Zeitzeugen auf Schienen
22. September 2026 | von Annika EnkeHistorische Straßenbahnen in Hannover: Fritz Faupel leitet seit 1997 den Förderverein Straßenbahn Hannover - ein Gespräch über alte Wagen und große Abenteuer.
Drei Fahrzeuggenerationen aus rund 50 Jahren Stadtbahnentwicklung: die creme-rote Straßenbahn der 1950er/60er-Jahre, der rot-weiße Wagen der Stadtbahn ab 1975 und das grüne Modell der modernen Stadtbahn seit 1997Foto: Fritz Faupel
Schon als Kind war Fritz Faupel von Straßenbahnen fasziniert. 1984 begann er mit 16 Jahren seine kaufmännische Ausbildung bei der ÜSTRA, zehn Jahre später erhielt er die Fahrerlaubnis für historische Bahnen. Seit 1997 leitet er den Förderverein Straßenbahn Hannover e.V., der die historischen ÜSTRA-Fahrzeuge dauerhaft erhält und betreibt.

Dreißig Fahrzeuge, ein Lebenswerk
Rund 30 Fahrzeuge umfasst die Sammlung. Einen Favoriten zu benennen, fällt Faupel schwer: "Der Arbeitswagen 804 Baujahr 1928 fasziniert durch seine einfache, zweckmäßige Bauart und die Tatsache, dass auch nach fast 100 Jahren kein besseres Neufahrzeug am Markt verfügbar wäre. Der elegante Großraumwagen 336 war in den 50ziger Jahren ein Quantensprung und in meiner Kindheit die älteste Bahn im regulären Einsatz mit viel Holz im Innenraum und einem sehr markanten Motorgeräusch. Noch dazu war es das erste Fahrzeug, das wir Ehrenamtlichen eigenständig restauriert haben," erzählt er. "Den Prototypen 601 (Baujahr 1970) unserer grünen Stadtbahnen, den rot/weißen Pionier der erfolgreichen, hannoverschen Stadtbahngeschichte aus Kanada zurück nach Hannover geholt zu haben, war definitiv persönlich mein größtes Abenteuer."

Am aufwendigsten ist die Pflege: Die Wagen werden von Hand gewaschen, bei einem 35 Meter langen Gelenkwagen keine kleine Aufgabe. Auch die technische Instandhaltung fordert viel Erfahrung, da Ersatzteile kaum noch zu bekommen sind. Die Spurweite von 1435 Millimetern gilt in Hannover seit der Pferdebahn von 1872 und ist bis heute erhalten geblieben, sodass die meisten Oldtimer noch alle Strecken befahren können.
Vom Geburtstag bis zur Trauung
Gemietet wird die Bahn für Geburtstage, Hochzeiten, Jubiläen oder Klassentreffen. Wirklich überrascht haben Faupel bislang nur Anfragen, mit der Straßenbahn durch Bereiche zu fahren, in denen gar keine Schienen liegen. Die standesamtliche Trauung an Bord entstand, weil einst ein ÜSTRA-Pressesprecher selbst in der Bahn heiraten wollte, daraus wurde ein festes Angebot.
Viele Kundinnen und Kunden kommen wieder, etwa um nach dem 60. Geburtstag später auch den Ruhestand und den 90. Geburtstag in der Bahn zu feiern. Wer noch keine Berührung mit der Straßenbahn hatte, ist beim Stahlwagen 178 von 1928 überrascht, wie edel die hölzerne Ausstattung ist. Wer als Kind mit der Bahn zur Schule fuhr, erlebt oft ein echtes Déjà-vu.

Wiedersehen mit alten Bekannten
Der bewegendste Moment für Faupel selbst: 2017 durfte er zum 125-jährigen ÜSTRA-Jubiläum den ersten elektrischen Triebwagen von 1893 persönlich über den Bahnhofsvorplatz steuern. Was die Bahnen wohl erzählen würden? Das beschäftigt Faupel regelmäßig: Über Verwundetentransporte in zwei Weltkriegen bis zu Schulkindern, die nach dem Krieg mit der roten 11 bis Hildesheim pendelten. Für Faupel ist die Straßenbahn bis heute ein Stück lebendiger Stadtgeschichte.


