Wer Sebastian Maria Ottos Stil einmal sieht, vergisst ihn nicht. Früher waren Pappe und Kohle seine Materialien. Heute malt er auf Leinwand und designt Produkte. Ein Abend mit ihm enthüllt Erstaunliches über den Künstler – nicht nur, warum Übermalen keine Schande ist und Rotwein gut zu Melancholie und Ottos Figuren passt.
Text: Luisa Verfürth, Fotos: Shino photography

Luisa Verfürth und Sebastian Maria otto

In der ersten Klasse fing alles an. „Schmitti“, Sebastian Ottos Sitznachbar, malte im Hort nachmittags alles ab, was rumstand – was Sebastian so beeindruckte, dass er selbst unbedingt malen wollte. So verzierte er gewinnbringend die Liebesbriefe der anderen Jungs mit seinen Zeichnungen und verdiente sich so das Geld für die begehrte West-Schokolade. Bis sich Sebastian dachte: „Moment mal – die haben die Mädchen und ich nur die Schokolade. Da stimmt was nicht!“
Sebastian Maria Otto wuchs in Görlitz auf, und als sein Vater sich gen Westen aufmachte und in Springe strandete, ging Sebastian mit. Er war 16. Am liebsten war er nachts draußen, auf dem stillgelegten Kertess-Gelände in Hannover mit den anderen Kids, die gerne malten – vor allem gern auf allem, was sich hin und her bewegte.

Maria Otto beim malen
Sebastian beim malen

Schlimmer Unfall

Gesichter mit Knopfaugen sind ein beliebtes Motiv Ottos. Kindergleich, vor Melancholie leuchtend. Wie ein von Regen zu schwer beladenes Zeltsegel scheinen sie sich erheben zu wollen über den Blick, der den Betrachter in seinen Bann zieht. „Deep“, ja vielleicht „deep“ (engl. tief). Als Jugendlicher malte er mit den anderen Jungs Graffitis. „Beim Sprayen sagten sie oft zu mir: ‚Ey lass‘ das, diese Gesichter, wir machen einfach Kreise oder Schrift – nicht so was.‘“ Er malte noch ein bisschen mit nachts. Bis er übermüdet mit einer Gruppe von Freunden vor Springe im Auto einschlief. Sie prallten gegen einen Baum und stürzten die Böschung hinab.„Es war ein Wunder, dass wir überlebt haben. Ich hatte mir einen Riss an der Wirbelsäule geholt und musste neu gehen lernen. Danach war Schluss mit Sprayen.“ Er lernte eine besondere Frau kennen und wenige Jahre später wurde er zum ersten Mal Vater.

Wenn man in Sebastian Ottos Atelier eintritt, fühlt es sich ein bisschen an, als krieche man bei Alice im Wunderland in den Hasenbau. Überall gibt es Dinge zu entdecken. An den Wänden hängen bemalte alte Schubladen, bemaltes Porzellan seiner Großmutter, bestickter Stoff, kleine Bilder, große, sogar Esprit-Schuhkartons, Buchdeckel oder Weinverpackungen dienen ihm als Wirkungsfläche – alle voller Wesen, die Sebastian irgendwo einmal gesehen hat und für sich besonders fand. Das kann digital oder analog gewesen sein. Er hat in seiner Laufbahn von beidem profitiert. Erst von seiner Galerie „Nice/Nice Exhibition“ in der Deisterstraße – später auch von der digitalen Vermarktung, bei der ihm sein Geschäftspartner und engster Freund Torben Paradiek bis heute zur Seite steht.

Kreatives

Ein Neuanfang

„Um die 30 rum hatte ich einen ganz schönen Crash. Ich war echt down, und mich hat irgendwie vieles eingeholt. Ich suchte dringend jemand, der programmieren konnte, und auf einmal war Torben da.“ Mit Paradiek hat Otto nicht nur sein eigenes Label weiter gepusht, sondern inzwischen auch „Niemand Gin“ erfolgreich ins Leben gerufen, genauso „Gin Flight“, eine Gewürzmischung für Drinks, sowie unter dem Label „Cutiepatootie“ zwei Sebastian-Maria-Otto-Weine – weiß und rosé. „Er ist der, der mich morgens ganz früh anruft, wenn ich mal wieder feiern war und socialising betrieben habe und er schon wieder am Rechner sitzt und die ersten E-Mails fertig hat. Wir ergänzen uns perfekt.“

Otto steht in der Küche. Er schneidet Baguette. Liebevoll zubereitet. Das macht er freitags gern, wenn Gäste oder Interessenten vorbeikommen. Neben ihm atmet ein vollmundiger Rotwein mit Kirschnoten. Mag er. Malbec allen voran. Wir gehen rüber in den Raum, dessen Wände voll sind mit Farbrest-Rechtecken, in denen mal Leinwände gehangen haben. Sie erzählen davon, was hier vor allem nachts entsteht – barfuß, mit Rotwein und Musik. Otto misst ein Stück Leinwand aus und reißt es mit einem zerberstenden Geräusch von der Rolle. Er wird es an die Wand tackern. Leicht- und barfüßig zieht er souverän die Konturen darauf. Erst die Augen, die Haare, das Kinn. Im Netz hatte er ein Bild gesehen, es dient ihm als Inspiration. In schwarzen Schwüngen legen sich Haare wie ein geöffneter Vorhang über die Augen, der Hintergrund in Pink läuft in wässrigen Rinnsalen aus dem Pinsel. Melancholie blüht auf in einem neuen Gesicht. Ob er nie Angst hat, sich zu vermalen? „Ach was, dann wird es übermalt. Und ich male oft über. Dafür gibt es doch Weiß.“ Er lacht. Irgendwie angenehm unbekümmert, der Otto.

Maria Otto in seiner Küche

Melancholie versus Traurigkeit

Es ist irgendwie beruhigend, wie wenn man bei einem Krimi am Ende erfährt, dass es gar keine Leiche gibt. Weil man merkt, dass diese Wesen, seine Wesen, gar nicht so viel Weltschmerz aufgesattelt haben. Otto hat vor Jahren in Barcelona die sogenannte spanische Paste-up-Kultur entdeckt – Gesichter, die am Computer entstanden, dann ausgedruckt und an die Wände von Clubs und der City geklebt wurden. „Da gab es eine Gruppe, der ich lange gefolgt bin und die mich sehr beeinflusst hat.“
Melancholisch ja. Traurig und deep? Vielleicht. „Melancholie ist nichts Schlechtes. Im Gegenteil. Vielleicht sogar etwas sehr Poetisches. Es ist einfach ein geiler Mood.“

Durch Instagram und den digitalen Raum ist seine Kunst hinausgetreten in die Welt. Tokio, London, Luzern, Norwegen – überall kennt man inzwischen Sebastian Maria Otto. Oder die riesigen Wandgemälde bei Francesca & Fratelli, mit denen er vor drei Jahren startete. „Ich habe nie Kunst studiert. Und das war früher tatsächlich ein Problem, wenn du in eine namhafte Galerie aufgenommen werden wolltest. Wenn du keine Persönlichkeit als Professor nennen konntest, warst du raus.“ Eigentlich war sein Plan für 2020, das ganze Jahr zu reisen und unterwegs zu sein. Corona sei Dank sitzt er jetzt im Schneidersitz vor mir. Mit Farbe unter gepflegten Fingernägeln und Tattoos am ganzen Körper, die – natürlich – seine Wesen sind.

www.sebastian-otto.com
www.Instagram.com/sebastianmariaotto