Arbeiten mit Terrazzo: Der letzte Schliff
23. Februar 2026Der berühmteste Terrazzo liegt am Walk of Fame. Das Renaissance-Material ist wieder Trend. Luisa Verfürth traf Wahle im Atelier.
Foto: Luisa Verführt
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Wenn man in Linden von der Ricklinger Straße 89 auf den Hinterhof einbiegt, kommt man zu einem wunderschön geklinkerten Atelier im Erdgeschoss. Katharina Wahle lehnt in der Tür und wartet schon auf mich. Sie trägt eine blaue Schürze und bittet herein. Wahle hat Innenarchitektur studiert und auch als Architektin gearbeitet. Dann entdeckte sie auf Instagram eine Designerin aus UK, die Terrazzo entstehen ließ. Und spürte: Das möchte ich auch machen. „Ich hatte immer schon ein Faible für hochwertige Fliesen. Und jetzt mache ich genau diese selbst.“
Und nicht nur Wahle, sondern auch ihre Workshop-Teilnehmer können wunderschöne Pieces aus einem modernen, mineralischen Gießmaterial herstellen, das sich mit farbigen Zuschlägen mischen lässt – von bunten Chips, die Wahle selbst herstellt, bis hin zu klassischem Marmor-, Granit- oder Glas-Split – und sich für ein eigenes Terrazzo-Unikat einbuchen.

Der Entstehungsprozess einer Bowl
Aus unterschiedlichen Untersetzerformen und sogenannten „Bowls“, kleinen, abgerundeten Schälchen für Ringe, Räucherstäbchen oder kleine Snacks, wähle ich die große Bowl aus. „Ist das ok?“, frage ich. „Es ist die anspruchsvollste, weil du viel schleifen musst am Ende, Luisa, aber du schaffst das“, macht mir Wahle Mut.
Wir beginnen am Regal, das mit unendlich vielen kleinen Schalen dekoriert ist – alle voller kleiner, von Wahle selbst hergestellter, unterschiedlich bunter Terrazzosteine. Daneben liegt das Buch: „A Dictionary of Color Combinations“ – Farbenlehre. Katharina hilft mir bei der Auswahl und Zusammenstellung, lässt mich aber erstmal machen. „Es ist super interessant zu sehen, welche Farben meine Teilnehmer wählen. Man erkennt viel von ihrer Persönlichkeit oder Stimmung.“
Ich entscheide mich für ein helles Flieder in Kombination mit Orange und Pistaziengrün. Mit diesen drei Eimern im Schlepptau gehen wir zur Waage. 170 Gramm brauchen wir für die große Bowl. Dazu wiegt Katharina Flüssigkeit und Basismaterial grammgenau ab.
Ich nehme am großen Tisch Platz und lege los. Vermische das Pulver mit der Flüssigkeit und einer Pigmentmischung aus Ocker und Rot, immer rühren – und am Ende noch die eigene Terrazzo-Mischung. Dann schnell alles in die Silikonform. Ab jetzt rennt die Zeit.
Innerhalb von 20 Minuten verhärtet sich die Masse und wird steinhart. Wahle nimmt die Silikonform immer wieder in die Hände, bewegt die Masse und lässt sie ein bisschen auf die Tischplatte fallen, damit sie sich setzt. Kleine Luftbläschen entstehen an der Oberfläche. Dann heißt es warten – und Zeit für ein Gespräch. Hinter mir stapeln sich Module aus Terrazzo, gefertigt aus Bauschutt: ein Auftrag der Hochschule Merseburg. „Die Auftraggeber wollten das Material aufgreifen und weiterverarbeiten. So erzähle ich in den neuen Bausteinen, die Teil eines Ausstellungssystems werden, ein Stück dieser alten Geschichte weiter.“ B2B ist ein großes Thema für Wahle. Gerade designte sie Tischplatten für Anigo Space im Corporate Design und für Siemens wird sie für 2026 Wandreliefs in den Firmenfarben entwerfen. „Das ehrt mich sehr und macht mich auch stolz, dass meine Arbeit so wertgeschätzt wird.“
Wahles Reliefs hängen auch im Atelier an den Wänden. Ganz unterschiedliche Fliesen, die sie alle selbst gießt und in geometrischen Anordnungen zu einem Kunstwerk kombiniert. Dreidimensional. Mit Tiefe. Und mit dem Wunsch, sie zu berühren.
Warum Terrazzo so fasziniert
Anfassen ist bei Terrazzo ein großes Ding. Die Bowl, die ich heute gieße und jetzt aus der Silikonform löse, ist erst noch rau und etwas samtig. Nach dem Schliff (es hat wirklich fast eine Stunde gedauert und meine Muckis glühen) glänzt das Terrazzo wie gewienert. Wahle holt noch eine Politurpaste und lässt die Oberfläche glänzen. „Das Schöne ist, dass meine Workshop-Teilnehmer ihre Kreationen direkt im Anschluss mit nach Hause nehmen können. Die Werke sind nach dem Schleifen und Polieren fertig.“
Mit ihren Workshops tourt Wahle inzwischen durch ganz Deutschland. Bei ihr buchen sich Teamevents genauso ein wie Geburtstage oder JGAs. „Ich merke einfach, dass der Trend – neben aller KI und digitalem Angebot – für handgemachte Dinge da ist. Handwerk wird wieder sehr wertgeschätzt und ich freue mich jedes Mal, hier mit meinen Teilnehmern Platz zu nehmen, sie kennenzulernen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Mit den Steinen zu arbeiten, zu gießen, die unterschiedlichen Materialstufen zu sehen und zu schleifen, hat etwas sehr Meditatives. Und was gibt es Schöneres, als selbst etwas zu erschaffen – mit den Händen –, auf das man danach richtig stolz sein kann. Das kann keine KI.“


