Als Leyla Ercan in den 90er-Jahren in Hannover studierte, kam ihr die Stadt provinziell vor. Sie ging für Auslandssemester ins schottische Aberdeen und nach Los Angeles, arbeitete nach dem Studium der Anglistik/Amerikanistik, Germanistik und Sozialpsychologie an Universitäten in der Türkei und Großbritannien. Und als sie 2008 zurückkam, sah sie die Stadt plötzlich mit anderen Augen.

Text: Karen Roske  Fotos: Lorena Kirste

„Ich war gerührt von meiner emotionalen Verbindung mit Hannover!“, erzählt sie und staunt noch immer ein bisschen über sich selbst. „So vieles hat mich hier an meine großartige Studienzeit erinnert, die mich sehr geprägt hat.“ Beflügelt von der Wiedersehensfreude wollte sie sich im zweiten Anlauf auf die Stadt einlassen. Sie begann sich ehrenamtlich in der Selbsthilfe für Migranten und Migrantinnen zu engagieren.

„Ich bin Hannoveranerin und möchte die Stadt mitgestalten“, sagt Ercan über sich selbst.

Menschen mehr miteinbeziehen

Leyla Ercan selbst ist als Tochter türkischer Eltern in der Nähe von Celle geboren. Neben Deutsch, Türkisch und Englisch spricht die 49-Jährige ein wenig Arabisch, Französisch und Spanisch. Wie man zielgruppengerecht auf Augenhöhe mit Zugewanderten zusammenarbeitet, erfuhr sie in ihrer hauptberuflichen Tätigkeit beim bundesweit renommierten Ethno-Medizinischen Zentrum Hannover sowie an der Uni Göttingen, wo sie einen Lehrbereich über Diversitätskompetenzen im Arbeitsleben aufgebaut hat.
„Nicht über, sondern mit den Menschen sprechen und sie selbst zu Experten oder Expertinnen in eigener Sache machen.“ Dieser Leitgedanke trägt auch ihre Arbeit als Agentin für Diversität beim Staatstheater Hannover. Mit Beginn der Intendanzen von Sonja Anders im Schauspiel und Laura Berman an der Oper hat sie die neu geschaffene Stelle angetreten.

Kultur als Menschenrecht

Seit drei Jahren erklärt Leyla Ercan in- und außerhalb des Staatstheaters geduldig, was Diversität überhaupt ist und wofür sie gut sein soll. Das Ziel ist mehr Vielfalt, sowohl im Programm als auch bei Publikum und Personal, das immerhin rund tausend Beschäftigte zählt.
Denn die Gesellschaft ist bunter, als sie in den deutschen Theatern derzeit erscheint, wo beispielsweise Frauen in Führungspositionen oder bei der Bühnentechnik, Behinderte im Ensemble, Geschichten über schwarze oder homosexuelle Hauptfiguren sowie Migranten und Migrantinnen im Publikum immer noch die Ausnahme sind.
„Wir wollen niemandem mit einem moralischem Zeigefinger Vorschriften machen“, sagt Leyla Ercan „Aber wir wollen die Theater für Menschen öffnen, die sich und ihre Erfahrungen, ihre soziale Realität und ihre Perspektiven dort bisher nicht wiederfinden.“

Ercans großes Ziel ist es, das Theater diverser zu gestalten und dort die Erfahrungen und Lebenswelten von vielen verschiedenen Menschen zu zeigen.

Andere Sichtweisen integrieren

Ercan zitiert eine aktuelle Studie der Uni Hildesheim, wonach nur fünf bis sieben Prozent der Menschen in Deutschland regelmäßig an öffentlich geförderter Theaterkultur teilnehmen, etwa 45 Prozent kommen gelegentlich, ganze 50 Prozent werden überhaupt nicht erreicht. „Wir haben einen Bildungsauftrag für alle Menschen“, betont Ercan. „Kulturelle Teilhabe ist ein Menschenrecht!“
Die Theater müssen allerdings auch im eigenen Interesse umsteuern, denn sie brauchen neue Publikumsschichten, um ihre Häuser in Zukunft zu füllen. Manchmal gelang das in Hannover schon überraschend einfach. So hätte die Oper beim Konzert der umjubelten kurdischen Sängerin Aynur in der Reihe „Stimmen“ leicht mehr als die vorhandenen 1200 Plätze füllen können.
Auf der Cumberlandschen Bühne war die Comedyshow der Berlinerin Idil Baydar alias „Jilet Ay e“ ein Hit für die Youtube-Generation. Inklusive anschließendem Workshop gehörte sie zur Reihe „Universen“, die der Dramaturg und gebürtige Hannoveraner Murat Dikenci zum Paradebeispiel für Leyla Ercans Vorstellung von echter Teilhabe macht. Denn hier wird Theaterneulingen nicht von oben herab ein vorbestimmter Platz in einem begrenzten Projekt zugewiesen, sondern die Maßgabe lautet: „Die Bühne gehört euch. Macht was daraus!“

Kernpublikum nicht unterschätzen

Wenn im Theater nun immer mehr vernachlässigte Gruppen zum Zuge kommen sollen, muss die bislang privilegierte weiße Bildungsbürgerschicht aber etwas von ihrem Terrain abgeben, oder? „Der Genuss des Wiedererkennens soll ihnen nicht genommen werden“, beschwichtigt Leyla Ercan. Als bekennender Shakespeare-Fan könne sie nachfühlen, wie schön es ist, geliebte Stücke immer wieder neu zu erleben. Aber beispielsweise sei neben den meistgespielten Lieblingsopern „Carmen“ und „Zauberflöte“ noch Platz für anderes. „Wir dürfen auch unser Kernpublikum nicht unterschätzen“, mahnt Ercan. „Es ist nicht so konservativ, wie wir oft glauben, sondern weltoffen und experimentierfreudig.“ Das zeige sich etwa am Erfolg der sonst selten gespielten, opulent inszenierten Oper „La Juive“ über religiöse Vielfalt, mit der Laura Berman ihre erste Spielzeit in Hannover eröffnet hatte.
Wie Laura Berman setzt auch Sonja Anders im Programm auf eine Mischung aus modernen Stoffen und klassischen Stücken, die oft ironisch gebrochen oder in verfremdeten Rollen gespielt werden. „Theater funktioniert am besten, wenn es am Puls der Zeit und hautnah an den gesellschaftlichen Debatten ist“, ist Leyla Ercan überzeugt. Oder anders gesagt: wenn viele unterschiedliche Leute ihre Gefühle und ihre Fragen darin wiedererkennen.