Mehr als tausend Worte

29. September 2026 | von Johanna Ahrbecker

Illustratorin Sabine Müller-Waltle übersetzt große Visionen in eine Sprache, die jeder verstehen kann: Bilder.

Sabine Müller-Waltle bei einer kreativen Zeichenaktion auf einer Veranstaltung, umgeben von Skizzen und Notizen an der Wand.

Manchmal versteht man sich über ein Bild besser als über Worte. Diese Ansicht vertritt Sabine Müller-Waltle, die all das, was ein Unternehmen kommunizieren möchte, in illustrierte Bilder verpackt. 

Zeichnen ist Ihr Beruf – welche Arten von Kreationen entstehen dabei?

In Unternehmen gibt es vieles, was kommuniziert werden will: neue Strategien, neue Ziele, … Ich sorge dafür, dass diese Inhalte visualisiert werden. Und das auf zwei Weisen. Ein Teil meiner Arbeit ist das Graphic Recording. Dabei erstelle ich live ein Protokoll in Form einer Wort-Bild-Kombination. Dazu begleite ich sowohl kleine Meetings als auch große Kongresse. So entstehen visuelle Zusammenfassungen, oft als Plakate, die direkt weiterverwendet werden können.

muller waltlte 3 nobilis – digitale Planung und Strategie auf Tablet mit Notizen
Immer mit dabei: ihr Tablet für digitale Zeichnungen.


Mein anderes Standbein sind längerfristige Illustrationen für Unternehmen. Ich tausche mich intensiv mit den Kunden aus, folge dem Stil der Firma und verbildliche auch in diesem Fall: Was sind die Ziele? Was ist die Strategie? Wie läuft ein bestimmter Prozess ab? So zeichne ich beispielsweise Automatisierungsprozesse und baue auch gerne mal kleine Insider-Witze des Unternehmens ein.

Welche Motive reizen Sie besonders?

Wimmelbilder zeichne ich wahnsinnig gerne. Man kennt das Konzept aus Kinderbüchern und ich wende es im unternehmerischen Kontext an. Das heißt, ich bilde Prozesse in Form verschiedenster Szenerien in einem großen Bild ab, zum Beispiel den Weg der Zuckerrübe: Vom Feld bis in die Zuckerfabrik und die Verarbeitung darüber hinaus – auch die Nutzung von Bioethanol für Kraftstoffe.

Wie sind Sie zu dem Beruf gekommen?

Ich liebe technische Themen und während meines Designstudiums in München habe ich schnell meine Affinität zur Automobilbranche entdeckt. Also habe ich den Automobilschwerpunkt gewählt. Später bin ich dann von Audi übernommen worden und habe dort zehn Jahre lang im Design Team gearbeitet. Nach meinem Umzug nach Hannover erzählte mir ein Bekannter vom Graphic Design. Ich habe es auf einem achtstündigen Kongress rund ums Thema Geodaten getestet und sofort Blut geleckt.

Haben Sie unter allem, was Sie bis jetzt geschaffen haben, ein Lieblingsprojekt?

Einige. Besonders viel Spaß gemacht hat mir die Darstellung der Transformation der Baustelle durch Digitalisierung für Strabag. Ziel war es, die Angst vor der Digitalisierung zu nehmen. Sehr spannend war es aber auch, den Digitalisierungsantrag für die Stadt Hannover zu visualisieren.

Messeauftritt von STRABAG mit Illustration von Müller Waltlte für Nobilis
Wimmelbilder lassen sich wunderbar auf Postkarten drucken.

Wie treffen Sie die Vision und den Stil eines Kundenunternehmens?

Jeder digitale Designer hat seine eigene Handschrift. Gleichzeitig hat jede Firma ein Corporate Design. Ich schaue mir also Unterlagen der Firma an, achte unter anderem auf die Formensprache und Schrifttypen. Diese Charakteristika binde ich schließlich so in meine Illustration ein, dass nicht nur mein Zeichenstil sichtbar, sondern auch auf den ersten Blick deutlich wird, die Illustration gehört zu dieser Firma. 

Was würden Sie gerne einmal zeichnen, hatten aber noch nie die Gelegenheit dazu?

Ich habe immer noch ein paar Traumkunden. Gerne würde ich noch mehr Projekte in der Lebensmittelbranche angehen und zusätzlich in die Reisebranche eintauchen.

Was können Sie überhaupt nicht zeichnen?

Mein Studium war sehr drauf ausgerichtet, Zeichnen zu lernen und das hat mich stark vorangebracht. Heute gibt es kein einziges Motiv, das mir Angst macht. In meinem Umfeld behaupten viele, sie könnten nicht zeichnen. Die Leute haben Hemmungen. Vielleicht wurde ihnen das einmal eingeredet, aber es gibt kein „Du kannst das nicht.“ Erst einmal kann jeder etwas aufs Papier bringen. Und der Rest war in meinem Fall lebenslanges Lernen.

Gefährdet Künstliche Intelligenz (KI) Ihren Job? 

Ich glaube zwar, dass viele Designprojekte heute von KI übernommen werden, was mir kurzzeitig auch Sorge bereitet hat. Aber mittlerweile habe ich keine Angst mehr davor, ich könnte nichts mehr zu tun haben. Der Prozess des Austauschens mit den Kunden in der Skizzenphase bewegt bei ihnen so viel. Sie kommen auf Ideen, die bei einem KI-Befehl nicht entstehen würden. Ich liefere Impulse, zeige Zwischenentwürfe, bekomme Feedback und am Ende heißt es vom Kunden „Gut, dass wir daran noch gedacht haben.“ Ich glaube, so eine menschliche Logik ist so schnell nicht zu ersetzen. 

Muller Waltle prsentiert groe Graphic Recording Tafeln mit Zeichnungen und Notizen in einem Veranstaltungsraum.
Großformatige Illustrationen erinnern jederzeit an Wünsche und Zukunftsvisionen.

Sie leben und arbeiten in der Region Hannover – wo finden Sie dort kreative Energie?

Wir wohnen sehr ländlich – in Hemmingen. Da genieße ich vor allem die Zeit im Stall bei meinen Pferden. Meine Freundin fragt mich immer: „An was denkst du eigentlich, wenn du bei deinen Pferden bist?“. Und die Antwort ist: „An gar nichts.“ Das ist genau das Schöne daran: dass man einfach dort ist, sich auf die Tiere konzentriert und die Natur um sich hat. Ich versuche in meiner Freizeit also vor allem den Kopf freizubekommen. Außerdem fahren mein Mann und ich sehr gerne in den Harz. 
Kreativ werde ich dann beim Kochen und mit meiner Textilkunst. Damit habe ich mir ein weiteres Standbein aufgebaut, das mir einen Ausgleich zum Illustrieren bietet. Hierbei habe ich kein Gerüst und kann die freie Kunst genießen.

Wenn Ihr Leben ein Wimmelbild wäre, welche drei Szenen dürften nicht fehlen?

Auf jeden Fall der Punkt, an dem ich jetzt bin: In absoluter Zufriedenheit auf dem Land lebend mit meinen Pferden. Die zweite Szene würde meine Zeit in München, meine Studienzeit, meine wilden Jahre zeigen. Und in der dritten Szene ginge es um einen sehr prägenden Lebensabschnitt: Ich war im Alter von vierzehn bis sechszehn im Internat und konnte nur sehr selten nach Hause fahren. Das war eine sehr harte Zeit des Abnabelns. Aber sie hat mich auch selbstständig gemacht, sodass ich glaube, dass ich alles schaffen kann – auch alleine. Wenn ich noch eine vierte Szene hinzufügen darf, will ich noch einen Blick in die Zukunft werfen. Sie soll zeigen, dass ich glücklich alt geworden bin, immer noch zeichne, und eine Textil-Ausstellung auf die Beine stelle.