine schier bannbrechende Kraft: Eine scheinbar angestaubte Melodie und ein paar Worte sind die Zutaten, die Erinnerungen wecken und eine Sprache hervorholen, die längst verloren geglaubt schien. Wer das Glück hat, bei einem Konzert von Klang und Leben dabei zu sein, erlebt genau das und wird Zeuge dieser Kraft von Musik. Das Projekt wirkt seit zwölf Jahren dort, wo Kultur selten selbstverständlich ist: in Pflegeeinrichtungen.
Demenz raubt den Menschen, die an ihr erkranken, nach und nach die zeitliche und örtliche Orientierung, Angst bestimmt den Alltag - die Menschen ziehen sich zurück. Was in solchen Situationen wichtig ist: Dinge in den Fokus zu stellen, die Sicherheit bieten, weil sie vertraut und bekannt sind. Musik kann so ein kurzfristiger sicherer Hafen sein.

Der Beginn von Klang und Leben
Initiiert von Rainer Schumann, Schlagzeuger von Fury in the Slaughterhouse, nahm das Projekt Klang und Leben Gestalt an, als Sänger Oliver Perau gefragt wurde, ob er sich eine Mitarbeit vorstellen könne. Der Musiker, bekannt als Sänger der Band Terry Hoax und als sein Alter Ego Juliano Rossi, sagte zu. Die zweite Frage war noch entscheidender: Was für Songs sollten gespielt werden? Oliver hatte sofort eine Idee im Kopf. „Mir fielen alte deutsche Schlager ein – Lieder, die ich von meiner Mutter kannte oder von einer Manfred-Krug-Platte.“ Gemeinsam mit Pianist Lutz Krajenski entstand eine Dreierbesetzung, reduziert, konzentriert, direkt. „Wir haben es ausprobiert – und es hat sofort funktioniert.“
Heute spielt Klang und Leben immer dienstags und mittwochs Hits der 30er bis 70er fast ausschließlich in Pflegeeinrichtungen, manchmal auch in der Tagespflege. Aber immer dort, wo Zeit anders vergeht. Wo Erinnerungen brüchig sind. Und wo Musik plötzlich etwas freilegt, das längst verschüttet schien. Musik – Lieder aus der lang zurückliegenden Jugend – bringt Bilder und Emotionen an die Oberfläche.
Von Unsicherheit zu selbstbewusstem Mitsingen
Die Konzerte sind voller Energie. Manchmal fast zu viel. „Man kommt sich anfangs vor wie ein D-Zug, der in die Einrichtung donnert.“ So erlebt Oliver die Auftritte: Menschen, die sich die Ohren zuhalten. Blicke, die Unsicherheit spiegeln. Doch dann – so ist es oft – passiert etwas. Ein Mann nimmt nach dem vierten Lied die Hände von den Ohren, lächelt – und singt mit. „Solche Momente sind unglaublich.“
Es sind diese kleinen Verschiebungen, die Großes bedeuten. Pflegekräfte sagen: „So haben wir den noch nie erlebt.“ Angehörige weinen, weil sie erfahren, was sie längst verloren glaubten. Und ja – auch bei den Bewohnerinnen und Bewohnern fließen Tränen. „Manchmal auch bei mir“, gibt Oliver zu. „Wenn ich sehe, was da passiert.“


Eine Wirkung, die anhält
Lieder wie „Lili Marleen“, „Junge, komm bald wieder“ oder „Mit 17 hat man noch Träume“ sind tief ins Gedächtnis der meist älteren Menschen eingebrannt. „Ich sage manchmal nur ein Wort – ‚Junge‘ – und der ganze Raum singt weiter.“ Erinnerungen tauchen auf, selbst bei Menschen, deren Diagnose das Erinnern eigentlich nicht mehr zulässt. Einrichtungen berichten, dass die Wirkung anhält – bis zum nächsten Morgen, manchmal länger.
Eine Stunde dauert ein Konzert. Mehr wäre zu viel. „Dann können wir alle nicht mehr – und das ist auch gut so.“ Danach wird gesprochen, gelacht, erzählt. Nähe gehört dazu. „Am Ende kennen wir uns alle.“ Über 850 Konzerte haben die Musiker von Klang und Leben inzwischen gespielt. Es gibt nichts, was nicht schon passiert ist. Auch das Flirten gehört dazu – das Leben eben.
Wo die Kraft von Musik gebraucht wird
Finanziert wird das Projekt durch Spenden, Krankenkassen, Clubs und private Unterstützer. Doch Zahlen sind hier zweitrangig. „Das ist zwar ein gemeinnütziger Verein“, sagt Oliver, „aber er fühlt sich überhaupt nicht gemeinnützig an.“ Denn das, was passiert, ist keine Einbahnstraße. „Ich mache das auch für mich. Es tut mir einfach gut. So vielen Menschen Freude bereiten zu dürfen, ist ein großes Privileg.“
„Ich fahre immer glücklicher nach Hause, als ich gekommen bin.“ Was bleibt, ist ein leiser Luxus: Sinn. Und der leise Beweis, den Klang und Leben jede Woche neu erbringt: welche Kraft Musik haben kann – wenn man sie dorthin bringt, wo sie wirklich gebraucht wird.



