Die 90er sind zurück
19. März 2026 | von Luisa VerfürthZwischen Buffalos, Bauchfrei und Bravo: Eine herrlich schräge Reise zurück in die wilden 90er – voller Mode, Chaos und Nostalgie.
Luisa heute und in den 90ern. Foto: Maja Henschel/Luisa Verfürth
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Schon beim Blick auf meine Fotos aus den 90ern war mir klar: „Vielleicht war das doch so keine gute Idee, das öffentlich zu machen“. Bis heute ist es mir schleierhaft, wie sich damals auch nur ein Junge für mich interessieren konnte.

Ich hatte Augenbrauen, die so dünn abrasiert waren, dass man meinen konnte, ich hätte mich für eine Clowns- Parodie beworben. Die Techno-Ikone Marusha hatte sie wenigstens ganz wegrasiert.
Generell trug ich zwei Jahre lang nur Pink, auch am Kopf, und vorzugsweise Schlaghosen. Darunter so genannte Osiris-Turnschuhe, in die wir unter die Lasche immer Schwämme steckten, damit sie noch praller aussahen. Meine Fila-Basketballschuhe vom wöchentlichen Training trug ich zur Freude des Hallenfußbodens auch im Straßenverkehr, weil ich sie einfach turbolässig fand. Genau wie meine Timberland-Schnürschuhe, die mir irgendwie so einen Tupac-Shakur-Vibe vermittelten. Man ging auch gleich viel breitbeiniger.
Bauchfrei war das Motto
Zum Unheil meiner Großmutter trug ich Sommer wie Winter bauchfrei und ich bin mir sicher, dass sie bis heute für die Gesundheit meiner Nieren betet. Die 90er waren wild. Im Moment höre ich gern wieder Echt, die Boyband um Kim Frank. Sie erinnern mich an die Bravo, an Dr. Sommer und daran, wie wir uns das erste Mal künstliche „French“- Fingernägel geklebt haben, die uns dann Silvester beim Anmachen unserer Zigarette (damals rauchte man noch indoor) am Feuer des Streichholzes abgekohlt sind. Ich trug sie angekokelt an meinen Händen den Abend weiter zu einem hautengen Schlangenmuster-Kleid mit Spaghetti-Trägern (Slip-Dresses wieder sehr modern gerade!). Und genauso feierten wir im MEC am Raschplatz dann ins neue Jahr.
Mein ganzer Stolz in den 90ern waren ein Fiorucci- T-Shirt (ja, die mit diesem Engelspaar drauf ), ein paar Buffalos (die nicht mir, sondern meiner besten Freundin Lilli – sie wohnte die Straße gegenüber und lieh sie mir immer – gehörten), ein „Van Dutch“-Cap und einen Rock, der in allen Schuppen des Regenbogenfisches glänzte und den ich mit 14 in London während einer Sprachreise bei Topshop gekauft hatte. Genau wie mein Stretch-Wasserfall-Abschlusskleid für die Tanzschule. Der Rock ging bis knapp über den Po. Jeden Freitag hatte ich mit meiner Mutter eine riesige Diskussion, ob ich so (!) ins Rainbow zur Schaumparty fahren dürfte. Wer mich kennt, kennt die Antwort.
Miss-Sixty-Hosen waren der Renner

Wenn ich heute das Bild sehe, wie ich meinen 16. Geburtstag in einer Miss-Sixty-Hose feiern konnte, die an der Seite geschnürt war und an der Hüfte den Bauchnabel nur von weitem grüßte, frage ich mich manchmal wirklich, wie ich in Hamburg an der Universität für Modejournalismus angenommen werden konnte.
Aber in Lehrte – bei uns auf dem „Dorf“ – hatten wir unsere eigene Schule. In den 90ern trugen wir XL Homeboy-T-Shirts von unseren großen Schwestern, also der von Lilli, oder wir fragten Oma Kikki, ob sie uns bei Goslar (das war ein Schuhgeschäft) die coolen Cowboystiefel kaufen konnte. Bei meiner Mutter gab es nur Birkenstock. „Damit deine Füße auch mal Luft kriegen und ein gutes Fußbett haben“. Gott, meine Mutter war so ein Trendsetter. Heute liebe ich sie. Früher habe ich sie immer zusammen mit meinem lila Helm in der Hecke versteckt vor der Schule, um meine Plateau-Turnschuhe anzuziehen und mit dunkelrot umrandeten Lippen und zur Spirale getüddelten Haaren zur Schule zu gurken. Natürlich astrein mit meinem Lederranzen von Bree, der komplett vollgekritzelt war mit Kugelschreiber. Wir trugen hellblauen Eyeliner und gezackte Haarreifen, die dafür sorgten, dass im Haaransatz eine Wellenbewegung entstand. Und mir wird heute noch blümerant bei dem Geruch, den die Polyester T-Shirts mit so bunten Raver-Spiralen aussendeten, die aussahen, als hätte man sich eine Lava-Lampe angezogen.

Wenn mich mein erster Freund Sami abholte und ich mich aus dem Haus schlich, um mit ihm um die Häuser zu ziehen, trug ich am liebsten eine Leopardenkorsage aus Fake Fur, die ich in der Passerelle gekauft hatte. Sami lieh mir auch mein „erstes eigenes Handy“. Ein Nokia, das ich zu seiner Entzückung mit goldenem Edding anmalte. Für eine SMS brauchte man damals zehn Minuten, bis man sie in die Gummitasten reingedrückt hatte. Aber alles besser, als bei meiner Mutter auf dem Festnetz anzurufen. Umso länger ich drüber nachdenke, umso besser gefielen mir die 90er doch.
Farben, Farben, Farben
Ich trug hochgekrempelte, apfelgrüne Karottenjeans von Benetton und einen Seesack mit dem gleichen Logo des Brands, der mein ganzer Stolz war und mit mir überall hinradelte. Wickelröcke in Apfelgrün kombinierte ich genau so gern wie ganz schmale Sonnenbrillen, die mir bis heute nicht stehen. Auch ein gehäkelter Hut in Regenbogenfarben sorgte beim Gran-Canaria-Urlaub mit meinen Großeltern dafür, dass mir ein Kellner einen Zettel mit „Eres muy sympatico“ zusteckte. Meine Oma Anni nahm ihn sich danach zur Brust. Ich denke oft daran zurück.
Die 90er waren das Jahrzehnt der Farben. Bunte Augenbrauen, Wimpern und Haare. Am besten noch Sonnenblumen rein. Schnullerketten an Eastpak-Rucksäcken. Trolle gesammelt. Diddl-Mäuse und Leonardo-Gläser. Die Kindergeburtstage waren gerettet. Es war richtig was los. Nur eines habe ich nie bekommen: Eine G-Schock-Uhr. Meine beste Freundin Svenja hatte eine. War ich immer neidisch drauf. Wie auf die Buffalos von Lilli. Heute habe ich selbst welche. Und wenn ich meine Tochter heute anschaue, muss ich oft in mich hineinlächeln. Bauchfrei. Schlaghosen. Skaterjeans. Selbst Billie Eilish trägt wieder Osiris D3.
Die 90er waren gar nicht so schlecht

Wenn man mich fragt, ob ich irgendwas rückblickend gern ändern würde? Vielleicht die Solarium-Routine. Meine beste Freundin jobbte dort, genau wie im Kiosk, und wenn wir nicht in der Pause auf dem Klo rauchten, lagen wir nachmittags unter den Malediven-Röhren. Was dazu führte, dass ich in dem griechischen Restaurant, in dem ich in der Mittelstraße kellnerte, oft in Landessprache angesprochen wurde. Zu dem hellblauen Lidschatten kam der Teint richtig en vogue. Ich leuchtete quasi hinter dem Tresen.
Wenn ich jetzt die Fotos aus den 90ern nochmal angucke, finde ich sie gar nicht mehr so schlecht. Es war eine bunte Ära. Ein Jahrzehnt voller Musik, bunter Farben, Aufbruchstimmung, Party, Fun, Leichtigkeit und auch ein bisschen schräg. Es war alles erlaubt, alle frech wie Tic Tac Toe oder melancholisch wie Kurt Cobain und manchmal auch ein bisschen drüber – wie Scatman John. Ich bin froh, dass sich die Mode wiederholt. Diesen Zeitgeist können wir gerade sehr gut gebrauchen. Und findet man in Vintage-Stores voller wunderschöner Anekdoten. Viel Freude beim Inspirieren lassen, Umsetzen aber auch beim Zurückblicken. Die Mode kommt immer wieder. „Wie ein Boom-Boom-Boom-Boom Boomerang.“







