Die bekannte hannoversche Produktdesignerin Theresa von Bodelschwingh hat bei der Materialverarbeitung eine ungewöhnliche Entwicklung hingelegt.

Text: Jörg Worat, Fotos: Theresa von Bodelschwingh, Porträt: Clarissa Kellermann

Schaffen wir doch gleich zum Auftakt etwas Klarheit. Ja, Theresa von Bodelschwingh ist verwandt mit Friedrich von Bodelschwingh, dem Begründer der Stiftungen Bethel – genauer gesagt, ist sie eine Ururenkelin. Nein, sie hat einen anderen Berufsweg gewählt als der berühmte Vorfahr und ist statt Pastorin Produktdesignerin geworden. Und doch gibt es einen Berührungspunkt zwischen diesen beiden Biografien, von dem indes erst etwas später die Rede sein soll.

Theresa von Bodelschwingh

Ein Atelier zum leben und wohnen

Zumal sich privat und beruflich gerade jede Menge bei der 34-Jährigen tut. So ist die Werkstatt, in der wir stehen, gerade einmal seit drei Wochen eingerichtet: „Deswegen ist es hier auch noch sauber“, merkt ihre Besitzerin lächelnd an. Das Atelier gehört zu den schmucken Kirchröder Räumlichkeiten, die Theresa von Bodelschwingh vor gut zwei Jahren von den Großeltern geerbt und zusammen mit Ehemann Thiemo ebenso wohnlich wie arbeitstauglich eingerichtet hat. Dass der Gatte als IT-Spezialist zwar in Sachen Produktdesign fachfremd, aber gleichfalls handwerklich begabt ist, erwies sich dabei als Vorteil. Und um die aktuellen Betrachtungen abzurunden: Die Hochzeit fand im August 2022 statt und ist somit auch noch nicht sehr lange her.

Theresa von Bodelschwingh setzt auf Details

Zeit, sich anzuschauen, woran die Designerin gerade arbeitet. „Das sind im Wesentlichen zwei Schienen“, sagt sie, und bei beiden fällt sofort ein Grundzug auf: Es geht um Reduktion; viel Schnickschnack ist nicht der Stil der Theresa von Bodelschwingh, auf deren Homepage nicht ohne Grund ein Satz im Mittelpunkt steht: „Ich kehre oft von ganz viel zu ganz wenig zurück und versuche, meine Produkte durch die Details und ihre Materialität besonders zu machen.“

Papier und Porzellan

Materialität spielt etwa bei einer der besagten Schienen eine entscheidende Rolle, nämlich bei der „Papyrus“-Serie. Wie dieser Name nahelegt, sehen die Porzellanarbeiten auf den ersten Blick aus, als seien sie aus Papier gefaltet, und tatsächlich sind ebensolche Gebilde die Vorlage – die Designerin holt die Gipsformen herbei, mit der die Übertragung ins Porzellan vorgenommen wird. Es gibt zwei „Papyrus“-Becher, deren kleinere Version für Espresso gedacht ist, und sie liegen mit ihrer kris tallinen, aber nicht scharfkantigen Struktur sehr schön in der Hand. Interessant wirkt zudem, dass die Innenseiten der Becher uneben bleiben.

Theresa von Bodelschwingh kann auch rustikal

Zu den Bechern gesellt sich eine „Papyrus“-Leuchte, und somit wären wir bei der Schnittstelle zur zweiten Werkgruppe, die man als erweiterte Auslegung des Themas „Lampen“ bezeichnen kann. Da gibt es die Leuchte „weave“ mit ihren Porzellan-Nachempfindungen des unter anderem von Caféhausstühlen bekannten „Wiener Geflechts“. Etwas rustikaler kommt die Serie der „Rumpelwichte“ daher – der Name beweist, dass ihre Schöpferin Astrid Lindgrens „Ronja Räubertochter“ gelesen hat. Hierbei handelt es sich um Akkuleuchten aus Filz, die ein wenig langstieligen Pilzen ähneln: „Sehr praktisch“, sagt Theresa von Bodelschwingh. „Wir benutzen sie selbst, wenn wir mit unserem Van auf Tour gehen.“ Die Wichte gibt es von Haus aus in vier Farben, auf zusätzliche Wünsche würde sich die Designerin nach eigenem Bekunden aber einlassen.

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Leichtigkeit aus Japan

Der Schirm der Deckenlampe „Carla“ wiederum besteht aus feinst gefaltetem Japanpapier: „Da muss man sehr sorgfältig arbeiten“, erläutert Theresa von Bodelschwingh. „Wenn die Ahle einen Millimeter verrutscht, kann man wieder von vorne anfangen.“ Eine Mittellage aus PET sorgt dafür, dass die Lampe nicht beim kleinsten Lufthauch zerreißt, und das Papier wird von einem gedrechselten Holzelement getragen: „Das lasse ich allerdings extra anfertigen.“

Ist das bei jemandem, der mit Papier, Porzellan oder Filz werkelt, nicht selbstverständlich? In diesem Fall keineswegs, denn die vielseitige Frau ist ausgebildete Tischlerin – ihr leider unverkäufliches Gesellenstück, ein zugleich kompakter und filigraner Sekretär aus Ulmenholz und schwarzem Linoleum, ist nachgerade ein Gedicht.

Die Designerin setzt auf das Licht

Zeit, die Biografie der gebürtigen Rotenburgerin nachzuzeichnen. „Nach dem Abitur wollte ich zuerst Theatermalerin werden und habe ein Jahrespraktikum am Stadttheater Bielefeld gemacht“, erzählt sie. „Aber das war letztlich vom Handwerklichen her unbefriedigend, weil die Bühnenbilder nur aus der Distanz wirken müssen und auf Details nicht sehr viel Wert gelegt wird. Außerdem spielt in modernen Inszenierungen oft das Licht eine viel größere Rolle als das Material.“

Als Teenager beim Häuserbau

Also rückte eine Erfahrung in den Vordergrund, die Theresa von Bodelschwingh erstmals im Alter von 15 Jahren gemacht hatte und die eine Verbindung zum berühmten Ururgroßvater herstellt, nämlich eine karitative Initiative: „Ich habe vor Ort beim Verein ,Heim-statt Tschernobyl‘ mitgearbeitet und bin immer noch Mitglied“, sagt sie angenehm unprätentiös: „Dabei helfen wir den Bewohnern dieser Region in Belarus unter anderem beim Häuserbau. Das hat mich schon als Teenager sehr interessiert.“

So erfolgte der nächste Schritt ab 2009 bei der Bielefelder Tischlerei „Feinschliff“ mit dem Abschluss als Gesellin: „Die Meisterprüfung wollte ich nicht mehr machen, an einer eigenen Tischlerei hatte ich kein Interesse.“ Zumal ein bestimmtes Ereignis eher ungeplant Folgen haben sollte: „Ich habe mit meiner Schwester Almut bei einem Drehkurs mitgemacht und dadurch eine Faszination für Keramik entwickelt.“ Es folgten, jeweils in Münster, ein Designstudium und danach von 2017 bis 2019 ein Lehrauftrag – Produktdesign mit dem Schwerpunkt Gips und Keramik.

Seit ihrer Selbstständigkeit gibt es viele Auszeichnungen für Theresa von Bodelschwingh

Im gleichen Zeitraum machte sich Theresa von Bodelschwingh zusammen mit einem Kollegen erstmals selbstständig, um anschließend solo weiterzumachen. Die Liste ihrer Auszeichnungen ist inzwischen beachtlich, und an neuen Ideen herrscht kein Mangel: „Ich habe mir gerade einen 3-D-Drucker gekauft“, sagt sie und zeigt Kunststoff- Prototypen einer Gefäßserie vor, die von Form und Schichtung einer Zwiebel inspiriert sind und später in Porzellan umgesetzt werden sollen.

Manchmal ist es einfach so

Bleibt vorerst nur noch eine Frage offen: Welche Carla hatte Theresa von Bodelschwingh bei der Kreation der gleichnamigen Lampe denn nun im Sinn? „Gar keine“, lacht die Designerin. „Für mich sieht das Stück einfach so aus, als müsse es Carla heißen …“

Homepage mit Kontaktangaben, Ausstellungsterminen und Onlineshop: www.theresa-bodelschwingh.de. In Hannover sind die „Papyrus“-Arbeiten der Designerin auch bei „Frau Zimmer“ in der Davenstedter Straße und bei „pro office“ in der Theaterstraße zu sehen.