In ihrem Zuhause haben Godje und Pauline Mahn eine Manufaktur aufgebaut. Ein Hausbesuch zwischen Nähmaschinen und Fahrradschläuchen.

Text: Heike Schmidt  Fotos: Tobi Wölki

Auf den ersten Blick birgt das Backsteinhaus am Ende der Straße in Uetze nichts Besonderes. Doch an der Eingangstür gibt es ein Detail, das aufmerksam macht: An dem weißen Balken neben dem Klingelschild ist eine Mini-Drehorgel festgeschraubt. „Eine Klingel benutzt niemand, der zu uns will“, erklärt Pauline Mahn. Statt geklingelt wird gekurbelt. Die Dreh­walze setzt sich in Gang und eine Melodie erklingt. Ob die Musik drinnen zu hören ist? „Selbstverständlich“, sagt die 27-Jährige. Die Tür öffnet sich. Hier ist nicht nur Godje Mahn zu Hause, sondern auch die Godje Mahn Manufaktur.

Das Haus ist im Inneren hell. Alles ist in Weiß, Creme oder lichtem Grau gehalten. An den Wänden wirken ausrangierte Schilder wie Grafikobjekte. Eine Buchentreppe führt in die erste Etage. Dort geht es in das Zimmer, in dem einst Pauline Mahn zu Hause war.
Die 27-Jährige wohnt nicht mehr bei ihren Eltern. Aber einmal in der Woche kommt sie zurück in ihr ehemaliges Kinderzimmer, wo heute das Herzstück der Godje Mahn Manufaktur ist. Dort näht Godje Mahn unter anderem Taschen. Und auch das Material für ihre Unikate ist auf den ersten Blick eher unscheinbar: In einer Kiste liegen Fahrradschläuche wie schlappe Schlangen übereinander. Ihr Schwarz ist noch etwas pudrig grau.
Es war ein Zufall, der dazu führte, dass Mutter und Tochter gemeinsam zu Unternehmerinnen wurden. „Ein Bekannter fragte, ob ich aus einem alten Schlauch ein Federmäppchen fertigen könnte“, erinnert sich Godje Mahn, die gelernte Damenschneiderin ist. Und da sie eh gerne Neues ausprobiert, sagte sie zu. Kaum war das Mäppchen fertig, kam die nächste Anfrage. Inzwischen hat Godje Mahn auch schon ein altes Schlauchboot oder Bundesbank-Geldsäcke vernäht. „Ein Schnittmuster habe ich nicht“, erklärt sie. Sie lässt sich einfach von dem Material inspirieren. „Manchmal liegt es auch erst.“

Die Arbeitsteilung zwischen Mutter und Tochter ist klar: Godje Mahn fertigt die Taschen, Pauline Mahn ist Mediengestalterin und im Marketing tätig. Sie betreut die Social-Media-Kanäle. Sie macht die Bilder, wenn ein neues Stück fertig ist: „Oft ist es so, dass – kaum ist es online – es auch schon verkauft ist.“ Zusätzlich sind die Taschen auch bei Vaund an der Georgstraße und bei Fahrrad Strauß im Kern von Uetze zu finden. Doch was weg ist, ist weg. Es gibt nur Einzelstücke. Kein Teil ist wie das andere. Godje und Pauline Mahn gehen noch Teilzeitjobs nach und nutzen jede freie Minute für ihre Manufaktur. „Manchmal fertige ich fünf, manchmal keine Tasche in der Woche“, erklärt Godje Mahn: „Wir haben und machen uns keinen Druck.“ Gefertigt wird, wenn Lust und Inspiration da sind – und dann kann es schon einmal Nacht werden. „Wenn ich einmal dabei bin, kann ich schwer aufhören“, sagt die ehemalige Damenschneiderin. Dann rattert die große Industrienähmaschine bis spät in die Abendstunden – laut und für die ganze Familie im Haus hörbar.
Vier Nähmaschinen stehen auf den Tischen in dem kleinen Raum, der durch seine Helligkeit größer wirkt, als er tatsächlich ist. Eine dient für Stickereien, eine zum Versäubern von Nähten, eine für normale Näharbeiten und die große Industrienähmaschine zum Vernähen der Fahrradschläuche. Vier Leuchten hängen in einer Reihe über den beiden Maschinen, eine Deckenlampe sowie eine kleine Lampe direkt an der Industrie­nähmaschine sorgen dafür, dass der Raum vor Helligkeit strahlt. „Ich nähe mit schwarzem Garn auf schwarzem Material. Das strengt die Augen an“, erklärt Godje Mahn. Wenn sie sich vernäht, kann sie zwar die Naht wieder auftrennen. „Aber man wird immer sehen, wo die Nadel durch den Schlauch gestochen ist“, weiß sie.

Die Liebe zum Detail ist es auch hier, die die Taschen wie auch das Zuhause von Pauline und Godje Mahn auszeichnet: In Gläsern sind Metallringe, mit denen man Träger verstellt, oder auch Ventile ordentlich wie eingemachte Sauerkirschen und Gurken verstaut. An einer Leiste hängen die Scheren; in einem ehemaligen Catering-Container aus einem Flugzeug sind wichtige Papiere untergebracht. Es ist dieser Blick für funktionale, überraschende Details, die nicht nur die Taschen der Godje Mahn Manufaktur, sondern auch das Innere des Backsteinhauses am Ende der Straße in Uetze auszeichnen. Es sind die kleinen Besonderheiten, die nicht auf den ersten Blick auffallen, die aber viel über die Bewohner und ihre Art zu leben erzählen. Es ist eine aktuelle Geschichte von Nachhaltigkeit, die dank Fantasie Funktionalität erreicht. Ohne erhobenen Zeigefinger. Dafür mit Leichtigkeit auf dem Fundament solider Handwerkskunst.
„Die Fahrradschläuche bekommen wir von Fahrrad Strauß hier aus Uetze“, erklärt Pauline Mahn: „Die würde er sonst in den Sondermüll bringen müssen.“ Bei Mahns werden sie im Garten aufgeschnitten, gewaschen, geputzt, getrocknet und anschließend eine Zeit lang beschwert, damit sie sich nicht wieder in ihre alte Form zurückrollen. „Die Reißverschlüsse und andere Utensilien wie Karabiner oder Gurtband kaufen wir in einem Laden ein Dorf weiter“, berichtet die Tochter. Viele Materialien sind Spenden. So wie eine Feuerwehrjacke. Godje Mahn weiß jetzt schon, was sie daraus machen möchte: eine Packrolle für ihr Motorrad. Doch die Fahrradschläuche bleiben vorerst ihr Hauptmaterial. Denn noch etwas zeichnet die Taschen aus alten Fahrradschläuchen aus: „Je länger man sie trägt, desto glänzender und schöner wird das Material.“