Immer eine Frage des Blickwinkels: Ilon Wikland und Pei-Yu Chang stellen im Wilhelm Busch – Museum für Kunst und Karikatur aus.

Text: Heike Schmidt, Fotos: Tobi Wölki

Es war ein wenig bestürzend. Aufregend. Anregend. Vielleicht auch ein wenig unheimlich. Als Helen, Anna, Birgitta und Fredrika Wikland die Zeichnungen zur Hand nahmen, die ihre Mutter Ilon Wikland für die Kinderbücher von Astrid Lindgren vor Jahrzehnten gefertigt hatte, wurde ihnen immer mehr klar: Die Bilder, die dort zu sehen waren, das waren sie. Das war ihre Kindheit. Karlsson vom Dach, Mio, die Kinder aus der Krachmacherstraße, Lotta, die Brüder Löwenherz oder auch Ronja Räubertochter – überall tauchten gemalte Erinnerungen auf. Das Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst hat Ilon Wikland jetzt eine Ausstellung gewidmet.

Mit Karlsson vom Dach eine Reise zurück in die Kindheit

„Unsere Mutter konnte nur abzeichnen“, sagt Fredrika Wikland mit einem breiten Lächeln. Gemeinsam mit ihren Schwestern Anna und Birgitta, den Partnern und Enkeln ist sie aus der Schweiz zur Eröffnung angereist, um ihre 92-jährige Mutter zu vertreten. „Das unaufgeräumte Zimmer, in dem Karlsson vom Dach seinen Freund Lillebror besucht, das ist unser Zimmer“, sagt Fredrika Wikland: „Als wir uns vor fünf Jahren erstmals näher mit den Bildern beschäftigt haben, war es für uns wie eine Reise in unsere Kindheit.“ Denn nicht nur die Zimmer, auch Personen ihrer Familie nahm Ilon Wikland zum Vorbild: „Helen ist in Mio, mein Mio verewigt, Birgitta ist in Bullerbü und Anna ist Lotta.“

Wo die Burg von Ronja Räubertochter steht

Auch die Räuberburg von Ronja Räubertochter gibt es wirklich. Sie steht in Haapsalu, einer Stadt mit 10.000 Einwohnern in Estland. Dort gibt es seit 2006 „Ilons Wonderland“, ein Museum, das zunächst nur eine Galerie war, inzwischen aber auf drei Stockwerken die Zeichnungen von Ilon Wikland zeigt. „Ihre Bilder sind magisch“, sagt die Direktorin des Museums in Estland, das für die Ausstellung eng mit dem Museum Wilhelm Busch zusammengearbeitet hat. Dem kann sich ihre Kollegin vom Museum Wilhelm Busch nur anschließen – denn abgezeichnet hat Ilon Wikland bei Weitem nicht.

Die besondere Perspektive

Es ist Ilon Wiklands besonderer Blickwinkel, der die Betrachter ins Bild zieht. Auf den ersten Blick nutzt sie die Vogelperspektive, um dem Betrachter einen Überblick über die Situation zu geben. Doch auf den zweiten Blick stimmen die Perspektiven nicht mehr überein: Menschen werden frontal gezeigt, Linien stürzen, werden weich und schwungvoll; aus Schränken quellen Kleider, hingeworfen auf den Boden, Spielsachen und Malzeug wirbeln durcheinander – Ilon Wikland ist die Künstlerin des Chaos. Ganz so, wie Kinder es gernhaben. Sie bietet mehrere Blickwinkel an. Immer wieder kann man in ihren Bildern neue Geschichten entdecken – auch ihre eigene.

Ein Stück eigene Geschichte

„Meine Mutter mochte schon als Kind Süßigkeiten besonders gern“, erzählt Fredrika Wikland. Und sei auch immer etwas unangepasst gewesen. In der Schule habe sie nicht unbedingt das gemacht, was ihr gesagt wurde. Eines Tages hatte sie Geld bekommen, um sich etwas zu essen zu kaufen. Natürlich waren damit nicht unbedingt Süßigkeiten gemeint. Die junge Ilon sah das anders und investierte in süße, wohl in Alkohol eingelegte Beeren. Mit einer Freundin aß sie sie auf. „Die ganze Geschichte sehen sie an der Wand“, erklärt die Tochter lachend. Man sieht zwei Mädchen, die sich lachend – und etwas beschwipst – übers Sofa kugeln. In einem weiteren Bild leckt der Hund die Teller ab, die ihr das Mädchen hinhält. „Ja, das war so. Mutter sollte zur Strafe abwaschen. Das hat dann der Hund übernommen“, sagt Fredrika Wikland.

Unangepasst. Eigenwillig. Vielleicht war es gerade das, was Astrid Lindgren an Ilon Wikland gemocht hat, als sie 1954 mit einer Probeillustration unter dem einen und einem Baby unter dem anderen Arm vor der selbst unangepassten Lektorin stand. Was sie damals noch nicht wusste: Ilon Wikland wuchs im Haus ihrer Großeltern in Estland auf. 1944 hatten ihre Großeltern die 14-Jährige aus Furcht vor Deportation der Roten Armee ins Exil nach Schweden geschickt. Im Zeichnen hatte sie Zuflucht und Rettung gefunden. Lindgren und Wikland wurden Freundinnen – auch wenn sie nicht immer einer Meinung waren. „Astrid wollte Ronja unbedingt als Lockenkopf. Meine Mutter hatte sie mit glatten Haaren gezeichnet“, erinnert sich Fredrika. In den Büchern ist die Kinderheldin dann tatsächlich mit krausen Haaren. Als der Film herauskam, hatte Ronja glatte Haare. „Das hat mich dann sehr gefreut.“

Wie Karlsson vom Dach ein Franzose wurde

Auch bei Karlsson vom Dach hatten sie unterschiedliche Meinungen. „Die erste Version hat Astrid nicht gefallen“, erzählt die Tochter. Ihre Mutter habe damals mit ihrem Mann in Paris gewohnt. „Das war 1955 und sie war hochschwanger.“ Dann passierte es ganz plötzlich und unerwartet. Beim Lebensmitteleinkauf in Les Halles stand er vor ihr: ein kleiner, untersetzter Mann im karierten Hemd und mit Cordhosen. Das war er. Das war Karlsson. „Sie zeichnete sofort los“, berichtet Fredrika Wikland. Der Gemüsehändler sei zunächst etwas irritiert gewesen. Aber, was sagt uns das? „Karlsson ist ein Franzose!“

Karlsson vom Dach

Doch neben all den Figuren aus Astrid Lindgrens Kinderbüchern ist den Kindern eines sehr wichtig: „Mutter ist viel mehr.“ Das Thema Flucht und Vertreibung habe sie ihr Leben lang beschäftigt. Auch die politischen Dinge lassen sie nicht los. So hat sie beispielsweise in ihren Zeichnungen zu Peter und der Wolf einem der Räuber das Gesicht von Putin gegeben. Auch diese sind im Museum Wilhelm Busch zu sehen.

Keine Hunderezepte, dafür viel Humor

Einen kleineren Teil der Ausstellung darf die junge Künstlerin Pei-Yu Chang bespielen. Sie zeigt Originale aus ihrer Abschlussarbeit sowie aus ihrem Kochbuch „Hundebraten süßsauer“. „Natürlich sind dort keine Hunderezepte zu finden“, erklärt die Illustratorin, die aus Taiwan stammt. Vielmehr ginge es darum, Klischees mit Humor zu hinterfragen. Was sie mit Ilon Wikland verbindet ist, dass auch sie das Thema Flucht thematisiert. Es steht im Mittelpunkt ihres ersten Kinderbuches, in dem der Protagonist Benjamin fliehen muss. Sein Problem: Benjamin hat sehr viele brillante Ideen. Das Regime hingegen ist der Meinung, dass „außergewöhnliche Ideen sehr, sehr gefährlich seien.“

Beide Frauen – Ilon Wikland wie auch Pei-Yu Chang – nehmen Kinder ernst. Sie beschönigen nichts. Beide sind aber weit davon entfernt, nur düster zu zeichnen. Im Gegenteil. Ihre Bilder sind durchaus lebensfroh. „Das Leben ist nicht nur Freude, Spiel und Spaß, sondern auch Verlust und Tod – warum sollte man das von Kindern fernhalten?“, sagt die Direktorin des Museums Wilhelm Busch, Gisela Vetter-Liebenow. Beide Künstlerinnen lassen Fragen zu. Ja, sie ermutigen sogar dazu, Fragen zu stellen, die Perspektive zu ändern, neue Blickrichtungen zu wagen und sich letztendlich seine eigene Meinung zu bilden.

Das Museum Wilhelm Busch im Georgengarten ist von Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Die Bilder von Ilon Wikland und Pei-Yu Chang sind bis zum 19. Februar 2023 zu sehen.