Erntefest in Ramlingen, das ist Kult. Eine Dorfparty, die alle Einwohner auf die Beine bringt – und zudem Tausende von Besuchern anzieht.

Text: Beate Roßbach Fotos: Lorena Kirste

Am letzten Wochenende im September ist es wieder so weit: Ramlingen, das sich das „Dorf der Könige“ nennt, lädt ein zum Erntefest. Zwei Tage lang wird gefeiert, so groß, bunt und lustig, dass es zumindest in der Region Hannover nichts Ähnliches gibt. An beiden Tagen, Samstag und Sonntag, gibt es Tanz, Unterhaltung und gutes Essen. Beim zweitägigen Festumzug rollen geschmückte Wagen durch das Dorf, begleitet von Fußgruppen, Musikkapellen und jungen Mädchen, den „Kronen-Girls“. Sie tragen schmucke Dirndlkleider und begleiten die Erntekrone, die von einem starken Jüngling getragen wird. Ganz vorn im Zug fährt die Kutsche mit dem Königspaar. In jedem Jahr wird in Ramlingen der Erntekönig oder die Königin proklamiert, und abends beim Festball im Zelt muss die Majestät mit Partner oder Partnerin auf dem Tisch tanzen, zum leicht abgewandelten Rio Reiser-Song, „wenn ich König von Ramlingen wär“.

Insektenhotel mal anders: Willkommen bei den Bienen!

Corona verlängert die Regentschaft

2019 hieß der frisch gekrönte König Martin I. mit seiner Gattin, Hoheit Doris, durfte er ausnahmsweise länger als üblich regieren, denn das Erntefest konnte in den folgenden beiden Jahren nicht stattfinden. Jetzt geht es am 24. und 25. September endlich wieder los.
Ramlingen ist ein Dorf im Burgdorfer Land, zwischen Wäldern und Äckern, mit Fachwerkhäusern, hohen Bäumen und vielen alten Bauernhöfen. Hier weiden noch Kühe und es gibt eine über dreihundert Jahre­ alte Kapelle, eine gut besuchte Dorfgaststätte, ein Natur-Wald-Schwimmbad, eine aktive Feuerwehr, den Sportplatz des Fußballvereins Ramlingen-Ehlershausen und eine Dorfgemeinschaft, die beispielhaft zusammenhält. Sie stellt alljährlich mit generalstabsmäßiger Planung ein Ereignis wie das traditionelle Erntefest auf die Beine und gibt das Wissen darüber von Generation zu Generation weiter. Aktuell ist Timo Wöhler der Sprecher der Dorfgemeinschaft. Sein Vereinskollege Frank Berg ist der Pressesprecher für das Erntefest.

Heu-, Acker- und Handwagen oder Traktoren verwandeln sich in fantasievoll geschmückte Festwagen.

Als das Schützenfest abwanderte

Alles begann in den Sechzigerjahren. Im Sommer 1965 wurde in Ramlingen das letzte Mal ein Schützenfest gefeiert. Der Grund für das Finale: Das traditionelle Fest war in den Nachbarort Ehlershausen abgewandert.
Das war auf Dauer für die Dörfler kein Zustand. Daher beschlossen im Sommer 1968 vier Ramlinger Herren, eine Dorfgemeinschaft zu gründen, mit dem Ziel, jährlich ein Erntefest für die Einwohner zu organisieren. Die Premiere erfolgte im Oktober 1968 und fand allgemeinen Anklang. Im nächsten Jahr gab es schon einen Festumzug mit fünf geschmückten Erntewagen. Im vierten Jahr, 1971, wurde erstmals zwei Tage lang gefeiert und es wurde das erste Mal der Erntekönig von Ramlingen gekürt, damals ein Ramlinger Landwirt, Seno I., mit seiner Frau Ruth.
Es wurde der Beginn einer langen Geschichte, in deren Verlauf die Königswürde meist „Ramlinger Uradel“ zuteil wurde, aber nicht nur. Im Jahr 1984 wurde der erste Nicht-Ramlinger gekrönt, der zwar woanders wohnt, aber immerhin einige Ländereien des Ortes bewirtschaftet. Und auch Gleichberechtigung wird in Ramlingen gelebt. Inge I. war 1985 die erste Erntekönigin. Fünf Jahre später folgte Königin Uschi und danach die Majestäten Dagmar, Beate, Klaudia und Hannelore.
Das Ramlinger Erntefest geht durchaus mit der Zeit, aber die hier gelebten und bewahrten Traditionen sind es, die Spaß machen. Geplant wird eigentlich das ganze Jahr über, sagen Timo Wöhler und Frank Berg. Vierzehn Tag vor dem Fest treffen sich viele Helfer, um die Erntekronen zu binden – eine große für den Umzug und eine kleinere, die dem neuen König nach seiner Proklamation überreicht wird. Dann werden auch die großen Strohpuppen an den Zufahrten zum Dorf aufgestellt und herausgeputzt, die das Erntefest ankündigen.

Spannung bis zuletzt

Schon viel früher im Jahr wächst die Spannung, wer denn wohl der neue Erntekönig sein wird? Die Verantwortlichen der Dorfgemeinschaft sind, nachdem sie ihre Wahl getroffen haben, Geheimnisträger. Der oder die Auserwählte werden heimlich besucht und gefragt, ob sie die Wahl annehmen.
Die Nachbarn lauern, wenn ein mutmaßlicher Kandidat zu abendlicher Stunde auffällig hohen Besuch erhält. Daher schleichen sich die Offiziellen wie in einem Agentenfilm einzeln und aus verschiedenen Richtungen an die Zieladresse heran, wo dann schnell die Gardinen geschlossen werden, verrät Timo Wöhler und lacht. Das Geheimnis der zukünftigen Majestäten bleibt gewahrt, bis diese am ersten Festtag mit der Königskutsche abgeholt und zur Proklamation vor das Dorfgasthaus gefahren werden.
Das Schönste für die Besucher des Erntefests aus nah und fern sind jedoch die Festwagen. Sie widmen sich aktuellen Themen, von Landwirtschaft über Politik bis zu Neuigkeiten aus dem Dorf, gestaltet mit Witz, gelungenen Kostümen und ländlichen Zutaten. Die Zuschauer kommen manchmal aus dem Staunen nicht heraus, was die Umzugs-teilnehmer auf Omas Speicher noch alles finden konnten. Aber nicht nur die großen Wagen begeistern. Auch Kinder sind mit Feuereifer dabei. Sie verkleiden sich, bauen eifrig ihre kleinen Erntewagen oder nehmen als Fußgruppe am Umzug teil.
Bisher war es immer so, dass die schönsten Erntewagen von einer Jury mit Preisen ausgezeichnet wurden. Daher ist die Geheimhaltung im Dorf während der Bauphase noch ausgeprägter als in Sachen Majestäten-Spionage. Die Scheunentore, hinter den gewerkelt wird, bleiben fest verschlossen. Unangemeldete Besucher anderer Gruppen sind unerwünscht und müssen bei Zuwiderhandlung mit Konsequenzen rechnen. Timo Wöhler erinnert sich schmunzelnd an eine Verfolgungsjagd in seiner Jugend, als seine Freunde und er beim Schnüffeln erwischt wurden und vor einer Tracht Prügel davonlaufen mussten.
Nach zwei Jahren Corona-Zwangspause werden sich die Ramlinger wieder ins Zeug legen, um prächtige Erntewagen zu bauen. Eine Sache allerdings ist anders. Als reine Vorsichtsmaßnahme, falls aus irgendeinem Winkel des Landes wieder ein Virus auftaucht und Probleme bereitet, entfällt in diesem Jahr die Jurywertung: „Wir wollen den Druck durch den Wettbewerb etwas rausnehmen und alle ermutigen, mitzumachen“, sagt Frank Berg. Das verspricht viel Spaß ohne Stress durch Konkurrenzdruck. Also auf nach Ramlingen, in das „Dorf der Könige“. Die wissen, wie man Feste feiert.

Teil des Ramlinger Repertoires sind oft aktuelle Themen aus dem Dorf oder der Welt. Hier engagieren sich schon die Kleinsten für den Klimaschutz.