Industrie-Club Hannover: Hier schlägt das Industrie-Herz

12. März 2026 | von Frauke Hansen

Ein Blick hinter die Kulissen: So verbinden Gudrun Benne und Dr. Christian Rosenkranz Hannovers Industrie mit Geschichte und Ideen.

Interview im Industrie-Club mit zwei Personen in moderner Lounge-Atmosphre vor groem Fenster Foto: Henning Scheffen

 

Herr Rosenkranz – wie würden Sie ganz grundsätzlich erklären, was der Industrieclub eigentlich ist und welche Rolle er heute spielt? 

Person im Anzug bei einer Veranstaltung im Industrieclub
Dr. Christian Rosenkranz, Vorstandsvorsitzender des Industrie-Club Hannover. Foto: Henning Scheffen

Christian Rosenkranz: Der Industrie-Club Hannover ist 1887 als Fabrikantenverein Hannover-Linden entstanden und hat sich zu einer unabhängigen Plattform entwickelt, auf der sich Industrieunternehmen auf Augenhöhe begegnen. Für mich ist er ein Ort, an dem wir uns ohne politische Agenda austauschen, Wissen teilen und über die vielfältigen, vor allem wirtschaftlichen Themen sprechen können, die uns alle beschäftigen. Und genau dieses vertrauensvolle, fast freundschaftliche Miteinander macht den Club so besonders.

Wie setzt sich der Club konkret zusammen? Wer gehört dazu – und wer bewusst nicht? 

Gudrun Benne: Unsere 217 Unternehmensmitglieder stammen vorrangig aus der Industrie- oder den sogenannten industrienahen Unternehmen. Die Bandbreite im Netzwerk reicht von dem mittelständischen Unternehmen über Familienunternehmen bis hin zum Konzern. Getreu unserer Tradition als Fabrikantenverein sind Freiberufler bei uns nicht vertreten. Persönliche Mitgliedschaften gibt es aktuell auch nicht.

Welche Themen bestimmen aktuell die Gespräche und die Agenda im Club? 

Christian Rosenkranz: Im Moment sind das vor allem Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Automatisierung – Themen, die quer durch alle Branchen gehen. Dazu kommen Nachhaltigkeit und Dekarbonisierung sowie der Fachkräftemangel. Es hilft ungemein, sich in einem geschützten Raum offen aus der Praxis heraus auszutauschen. Genau das macht den Mehrwert unseres Clubs aus.

Frau im Business-Outfit bei einer Veranstaltung im Industrieclub
Gudrun Benne, Geschäftsführerin des Industrie-Club Hannover. Foto: Henning Scheffen

Was bedeutet das für Ihr Veranstaltungsprogramm? 

Gudrun Benne: Wir haben ein sehr vielfältiges Programm, im Schnitt zwei Veranstaltungen pro Monat. Das breite Spektrum beinhaltet unterschiedliche Formate wie Vorträge, Diskussionsrunden und Besichtigungen. Wie hochkarätig die Referierenden sind, zeigen bspw. unsere Veranstaltungen im Februar bei der Medizinischen Hochschule mit der MHH-Präsidentin und unser jährliches Zukunftsforum Industrie dieses Jahr mit Minister Tonne. Neben den zahlreichen wirtschaftlichen Themen stehen u.a. soziale, wissenschaftliche und kulturelle Fragen auf der Agenda.

Wie politisch ist der Club? Suchen Sie bewusst den Austausch mit der Politik? 

Christian Rosenkranz: Unsere Mitglieder sind nicht unpolitisch, der Club lobbyiert jedoch ganz bewusst nicht. Trotzdem suchen wir den Dialog – aber eben auf Augenhöhe. Ob Olaf Lies, Andrea Nahles oder Bernd Lange: Wir laden politische Akteure ein, um Perspektiven auszutauschen, nicht um Forderungen zu formulieren. Der Industrie-Club bleibt immer neutrale Bühne und Ort der Verständigung.

Der Industrieclub hat eine lange Tradition. Welche Spuren dieser Geschichte prägen Sie heute noch? 

Gudrun Benne: Unsere Herkunft spielt eine große Rolle. Der Fabrikantenverein wurde gegründet, um die ideellen Interessen seiner Mitglieder zu vertreten und den freien, offenen Austausch von Meinungen, Erfahrungen und Wissen zu fördern. Diese Impulsgeberfunktion basiert auf persönlichen Kontakten, die Vertrauen schaffen und wiederum zu Freundschaften und geschäftlichen Beziehungen führen können. Zudem sind wir seit fast 140 Jahren eng mit der Landeshauptstadt verbunden. Sie ist unsere geografische Heimat – hier sind wir tief verwurzelt.

Wie sehen Sie die Außenwahrnehmung Hannovers als Industriestandort – gerade im bundesweiten Vergleich? 

Christian Rosenkranz: Hannover wird häufig zuerst als Messestadt wahrgenommen, was auch richtig ist. Aber gleichzeitig haben wir starke industrielle Player wie Continental oder Volkswagen Nutzfahrzeuge – und viele Hidden Champions. Der Standort ist in der Transformation, und genau da kann der Industrie-Club helfen: indem wir Kräfte bündeln und die industrielle Identität der Region sichtbarer machen.

Wenn Sie an die Zukunft denken: Welche Aufgaben und nächsten Schritte stehen für den Industrieclub an? 

Gudrun Benne: Wir wollen die Vernetzung unserer Mitglieder weiter vertiefen und den Dialog mit Politik und Gesellschaft intensivieren. Gleichzeitig möchten wir die Außenwahrnehmung des Industriestandorts stärken und neue Konzepte entwickeln, um Hannover auch künftig industriell gut aufzustellen. Der Wandel verlangt, dass wir enger zusammenrücken.

Wie wird man eigentlich Mitglied im Industrieclub – und warum lehnen Sie trotz Nachfrage manchmal Bewerbungen ab? 

Gudrun Benne: Interessierte Unternehmen wenden sich an mich, und wir gleichen unsere Erwartungen in einem Gespräch ab. Danach entscheidet unser Aufnahmeausschuss, ob das Unternehmen zum Club passt. Wir sind an langfristigen Partnerschaften interessiert und wünschen uns Interesse am Mitgestalten.

Was gewinnen die Unternehmen durch ihre Mitgliedschaft – ganz konkret im Alltag? 

Christian Rosenkranz: Sie bekommen Zugang zu einem einzigartigen, branchenübergreifenden Netzwerk. Da spricht dann der ITLeiter mit einem Maschinenbauer oder eine Klinikmanagerin mit einem Zulieferer. Viele bringen gezielt Kolleginnen und Kollegen mit, die fachlich profitieren. Diese praxisnahe Form des Austauschs ist enorm wertvoll.Leiter mit einem Maschinenbauer oder eine Klinikmanagerin mit einem Zulieferer. Viele bringen gezielt Kolleginnen und Kollegen mit, die fachlich profitieren. Diese praxisnahe Form des Austauschs ist enorm wertvoll.

Sie sind frisch in die Villa Seligmann gezogen. Warum passt dieser Ort so gut zum Industrieclub? 

Gudrun Benne: Räumlich und symbolisch beginnt ein neues Kapital. Wir knüpfen an die Unternehmergeschichte von Siegmund Seligmann, dem Mitbegründer der Continental, an. Er war Industrieller, Förderer der Künste und engagierter Bürger. Er steht für genau die Werte, die wir seit fast 140 Jahren vertreten. Somit schließt sich ein Kreis und wir schlagen eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen wirtschaftlicher Gestaltungskraft und kulturellem Erbe. 

Zwei Personen im Business-Outfit vor dem Industrieclub-Gebäude im Winter
Der Industrie-Club ist Ende 2025 in die Räume der Villa Seligmann gezogen. Foto: Henning Scheffen