Die „Kreuzklappe“ und ihre Geschichten

12. März 2026 | von Frauke Hansen

Ein historisches Haus, eine türkische Familie und fünf Jahrzehnte Gastfreundschaft: Die „Kreuzklappe“ erzählt Geschichte mit jedem Teller.

Zwei Personen im Restaurant Kreuzklappe, eine Person trägt eine Schürze mit dem Schriftzug Kreuzklappe Foto: Frauke Hansen

Wer durch das Kreuzkirchenviertel schlendert, sieht es sofort: Das dreigeschossige Haus im Kreuzkirchhof 5 atmet Vergangenheit. Der schmale Giebel, die roten Klinker, der Blick zur Kreuzkirche – ein Bild, das auch vor hundert Jahren so hätte wirken können. Die „Kreuzklappe“ gehört seit 1887 als Gasthaus zu Hannover, länger als die meisten Straßen, die sie umgeben. Und doch trägt sie heute einen Duft in sich, den hier niemand erwartet hätte: den von Adana Kebap, Auberginen in Tomatensauce und frisch gebackenem Baklava. Denn die „Kreuzklappe“ ist ein Stück Altstadtgeschichte – und ein türkisches Familienrestaurant. Beides gehört hier zusammen wie Stein und Mörtel.

Olcun Yesil, der heutige Inhaber, lächelt, wenn er erzählt, wie oft Gäste den Namen ansprechen. „Viele kommen rein und erwarten ein deutsches Lokal. Dann sehen sie unsere Speisekarte und sind überrascht.“ Der Name „Kreuzklappe“ ist denkmalgeschützt, so wie das Gebäude selbst. Ändern durfte ihn niemand. Und so wurde ein Gasthaus, in dem einst Krämer, Schwarzhändler und später SA-Männer ein- und ausgingen, zu einem Ort echter Gastfreundschaft.

Seit 50 Jahren in Familienhand

Seit 1976 ist die „Kreuzklappe“ in Familienhand. Erst führte sie Olcuns Vater, heute leitet er selbst den Betrieb – seit 2019 offiziell, aber in Wahrheit seit Kindertagen. „Ich bin hier groß geworden. Ich kenne die Küche, die Gerüche, den Rhythmus.“ Manchmal, sagt er, reicht ein Schritt durch die Tür, und der Duft eines Gerichts trägt ihn zurück in seine eigene Jugend.

Der historische Raum, in den Olcuns Familie einzog, war damals noch ein deutsches Lokal. Sein Vater und dessen Cousin übernahmen den Betrieb über die Gilde Brauerei – mit Auflage, den Namen zu behalten. „Alles andere haben wir umgestaltet“, sagt Olcun. Doch der Charakter blieb. Die dunklen Holztische, die warmen Farben, kleine Erinnerungsstücke, die sich über Jahrzehnte angesammelt haben. An einer Ecke steht eine Wasserpfeife, die Olcun und seine Frau in ihren Flitterwochen gekauft haben. Nie benutzt – aber ein Symbol für die Geschichten, die hier weitergegeben werden.

Zwei Personen im Restaurant Kreuzklappe, einer mit Kreuzklappe-Schürze
Foto: Frauke Hansen

Ein Ort für Stammgäste und Erinnerungen

Und Geschichten hat die Kreuzklappe viele. Von Stammgästen, die seit den 70ern kommen. Von Paaren, die hier ihren Hochzeitstag feiern, weil sie vor Jahrzehnten schon einmal an diesem Tisch saßen. Von Kindern, die als Säuglinge mitgebracht wurden und heute größer sind als Olcun selbst. Eine Frau erzählte kürzlich, ihre Eltern hätten hier jeden Freitag ihren Raki getrunken – „da war ich noch ganz klein“. Jetzt sitzt sie mit eigenen Freunden an genau diesem Tisch.

Die Speisekarte hat sich kaum verändert, und genau das lieben die Gäste. Adana Kebap ist der unangefochtene Favorit, dazu das vegetarische Imam Bayildi – Aubergine mit Zwiebeln, Tomate, Käse. Und natürlich der hausgemachte Döner. „Bei uns wird alles selbst vorbereitet und zubereitet“, sagt Olcun. Auch die Küchen-Crew selbst besteht aus Menschen, die dem Restaurant seit Jahrzehnten treu sind. Einer der Köche arbeitet hier seit 30 Jahren.

Ein Ort, an dem Geschichte lebendig ist

Was den Erfolg des Restaurants ausmacht? Vielleicht, dass es mehr Wohnzimmer als Lokal ist. Dass hier seit 50 Jahren dieselbe Familie den Schlüssel in der Hand hält. Dass Olcuns Vater auch mit 78 noch täglich vorbeikommt, den Einkauf erledigt oder einfach nur schaut, ob alles läuft. Dass Gäste hier nicht nur essen, sondern Erinnerungen wiederfinden. „Es ist das größte Kompliment, wenn jemand sagt: Wir kommen wieder“, sagt Olcun. Und genau das tun sie – seit Jahrzehnten.

In einem Viertel, das im Zweiten Weltkrieg zerstört und später neu aufgebaut wurde, ist die Kreuzklappe ein Ort, an dem Geschichte nicht museal wirkt, sondern warm und lebendig. Ein Restaurant, das gelernt hat, mit der Zeit zu gehen, ohne sich jemals zu verbiegen. Ein Platz für gutes Essen, alte Geschichten und neue Begegnungen – und ein Stück Hannover, das man nie vergisst. 

Vorspeisenteller im Restaurant Kreuzklappe mit verschiedenen mediterranen Spezialitäten, Gemüse, Dips und Brot
Foto: Frauke Hansen
Teller mit gemischtem Grillfleisch, Reis, gegrilltem Gemüse und Soße – typisch türkische Spezialität
Foto: Frauke Hansen