Stimmen, die bleiben

06. Oktober 2026 | von Johanna Ahrbecker

Damit nicht nur Erinnerungen, sondern auch Stimmen unvergessen bleiben, verwandelt Ingo Stoll sie in Audiografien.

Audiograf in kreativem Arbeitsumfeld mit Notizzetteln und Fäden im Vordergrund Bunte Notizen zieren die Wände in Ingo Stolls Studio in Gehrden. Aus einzelnen Erinnerungen und Erzählfäden entsteht das große Ganze einer Lebensgeschichte. Foto: Johanna Ahrbecker

 

„Alles hier hat eine Stimme“, sagt Ingo Stoll und öffnet die Tür zu seinem Wohnzimmer. Er gibt den Blick auf eine Voliere frei. Zwei Graupapageien tapsen auf ihren Ästen umher und glucksen leise vor sich hin. Durch eine leicht geöffnete Schiebetür dringt Vogelgezwitscher aus dem Garten hinein, begleitet von warmen Sonnenstrahlen. Stoll spaziert barfuß durch den erhellten Raum, stellt Kaffee und Tee auf dem Tisch bereit. Dann beginnt er zu erzählen.

Papagei steht neben Laptop mit Audioprogramm und Notizzetteln – audiograf-3
Süße Gesellschaft: einer der Graupapageien von Ingo Stoll. Foto: Privat

Das gesamte Spektrum an Emotionen  

„Unsere Stimme kann ein stärkeres Kennzeichen unserer Persönlichkeit sein als ein Fingerabdruck“, erklärt Stoll. Aus diesem Grund verwandelt er Lebensgeschichten nicht in geschriebene Biografien, sondern in eine Art Hörbuch: in eine Audiografie. „Anders als in einem Buch hörst du eine Stimme, die das komplette Spektrum an Emotionen transportiert. Man stelle sich einmal eine Person vor, die aus tiefstem Herzen heraus lacht.“ Die Audiografie hält diese spontanen Gefühle neben Erzählungen aus der Vergangenheit fest.  

Ein Schatz, den es zu hüten gilt  

Die Idee zur Audiografie fand seinen Ursprung in einer viel mehr zufälligen Aufnahme. „Ich habe diese Aufzeichnung von meiner Mutter“, setzt der 52-Jährige an und erinnert sich ans Jahr 2015 zurück.  Zu dieser Zeit besucht Stoll sie regelmäßig auf der Palliativstation. „Damals war ich noch kein Audiograf, aber ich machte bereits Podcasts. Eines Tages habe ich sie gefragt, ob ich ihr zeigen soll, wie das funktioniert.“ Stolls Gestik wird lebhafter. „Ich hatte in dem Moment noch gar nicht den Gedanken, ihre Stimme zu erhalten. Ich habe ihr einfach gezeigt, wie man mit dem Laptop und mit Kopfhörern etwas aufnimmt.“

Heute hätte er die Möglichkeit, jederzeit in die Aufnahme reinzuhören. Doch vielleicht reicht bereits das Wissen darüber, sie zu haben. „Das Thema Tod und Trauer war damals eine Schublade, die ich lieber zugelassen habe. Ich habe mich gefragt, wie es wird, wenn ich ihrer Simme begegne. Und das war mir zu nah“, erklärt er. „Ich habe sie mir noch nie angehört“, sagt Stoll und schluckt.  

Wann ist der richtige Zeitpunkt? In welchem Raum hört man sie sich an? Wie sollte der Moment aussehen? Bis heute wartet Stoll auf die richtige Gelegenheit. „Doch über all die Jahre war es unglaublich wichtig zu wissen, dass es diese Aufnahmen gibt. Und ich hüte sie wie einen Schatz.“

Der Ursprung der Audiografie  

Zwei Begegnungen prägen Stolls Weg zur Audiografie. Als er Ende 2018 mit einer Bekannten über die Krankheit ihres Vaters und seiner Mutter spricht, findet er das passende Wort für das, was Stoll selbst inzwischen tut. „Ich sagte ihr, ich komme mir manchmal vor wie ein Audiograf, also wie ein Fotograf zum Zuhören.“  

Im Frühjahr 2019 lernt er schließlich die Journalistin Katharina Thoms auf einer Podcast-Konferenz kennen, die mit ihrem Podcast „Mensch Mutta“ einen Grimme-Preis gewann. Stoll interessiert vor allem, wie sie aus stundenlangem Rohmaterial eine zusammenhängende Geschichte entstehen lässt. Nach welchen Kriterien entscheidet sie, was bleibt und was herausgeschnitten wird? Und wie behält sie bei all den Aufnahmen den Überblick? Seine Fragen kann er direkt an Thoms richten. So bekommt er Einblicke in die handwerkliche Seite ihrer Arbeit.

Audiograf im Gespräch mit einer weiteren Person auf einem Sofa

 Zwischen Verlust und Erinnerung  

Seither lässt Stoll Hörbücher entstehen, die sowohl ihn als auch diejenigen bewegen, die ihn mit der Produktion beauftragen. Häufig sind das Familienangehörige, die ihren Eltern oder Großeltern dieses Projekt schenken wollen. Und damit letztlich auch sich selbst.

Ein Projekt kommt ihm unwillkürlich in den Sinn: Nach fünf Treffen mit einem Familienvater sind alle Aufnahmen im Kasten. Dann erst startet die zeitaufwändige Produktion des fünf- bis sechsstündigen Hörbuchs. In der Zwischenzeit verstirbt der Vater. „Bei diesem Projekt wusste ich, während ich es bearbeitete, dass der Mensch nicht mehr da ist.“ Die fertige Audiografie übergibt Stoll später der Tochter. „Es hat sie einige Überwindung gekostet, sie anzuhören, erzählte sie mir. Aber es hat ihr auch geholfen. Eine Hälfte wollte sie sich noch aufsparen, um immer noch etwas von ihm zu haben, das es zu entdecken gibt.“  

Audiograf mit Kopfhörer, handschriftlichen Notizen und USB-Stick auf schwarzem Hintergrund
Gespeichert wird die Lebensgeschichte auf einem USB-Stick – samt Bild des Erzählers, eingeschlossen in Glas. Foto: Roland Schmidt Fotografie

In Wohnzimmeratmosphäre  

Für viele Menschen ist ein solches Projekt mit Hemmungen verbunden, weiß Stoll. Wichtig ist deshalb, dass die Gespräche in vertrauter Umgebung stattfinden. Dazu unternimmt der Audiograf Hausbesuche und setzt sich zu den Erzählenden an den Küchentisch oder ins Wohnzimmer.  

Manch einer startet lieber mit einem gemeinsamen Mittagessen im Restaurant – als Warm-up, bevor es richtig los geht. Aber schon die Fahrt dorthin kann Wunder bewirken: „Man sitzt nebeneinander, beide sind in Bewegung, schauen in die gleiche Richtung.“ Das Ansteckmikrofon wird dabei schnell vergessen. „Die Kunst ist es, einen Raum aufzumachen, in dem sich jemand in seinem eigenen Tempo bewegen und schließlich öffnen kann“, bringt er es auf den Punkt.  

Einblick in eine Audiografie  

Stolls Blick huscht zum Fenster und seine Augen beginnen zu leuchten. Am Gartenzaun steht eine Mutter mit ihrem Kind auf dem Arm. Das kleine Mädchen greift in die Luft vor sich, streckt den Arm nach den Hühnern aus, die in Stolls Garten ein gemütliches Leben führen. Alltägliche Geräusche wie das Geschnatter von Hühnern sind es, die einer Audiografie eine besondere Tiefe verleihen. „Die Aufnahme wird so zu einem 360-Grad-Porträt“, beschreibt es der Akustikkünstler. „Das Brodeln der Kaffeemaschine oder Leuten einer Standuhr lassen sofort Bilder in unserem Kopf entstehen.“

Verarbeitet werden all die Tonaufnahmen in einem kleinen Studio, direkt über dem Wohnzimmer des Audiografen. Wände voller Notizzetteln helfen ihm, ausgewählte Sequenzen einzelnen Kapiteln zuzuordnen und in einem Programm passend zusammenzufügen. So entsteht nach und nach die Audiografie. Stoll drückt auf den Play-Button und spielt eine Lebensgeschichte ab:  

Eine Erzählerstimme, seine eigene, verrät den Namen derjenigen Person, die in diesem Hörbuch im Mittelpunkt steht, begleitet von einigen Klavierklängen. Die Töne versiegen und weichen dem Klingen von Tassen, die offenbar auf einem Tisch platziert werden. Dann beginnt eine raue Männerstimme vom Mittelpunkt seines Lebens zu erzählen: „Ich wollte immer meinen Weg gehen.“ Und dieser wird auf Ewig erhalten bleiben.  

Das Festival der Lebensgeschichten

Am 8. und 9. November wird die Hinterbühne in Hannover zu einem Resonanzraum für Lebensgeschichten. In künstlerischen Beiträgen wie Illustrationen, Gemälden oder Lesungen soll sich zeigen, wie unterschiedlich Lebensgeschichten erzählt werden können. Die Vielfalt der Darstellungsformen spiegelt dabei die Vielfalt der Geschichten selbst.