„Möchten wir immer den gleichen Flohwalzer spielen?“
06. Januar 2026 | von Luisa VerfürthZwischen Burnout, Glückshormonen und der Frage, wie wir ein erfüllteres Leben führen: Dr. Frank Wassmuth zeigt in seinem neuen Buch, warum echte Veränderung im Kopf beginnt – und im Alltag spürbar wird.
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Passend zum Januar – dem Monat des Neustarts und Neujustierens – erscheint Dr. Frank Wassmuths Buch „Die spinnen, die Neuronen“. Kurzweilig und frei von Fachjargon nimmt der Neurologe, Psychiater und Psychotherapeut seine Leser mit auf eine Reise durch Themen wie Burnout, Ernährung, Glückshormone und die Frage, warum wir im Alltag mehr regenerieren sollten. Ein Buch für alle – denn Vorsorge ist alles, wie der Arzt sagt.
Zwei Jahre hat Dr. Frank Wassmuth an dem Werk geschrieben, das ursprünglich „Das Land der Erschöpften“ heißen sollte. „Mein Verlag, der Scorpio Verlag, meinte: Cooler Titel, aber vielleicht ändern wir eine Kleinigkeit“, erzählt der Psychotherapeut schmunzelnd. Nun ist „Die spinnen, die Neuronen“ erschienen und wird bald auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt.
Vom Blog zum Buchprojekt
Wie kam der Psychotherapeut mit Praxis in Hannover überhaupt dazu, ein Buch zu schreiben? „Ich habe jahrelang Artikel für meinen Blog verfasst – um mein Wissen weiterzugeben, für Menschen, die weiter weg wohnen oder es sich vielleicht nicht leisten können, zu mir zu kommen. Ich wollte, dass sich alle um ihre geistige Gesundheit kümmern können. Also habe ich das aufgeschrieben, was ich jeden Tag lehre, sehe und vermitteln möchte – ohne Fachbegriffe.“ Zugleich betont Dr. Frank Wassmuth, dass das Buch keinen persönlichen Kontakt oder eine Therapie ersetzen könne. „Es ist eine illustre Ergänzung – mit Anekdoten und Hilfestellungen.“
Die Blogbeiträge des Arztes wurden über Tausende Male gelesen, ausgedruckt und in Selbsthilfegruppen rezitiert und diskutiert. Dies führte schließlich zur Entscheidung, das Wissen in einem Buch zu bündeln. „Am Anfang meiner Karriere habe ich immer scherzhaft gesagt: Ich habe Angst, dass mir jemand meine Arbeit nachmacht. Und später hatte ich mehr Angst davor, dass es keiner macht. Wenn ich irgendwann in Rente gehe – und das dauert gar nicht mehr so lange –, wäre es schade, wenn alles verloren ginge und niemand mehr so arbeitet wie mein Team und ich. Unsere Erfolgsgeschichte ist wirklich großartig. Wir blicken auf viele Patientinnen und Patienten zurück, die jahrelang eine Therapie nach der anderen gemacht haben, in Kliniken waren und Antidepressiva bekamen. Unser Ansatz ist ein ganz anderer: Wir gehen der Ursache auf den Grund. Das nennt sich funktionelle Medizin. Es bedeutet, nicht nur das Symptom zu behandeln, sondern herauszufinden, wo im Stoffwechsel der Fehler liegt, der verhindert, dass Glückshormone gebildet werden. Den müssen wir finden. Eine begleitende Therapie ist trotzdem wichtig – denn es kommen immer zwei Dinge zusammen: die Überlastung und das Symptom der Überlastung.“

Vom Leistungsdruck zur Regeneration
Dr. Frank Wassmuth fragt seine Patienten: „Warum bin ich so? Was läuft im Alltag falsch? Und wenn alles falsch läuft – warum?“ Die Antworten liegen meist in der Persönlichkeit: Ängste, Perfektionismus, Konfliktscheue oder ein übertriebenes Leistungsdenken, das von zu Hause mitgegeben wurde.
„Wir versuchen, Persönlichkeit zu stärken, vom Leistungsdruck runterzubringen und dafür zu sorgen, dass im Alltag mehr Energie regeneriert als verbraucht. Und körperlich machen wir den Menschen von unten nach oben wieder fit – vom Darm bis zum Gehirn. Und bisher hatten wir keine Reklamationen. Wenn jemand hier fertig ist, bleibt er es auch. Wir sehen ihn höchstens wieder, wenn er mal grüßen kommt oder Weihnachtsgeschenke vorbeibringt. Darauf lege ich natürlich Wert – kleiner Wink am Rande“, sagt er lachend.
Warum Vorsorge entscheidend ist
Auch Menschen, die weder krank sind noch sich krank fühlen, empfiehlt der Arzt sein Buch. „In der Medizin erhält man erst Hilfe, wenn man krank ist – das erscheint logisch. Man würde ja auch nicht gesund zum Arzt gehen und sich ein Medikament gegen eine Krankheit holen, die man nicht hat. Doch beim Thema Depression oder Belastung sind wir alle mehr oder weniger betroffen und gehen erst zum Arzt, wenn es schwerwiegend wird. Das finde ich schade. Wie beim Zahnarzt könnte Vorsorge helfen, später nur noch prophylaktisch zu begleiten. Früher kamen Patienten erst, wenn gar nichts mehr ging – wenn Alkohol und Tabletten längst im Spiel waren. Dann wird es schwierig. Man sollte sich öfter fragen: Was kann ich tun, um gesund zu bleiben? Und darum geht es in meinem Buch.“
Das Buch passt perfekt in den Januar, in dem viele Menschen neue Ziele setzen. „Ich finde es gut, mit dem Jahreswechsel eine Zäsur zu setzen. Sich zu fragen: Wo stehe ich? Was mache ich? Was mache ich gut – und wo kann ich mich verbessern? Die Japaner nennen das Kaizen – die tägliche Arbeit an sich selbst. Jeden Tag ein kleines bisschen besser zu werden als am Tag zuvor. Das wird unterschätzt. Für viele Lebensbereiche haben wir Experten, die uns helfen. Beim Hausbau käme niemand auf die Idee, alles selbst zu machen“, sagt Dr. Frank Wassmuth. Aber die wirklich wichtigen Fragen im Leben – Wie gehe ich mit Beziehungen um? Was begeistert mich? Wie gehe ich mit Kritik um? Welchen Lebensweg möchte ich einschlagen? – müssen wir selbst beantworten. Wir sollten uns öfter hinterfragen, ob wir immer den gleichen Flohwalzer spielen oder ob es Zeit ist, ein neues Stück zu lernen. Das ist unglaublich wichtig.“


