Ein Wohnzimmer wird zur Bühne

23. Februar 2026 | von Maja Henschel

Die besondere Konzertreihe Red Fridge vereint Kultur, Nähe und Inspiration – mitten in Linden und weit über den Stadtteil hinaus.

Lesung in einer Bibliothek mit Red Fridge Dekoration, Jukebox und britischer Telefonzelle Foto: Frank Schmitz

 

Wer an einem Red-Fridge-Abend die schmale Treppe bis in den vierten Stock eines Lindener Altbaus hinaufsteigt, ahnt zunächst nicht, was ihn erwartet. Ein Treppenhaus voller Spuren vergangener Jahre und dann öffnet sich oben eine Wohnung, die überrascht. „Viele sagen: So eine tolle Wohnung, hätte ich gar nicht gedacht“, erzählt Gastgeber Marco Heuer. Genau diese Momente des Entdeckens gehören zum Konzept. Red Fridge ist kein klassischer Veranstaltungsort, sondern ein Wohnzimmer und längst ein fester Bestandteil der hannoverschen Kulturszene.

„Red Fridge ist ein Ort, an dem Kultur, Menschen und gute Ideen zusammenkommen, kreativ, herzlich und immer offen“, sagt Heuer. Bis zu 40 Gäste finden Platz zwischen Bücherwand, kleinen Lampen und dem namensgebenden roten Kühlschrank. Manchmal werden es mehr. Dann rückt man enger zusammen, die Atmosphäre wird dichter. Die Getränke bleiben in Sichtweite, die Distanz zwischen Publikum und Künstlern verschwindet fast vollständig.

Gruppenfoto bei einer Party mit rotem Kühlschrank und Schild 'Welcome Cyril & Marcel #67'
Foto: Frank Schmitz

Jeder Red-Fridge-Abend ist anders

Diese Nähe verleiht den Abenden eine besondere Intensität, künstlerisch wie menschlich. Red Fridge versteht sich als geschützter Raum, in dem ausprobiert werden darf. Das Programm reicht von Singer Songwriter Konzerten über Lesungen bis hin zu Vorträgen aus Wissenschaft und Journalismus. Hinzu kommen sogenannte Blind Booking Abende, bei denen die Gäste Kultur erleben, ohne vorab zu wissen, was sie erwartet, sowie ein politisches Debattenformat. Bekannte Namen stehen ebenso auf dem Programm wie Newcomer. Entscheidend ist weniger der Bekanntheitsgrad als eine Frage, die sich Heuer vor jeder Einladung stellt: Würde das auch andere interessieren? Wenn er davon überzeugt ist, wagt er das Experiment.

Dass dieses Gespür trägt, hat auch mit Heuers eigenem Werdegang zu tun. Der Journalist, Autor und Moderator ist zudem als Coach und Mediator ausgebildet. Neugier, lebenslanges Lernen und das Interesse an Brüchen in Biografien prägen seine Arbeit. „Das Leben verläuft selten gradlinig“, sagt er. Gerade darin liege das Erzählenswerte und die Achtung vor den Lebensentwürfen anderer. Jeder Red Fridge Abend sei deshalb anders und verlange Offenheit von den Künstlern ebenso wie vom Publikum. Humor gehört dabei immer dazu.

Lesung und Musikveranstaltung in einer Buchhandlung mit Publikum, artikel redfridge
Foto: Marco Heuer

Der rote Kühlschrank als Symbol

Red Fridge ist bewusst klein gehalten. Die Zahl der Veranstaltungen ist für einen Vollberufstätigen ambitioniert. Mehr als 20 Abende pro Jahr sollen es eigentlich nicht werden, hat Heuer seiner Frau versprochen, die in Köln lebt und mit ihm seit vier Jahren die Pendelei gewohnt ist. Auch aus Rücksicht auf die Nachbarschaft bleibt das Format überschaubar, deren Wohlwollen Heuer schätzt. Gleichzeitig tritt Red Fridge inzwischen auch auswärts auf, in diesem Jahr unter anderem in Köln sowie in Caen in der Normandie.

Finanziell ist das Projekt kein Selbstläufer. Die Eintrittsgelder fließen in die Gagen der Künstler, der Gastgeber selbst verdient nichts daran. Um Red Fridge langfristig zu sichern, denkt Heuer über neue Strukturen nach, von Kulturpartnerschaften bis hin zu einer Vereinsgründung. Unterstützt wird er inzwischen von einem ehrenamtlichen Beirat.

Der rote Kühlschrank, einst eine spontane Namensidee seiner Frau, ist längst mehr als ein Markenzeichen. Er steht für einen Ort, an dem Begegnung Zeit und Tiefe bekommt. Für ein Wohnzimmer, das offen ist für unterschiedliche Perspektiven, Experimente und Gespräche. Wer einen Red Fridge Abend verlässt, tut das oft mit dem Gefühl, Teil von etwas sehr Persönlichem gewesen zu sein. Vielleicht liegt genau darin die besondere Kraft dieses Formats, in der Einladung, für einen Abend anzukommen und etwas mitzunehmen, das über das Wohnzimmer hinaus nachwirkt.