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Ein Meilenstein für inklusiven Sport

13. Mai 2024

Sie rasen auf zwei Rädern durch die Halle, recken sich, um den Ball zu fangen und zielen dann noch im Rollen auf das Tor: die „Blue Bandits“ der Rollstuhl-Sportgemeinschaft (RSG) Hannover. Aber nicht nur Rollstuhlhandball können Mitglieder des Vereins spielen. Hockey, Rugby oder sogar Segeln im Rollstuhl? Alles kein Problem. Dieses Jahr feiert der integrative Sportverein sein 30-jähriges Bestehen. Gemeinsam mit der Vorsitzenden Dr. Meike Lüder-Zinke hat die Nobilis auf die vergangenen Jahre zurückgeblickt.

Ein Schritt Richtung Inklusion in Hannover

Lüder-Zinke ist seit sechs Jahren die Vorsitzende der RSG. Vorher leitete ihr Ehemann, Detlef Zinke, den Verein. Der Sportler hatte 1992 einen schweren Autounfall. Die Diagnose: Von der Hüfte abwärts gelähmt. Vom Sport abhalten sollte ihn das nicht. Am 4. August 1994 gründete er die RSG Hannover, zunächst mit der Sparte Rollhockey.  

„Damit war er schnell erfolgreich“, erzählt Lüder-Zinke. Die Stadt Hannover und ihre Menschen seien der Inklusion gegenüber immer sehr offen gewesen, und so seien die Mitgliederzahlen schnell gestiegen. Das war das Signal für Zinke, das Sportprogramm auszuweiten. Besonders gern habe er sich dabei ausgefallenen Sportarten gewidmet: 1996 stellte Zinke zum Beispiel gemeinsam mit Jürgen Köhn, dem ehemaligen Bürgermeister von Laatzen, die Sportart Sledge-Eishockey vor rund 200 Zuschauern im Icehouse Wedemark vor. Beim Sledge-Eishockey bewegen sich die Spieler nicht auf Schlittschuhen, sondern auf Schlitten fort.

Bei der RSG treiben Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Sport.

Sport für alle

„Er wollte allen Menschen, ob mit oder ohne Beeinträchtigung, die Chance geben, Sport zu machen“, sagt Lüder-Zinke. Heute besteht das Sportangebot aus Drachenboot, Rollstuhlhandball, Handbike und E-Mobilität, Karate, Kartsport, Reha-Sport, Kinder- und Jugendsport, Rollhockey, Wassersport und Segeln. In Zukunft möchte Lüder-Zinke das Programm noch ausweiten. Welche Sportarten sie im Blick hat, will sie noch nicht verraten.

Lüder-Zinke lernte ihren Ehemann 2013 kennen. Sie kam ursprünglich aus dem Karateverein „Jiyu-Karate-Do“ und wollte dort Para-Karate anbieten. Bei einer Fortbildung bei der RSG kam sie das erste Mal mit dem Verein in Kontakt. Im Jahr 2012 schloss sich der Verein namens „Jiyu-Karate-Do“ der RSG als Sparte an. Nach und nach wuchs der Verein Lüder-Zinke weiter ans Herz. Als ihr Ehemann 2018 starb, wurdeLüder-Zinke zur ersten Vorsitzenden des Vereins – bis heute. Gleichzeitig leitet sie auch die Bereiche Rollstuhlhandball und Kartsport beim Deutschen Rollstuhl-Sportverband.

„Jiyu-Karate-Do“ schloss sich 2012 der RSG an.

Wechsel im Vorstand, aber nicht im Kurs

Mit dem Wechsel im Vorstand blieben die Ziele des Vereins bestehen: „Wir bieten Sport für jede und jeden an – egal, was sie oder er mitbringt“, betont Lüder-Zinke. Dazu gehören körperliche und finanzielle Beeinträchtigungen. Niemand solle ausgeschlossen werden.

Lüder-Zinkes eigene sportliche Leidenschaft: der Rollstuhlhandball. Bei der RSG spielen Frauen und Männer, Jung und Alt, Menschen mit und ohne Beeinträchtigung zusammen. „Wenn man einmal Feuer gefangen hat, dann lässt es einen nicht mehr los“, schwärmt Lüder-Zinke. Das Gefühl, auf Rädern über das Spielfeld zu flitzen und dabei den Ball und den Rollstuhl zu kontrollieren, sei unvergleichbar.

Eine zweite Chance bei der RSG

Ihre Teamkollegen teilen die Begeisterung: Anke Brandes erzählt, sie habe früher Handball gespielt, musste aufgrund einer Knieverletzung allerdings aufhören – bis sie einen Artikel zur RSG in der Zeitung las. Mithilfe des Rollstuhls konnte sie auf das Spielfeld zurückkehren. Ist der Umstieg auf den Rollstuhl eigentlich schwierig? „Die Pässe müssen genau gezielt sein. Mit einem Rollstuhl kann man nicht einmal so eben einen Schritt nach links oder rechts machen“, erklärt Brandes. Doch der Herausforderung stellt sie sich gerne. Ihr Ziel mit der RSG: ein Spiel im Ausland miterleben. Die „RSG Blue Bandits Hannover“ sind nämlich auch international unterwegs: Im April holte das Team den zweiten Platz bei einem Rollstuhlhandballturnier in Sarrebourg in Frankreich. An dem europäischen Turnier nahmen sechs Mannschaften aus Frankreich, Belgien und Deutschland teil.

Sie wollen hoch hinaus: Die „RSG Blue Bandits Hannover“. Bild: Luise Moormann

Sportarten mit aufbauen

Hoch hinaus mit der RSG möchte auch Stephan Lünemann. Der Sportler spielt Rollstuhlhandball, um seine Beine und Knie weniger zu belasten – „die sind von Altersverschleiß betroffen“, sagt er schmunzelnd. In Zukunft möchte er gerne an einem Nationalspiel teilnehmen. Aber schon jetzt sammelt er während seiner Vereinszeit wertvolle Erfahrungen: „Das Besondere am Rollstuhlhandball ist, dass man den Menschen auf Augenhöhe begegnen kann“, sagt Lünemann. Er habe schon Menschen getroffen, die an den Paralympics teilgenommen oder eine Beinamputation hinter sich haben. Noch sei Rollstuhlhandball eine unbekannte Sportart. Lünemann möchte das ändern: „Wann hat man schon einmal die Chance, eine Sportart mitaufzubauen?“

Vereinsfeier im August

Auch nach 30 Jahren hat die RSG noch klare Ziele vor Augen. Ein weiteres davon ist es, den 30. Geburtstag des Vereins am Freitag, 9. August, im Detlef-Zinke-Haus am Maschsee zu feiern. Sponsoren, Sportler aus Hannover und der Region, Vereinsmitglieder, Freunde und Familie sind eingeladen. Nach einer fachlichen Einführung wird gegrillt und getanzt. Alle sollen Spaß haben – das verspricht Lüder-Zinke. Und das ist auch das oberste sportliche Ziel der RSG.

Stand Up Paddling: Auf speziellen Boards können sogar Rollstuhlfahrer mitpaddeln.

Text: Luise Moormann, Fotos: RSG Hannover

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