Die eine Krise, die Corona-Pandemie, ist noch nicht vorbei, da hat Regionspräsident
Steffen Krach auch schon die nächste zu bewältigen. Der Krieg in der Ukraine bedeutet für ihn auch, die Flüchtlingsströme zu verwalten und Stellung gegenüber Russland zu beziehen. ‡-Chefredakteurin Marleen Gaida traf Krach im Courtyard-Hotel am Maschsee zum Interview.

Interview: Marleen Gaida  Fotos: Lorena Kirste

Mit den Worten „Freiheit und Demokratie sind stärker als Panzer“ haben Sie sich bei einer Friedenskundgebung zum Ukraine-Krieg vor der Marktkirche Hannover in ihrer Rede deutlich positioniert. Hätten Sie gedacht, dass solche Worte im Jahr 2022 in Europa nötig sein werden?
Steffen Krach: Nein, absolut nicht. Wenn mir jemand zu Beginn meiner Amtszeit gesagt hätte, dass ich eine solche Rede an der Marktkirche halten würde, hätte ich das nie für möglich gehalten. Im Jahr 2000 war ich als Zivildienstleistender an der ukrainischen Grenze, zu einer Zeit, als es in der Region friedlich zuging. Mir ist aber auch noch mal wichtig zu betonen, dass das Putins Krieg ist und nicht der aller russischen Menschen. Ich habe einfach die Hoffnung, dass es viele Menschen in Russland gibt, die diese Position von Wladimir Putin nicht teilen. Aber natürlich mache ich mir wie viele Menschen große Sorgen, weil wir jetzt eine Situation haben, die nicht leicht zu lösen ist und auch noch weitere Eskalationsstufen haben könnte, und das mitten in Europa.

Wie sieht es in den Flüchtlingsunterkünften der Region Hannover aus – gibt es ausreichend Kapazitäten?
Steffen Krach: Wir haben aktuell noch Kapazitäten und können Menschen aus der Ukraine aufnehmen, und wenn es notwendig sein wird, werden wir auch Neue zusätzlich schaffen. Die Menschen, die eine Zuflucht suchen, werden auch eine Zuflucht bei uns finden. Das ist unsere Verantwortung, und der werden wir definitiv gerecht.

Seit Sie im Amt sind, haben Sie die Kommunikation der Region Hannover in den sozialen Medien massiv hochgefahren. War das überfällig, und haben Sie selbst keine Sorge vor Hass-Rede im Netz? Immerhin betreiben Sie nicht nur einen beruflichen Account mit täglichen Posts und Videos, sondern auch einen privaten.

Steffen Krach: Ob das überfällig war, müssen andere beurteilen. Bisher halten sich solche Hass-Kommentare bei mir in Grenzen, da kenne ich Politikerinnen und Politiker, die härter von Hass betroffen sind. Das ist bei mir in Ausnahmefällen der Fall, aber insgesamt hält es sich wirklich in Grenzen. Mir war einfach wichtig, dass wir darüber kommunizieren, wofür die Region Hannover zuständig ist. Mein Eindruck aus dem Wahlkampf war, dass viele Menschen nicht wissen, was die Aufgaben eines Regionspräsidenten sind und was die Region Hannover macht, und deswegen nehme ich alle, die wollen, gerne über die sozialen Medien mit. Öffentlichkeitsarbeit im Jahr 2022 bedeutet eben nicht nur Pressemitteilungen zu verschicken oder einen Journalisten anzurufen, sondern eben auch in den sozialen Medien aktiv zu sein.

Interview zum Amtsantritt: Im Courtyard-Hotel am Maschsee trafen sich Regionspräsident Steffen Krach und Chefredakteurin Marleen Gaida zum Gespräch.

Und – was sind genau die Aufgaben eines Regionspräsidenten?

Steffen Krach: Es gibt sehr viele andere Themen, für die der Regionspräsident zuständig ist, außerhalb von der Bekämpfung der Corona-Pandemie und den Auswirkungen des Krieges in der Ukraine. Zum Beispiel für den gesamten öffentlichen Nahverkehr in der Region Hannover. Das bedeutet: für die Landeshauptstadt und die 20 Umlandkommunen. Auch die Zuständigkeit für die Krankenversorgung liegt bei der Region, ebenso Aufgaben der Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung. Zudem sitze ich in Aufsichtsräten bei der Sparkasse und auch bei der HMTG (Hannover Marketing und Tourismus GmbH). Meine Verwaltung ist auch für den Klimaschutz und die Berufsbildenden Schulen zuständig, die enorm wichtig sind für die Ausbildung junger Menschen. Alles in allem ein sehr vielfältiges Themengebiet, was mir eine große Freude bereitet.

Sie selbst sind Vater dreier Kinder und engagieren sich als Regionspräsident besonders für das Wohl der Jüngsten. Vor allem kostenlosen Schwimmunterricht wollen Sie realisieren. Wann könnte es so weit sein, und welche Städte werden von dem Angebot besonders profitieren?

Steffen Krach: Als Vater weiß ich, dass Schwimmenlernen nicht einfach nur ein Freizeitspaß ist, sondern fast so wichtig wie Laufenlernen. Mein Kind hat durch Corona knapp 1,5 Jahre später als geplant das Seepferdchen gemacht, und wir waren so erleichtert. Das ist mir ein wichtiges Anliegen. Deswegen haben wir mit verschiedenen Akteuren aus der Sportszene im März mit unserer Kampagne für zusätzlichen Schwimmunterricht begonnen. Darüber freue ich mich sehr. Nun werden wir das in den einzelnen Kommunen umsetzen, überall wo Schwimmbäder und Schwimmlehrerinnen und Schwimmlehrer zur Verfügung stehen. Wir sind bereit, auch kurzfristig zusätzliche Schwimmkurse anzubieten.

Auch das Thema verbesserte Mobilität ist Ihnen ein Anliegen. Das 365-Euro-Ticket soll schon im Jahr 2023 eingeführt werden. Ein realistisches Ziel?
Steffen Krach: Es gibt viele Menschen, die das aus verschiedenen Gründen kritisch sehen. Aber wir können nicht einerseits sagen, dass der Nahverkehr mehr genutzt werden soll und andererseits sagen, dass der Staat dafür nicht zusätzlich Geld zur Verfügung stellen soll. Es wird Geld kosten – etwa 65 Millionen Euro. Daher ist es auch finanziell eine Kraftanstrengung. Aber in den vergangenen Jahren haben wir über die Länder und über den Bund sehr viel Geld für den Autoverkehr ausgegeben, und jetzt wollen wir verstärkt in den Nahverkehr investieren. Nach wie vor erhoffe ich mir auch dafür Gelder des Bundes. Wir erarbeiten im Jahr 2022 ein Konzept, und mein Wunsch wäre es, dass wir das 365-Euro-Ticket im Jahr 2023 einführen.

Ihre ersten hundert Tage standen im Zeichen der Pandemie. Februar und März waren geprägt von den Schreckensmeldungen aus dem Ukraine-Krieg. Man könnte sagen, eine Krise jagt die nächste. Hätten Sie sich
Ihren neuen Job so vorgestellt?
Steffen Krach: Wenn man einen solchen Job anstrebt, dann muss man davon ausgehen, dass man auch Krisen managen muss. Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass die Corona-Lage gerade zu Beginn meiner Amtszeit etwas ruhiger ist. Am ersten November 2021 musste ich einfach direkt durchstarten. Erst mit der Pandemie, und jetzt kommt die nächste Herausforderung, obwohl die Pandemie auch noch nicht überstanden ist.

Wie schaffen Sie privat Ausgleich zum anstrengenden Berufsleben?
Steffen Krach: Meine Frau sagt immer, ich sei der Meister des Abschaltens. Dabei hilft mir ein sehr erfüllendes Privatleben. Tatsächlich liegt die Aufmerksamkeit, wenn ich zu Hause bin, auf meinen Kindern. Wir haben uns gemeinsam eine Familie gewünscht und wollen nicht, dass es durch unsere Berufe dazu kommt, dass sich einer von uns rauszieht. Auch der Tennissport ist für mich eine gute Möglichkeit zu entspannen. Ich habe über 20 Jahre bei Hannover 96 gespielt, bis leider die Anlage an der Clausewitzstraße abgegeben wurde. Seitdem hat Hannover 96 keine eigene Tennisabteilung mehr, und jetzt spiele ich bei Anderten. Ich versuche so oft wie es geht, Tennis zu spielen, aber leider ist ein kontinuierliches Training nicht immer möglich. Für eine Profikarriere hat es leider nicht gereicht, aber im Sommer mache ich auch noch mit meinen Freunden regelmäßig Punktspiele. Aber natürlich gibt es auch Ausnahmen und Situationen, in denen das Abschalten schwer ist.

Corona-Pandemie, Krieg in der Ukraine und die Klimaziele der Region: Bei dem Gespräch zwischen Regionspräsident Steffen Krach und nobilis-Chefredakteurin Marleen Gaida kamen viele Themen zur Sprache.

Sie wünschen sich, dass die Region Hannover zum Vorbild in Sachen Klimaschutz werden soll und heben den Ausbau der Solarenergie hervor. Was sind die Argumente, mit denen Sie Bürger zum Installieren von Solaranlagen überzeugen wollen?
Steffen Krach: Aktuell sind wir zu sehr abhängig von anderen, was die Energieversorgung angeht. Wir müssen also dafür sorgen, dass wir selbst ausreichend Energie herstellen. Das können wir meiner Meinung nach mit dem Einsatz von Wind- und Solarenergie schaffen – es liegt alles in unserer Hand. Mein Vorschlag ist, die gesamten Dächer in der Region auf Solartauglichkeit zu prüfen und auch mehr Windkraftanlagen zu bauen. Wir müssen immer wieder für erneuerbare Energien werben und natürlich auch finanziell unterstützen, sodass sich jeder eine solche Anlage aufs Dach setzen lassen kann.

Sie sprechen sich für weitere Impfangebote in der Region Hannover aus und wollen vor allem für die Kleinsten eine niedrigschwellige Versorgung schaffen. Wann wird das Impfziel in der Region Hannover erreicht sein, damit wir die Pandemie endlich hinter uns lassen können?
Steffen Krach: Wir haben natürlich das Ziel, dass wir die Impfquote weiter erhöhen, aber da stocken wir bei den 78 Prozent Erstimpfungsquote, und das macht mir Sorgen. Das Thema rückt ja gerade auch in den Hintergrund, und wenn wir diese Impflücke nicht schließen, dann besteht die Gefahr weiterer Wellen. Es wäre meines Erachtens ein Fehler, die Impfpflicht nicht einzuführen. Vor Weihnachten hätte ich das schon für absolut notwendig gehalten.

Auf welche Neuerungen können sich die Bürger der Region Hannover noch in diesem Jahr freuen? Was wird sich spürbar verändern?
Steffen Krach: Worauf sich die Einwohner der Region Hannover definitiv freuen können, ist, dass ich jeden Tag dafür kämpfen werde, dass es den Menschen hier besser geht und dass wir gestärkt aus der Corona-Pandemie herauskommen. Ich wünsche mir für das Hotelgewerbe, die Gastronomie und die Unternehmen, dass diese nach zwei Jahren Pandemie wieder richtig durchstarten können. Ich arbeite dafür, dass wir ein Klima schaffen, in dem sich die Unternehmer in unserer Region wohlfühlen. Die Konsequenzen des Kriegs in der Ukraine kann man aktuell noch nicht abschließend für die Region Hannover und natürlich auch für viele andere Regionen bewerten. Das ist eine Situation, die viele Menschen noch nicht erlebt haben und die für uns alle absolut beängstigend ist.