Ku‘damm 56, der Fernseh-Quoten-Hit, kommt jetzt als Musical auf die Bühne. Uraufführung ist am 28. November im Berliner Theater des Westens, endlich – mit einem Jahr Corona-Verspätung. Die Geschichte, das Drehbuch des Films und das Libretto des Musicals stammen von der Schriftstellerin Annette Hess, Deutschlands erfolgreichster Drehbuchautorin. nobilis hat die gebürtige Neustädterin in ihrem Zuhause im Weserbergland besucht.

Text: Beate Rossbach   Fotos: Lorena Kirste

Die Liste der Filme und Serien aus der Feder von Annette Hess ist lang, ebenso die ihrer Auszeichnungen: „Die Frau vom Checkpoint Charlie“, „Weissensee“, „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und die Ku‘damm-Geschichten über die Chefin der Tanzschule Schöllack, eine energische Mutter und ihre drei Töchter im Berlin der Nachkriegszeit, sind nur einige davon. Für Weissensee gab es 2016 den Grimme-Preis, 2017 den Deutschen Fernsehpreis für Ku‘damm 56, um nur einige zu nennen.
Annette Hess, Jahrgang 1967, stammt aus Niedersachsen. Geboren in Hannover, aufgewachsen in Helstorf bei Neustadt, lebt sie heute mit ihrer Familie im Weserbergland. Aber Annette Hess liebt auch Berlin. „Berlin, Berlin – du heiße Braut“ lautet eine Songzeile des Ku´damm-Musicals. Die Stadt ist die Bühne, auf der viele ihrer Geschichten spielen. Dort hat sie studiert, von 1994 bis 1998 „Szenisches Schreiben“ an der Universität der Künste, dort hat sie auch bis Ende der 90er-Jahre gelebt, „bis ich merkte, ich möchte Kinder haben, aber nicht in Berlin.“
Passend zur Lebensplanung traf sie auf einer Party den richtigen Mann, Michael F. Otto, Maler und Bildhauer aus Hameln. Die beiden kannten sich schon vom Studium an der Kunsthochschule in Hannover, eine der Etappen von Annette Hess‘ Ausbildung, und beim Wiedersehen hat es gefunkt. Heute wohnt die Autorin in ihrer Berliner Dachgeschosswohnung, wenn sie mehrmals im Monat beruflich vor Ort sein muss. Mit der Familie aber wohnt sie in einer naturnahen und recht abgelegenen Ecke Niedersachsens.
„Mein Mann ist Hamelner durch und durch, den habe ich hier nicht wegbekommen“, erzählt sie und verrät ihre Lebenswünsche: „Kinder bekommen, ein Buch schreiben, ein Haus kaufen – und ein Haus in Schweden wäre noch auf der Liste.“ Zuerst wohnte das Paar einige Jahre zur Miete, dann wurde ein eigenes Haus gesucht, gefunden und relativ schnell umgebaut. „Ich wollte, dass die Kinder hier eingeschult werden. Für mich ist das Weserbergland nicht meine Heimat, obwohl nur 60 Kilometer dazwischen liegen. Es sieht im Süden von Hannover ganz anders aus als in Helstorf mit seiner Heide und den Kiefern, aber ich liebe die Landschaft hier sehr.“

Ein inspirierendes Refugium

Das Zuhause ist ein 18.000 Quadratmeter großes Wiesengrundstück am Südhang des Osterwalds, direkt am Waldrand, mit weitem Blick über Wiesen und Felder bis nach Coppenbrügge und Hameln. Die historische Scheune eines ehemaligen Waldarbeiterhofs ist das Wohnhaus und Atelier von Annette Hess. Eine Türklingel gibt es nicht, aber einen Hund, der diensteifrig die Besucher anmeldet. Rudi ist ein liebenswerter, sehr flauschiger und reinrassiger Österreichischer Pinscher, der sich während des Gesprächs gern kraulen lässt und ganz offensichtlich einen großen Platz in Frauchens Herz einnimmt. Ehemann Michael F. Otto begrüßt uns und schenkt im Arbeitszimmer seiner Frau Tee und Kaffee ein, bevor er sich in sein eigenes Atelier verabschiedet, das sich im Nebengebäude befindet, früher eine große Garage.
Das Arbeitszimmer von Annette Hess ist ein inspirierendes Refugium. Die Schmalseiten sind Glaswände, sodass viel Licht hereinfällt. An einem Ende des Raums fällt der Blick auf einen Stutzflügel, auf dem Annette Hess gern improvisiert. Das Hingucker-Pendant am anderen Ende ist ihr Schreibtisch, auf dem es sehr nach Arbeit aussieht. Vollgepackte Bücherregale klettern die Wände empor. Bemalte Glaskaraffen und blauweißes Porzellan, jahrelang auf Flohmärkten gesammelt, sind kunstvoll arrangiert. Bilder, Gemälde, Grafiken und Fotografien hängen überall dort, wo noch Platz war. „Ich habe gern inspirierende Stücke um mich. Und ich sammle Bilder.“ Der Bezug dieser Familie zu Kunst und schönen Dingen ist unverkennbar. Annette Hess‘ Mutter Karin ist eine bekannte Malerin. Die jüngere Schwester Christiane Hess ist Schauspielerin und leitet ihr eigenes Theater, das „Theater am Barg“ in Hannover. Annette Hess‘ älteste Tochter ist ebenfalls Künstlerin und studiert bereits in Berlin, die jüngere brennt für die Humanmedizin und absolviert zurzeit ein Praktikum an der MHH. Dass die beiden nun flügge werden, belastet die Schriftstellerin, wie sie zugibt, doch mehr, als sie sich vorgestellt hätte.
Kommen durch solche Ereignisse neue Ideen, und wird daraus vielleicht ein neues Drehbuch?
„Meine Freunde sagen dann oft zu mir, mach doch mal einen Film daraus. Aber das könnte ich nicht, ich bin da zu nah dran. Man braucht mehr Distanz, um auf Zeiten zu gucken, auf Mentalitäten. Ich habe festgestellt, dass ich gern Geschichten erzähle, die in der Vergangenheit stattfinden, weil ich mir einbilde, aus der Distanz besser das Wesentliche zu sehen.“

Eine Stadt, die Geschichte atmet

Zu weit darf die Vergangenheit jedoch nicht zurückliegen. Mittelalter-Storys gelingen ihr nicht gut genug, meint sie. Aber die Stoffe ihrer Erfolgsgeschichten, angesiedelt in der jüngeren deutschen Vergangenheit, in der DDR und Berlin – das funktioniert.
„Wenn ich schreibe, fühlt es sich echter an, wenn ich an etwas andocken kann. Ich liebe Berlin als Stadt und fühle mich da unglaublich zu Hause! Berlin ist total faszinierend, lebendig, wild, rau, laut und kann auch unfassbar provinziell sein. Eine Stadt, in der man an jeder Ecke Geschichte atmet. Und die DDR habe ich bei Besuchen selbst erlebt. Noch heute habe ich den Geruch nach Trabi-Treibstoff, Bohnerwachs und Braunkohle in der Nase.“
Wenn sie schreibt, sagt Annette Hess, hört sie Musik, sieht alte Fotos an, erinnert sich und geht auf Zeitreise. „Ich setze mich an meinen Schreibtisch und gehe in die fünfziger Jahre nach Berlin. Tschüss! Ich setze mich in meine Zeitmaschine, und dann bewege ich mich in dieser Welt, und es stellt sich immer wieder heraus, dass das, was ich in dieser Welt der Vergangenheit erzähle, absolut etwas mit mir und unserer Gesellschaft zu tun hat. Stichwort „Emanzipation und Unterdrückung der Frau“ bei Ku‘damm. Da gibt es ja aktuell eine Regression – allein schon in meinem Berufsstand. Die meisten Drehbuchautoren sind Männer.“
Auch persönliche Bezüge werden im Nachhinein sichtbar, die sie, so wird versichert, nicht bewusst geschrieben hat. „Die Monika in Ku´damm hat viel von meiner Mutter, die im Mief der 50er aufgewachsen ist. Und nach der Ausstrahlung rief mich meine Cousine an und sagte: „Du, diese Mutter, Caterina Schöllack – das ist ja Oma!“

Liebe auf dem ersten Blick

Der Schritt vom Film zum Musical war überraschend, aber fiel leicht. „Eigentlich mochte ich überhaupt keine Musicals. Die gängigen Geschichten sind mir zu simpel, die Musik zu manipulativ. Aber schon beim Schreiben von Ku´damm habe ich gedacht, dass es eigentlich eine Musicalgeschichte ist. Dann habe ich Peter Plate und Ulf Leo Sommer kennengelernt, und es war Liebe auf den ersten Blick. 360 Seiten Drehbuch musste ich in 100 Seiten Libretto ändern. Das war die Kür nach der Pflicht – Geschichte und Musik greifen toll ineinander. Und ich habe dann gedacht: Ich will nichts Anderes mehr machen.“