Rudolf Schenker ist eine Gitarre spielende Faust für alle Miesepeter und Zweifler. Seit seinem 16. Lebensjahr hatte er immer eine Vision: eine Rockband zu gründen und weltweit erfolgreich zu werden.In seinem gerade erschienenen Buch „Rock your life“ beschreibt er zusammen mit Bestseller-Autor Lars Amend lebensbejahend und nahbar-humorvoll, was er auf der Reise seines Lebens mit den Scorpions alles erlebt hat und warum der Kompass seines Herzens und Bauchgefühls immer richtig funktionierte.

Text: Luisa Verfürth Fotos: Filipp Romanovski

Ich muss es so deutlich sagen: Dieses Buch hat mein Leben verändert. Wann immer ich gefragt werde, welches meiner zwölf Bücher, die ich bis zum heutigen Tag geschrieben habe, mein liebstes, wertvollstes und persönlich wichtigstes sei, kommt meine Antwort wie aus der Pistole geschossen: „Rock your life“. Und zwar mit einem breiten Grinsen voller Glück und Dankbarkeit im Gesicht.“

Diese Zeilen sind die ersten in dem Ende Februar erschienenen Buch von Rudolf Schenker; sie stammen aus der Feder seines Co-Autors Lars Amend, Mentaltrainer und Spiegel-Bestsellerautor, der seinen Lesern mit Büchern wie „Dieses bescheuerte Herz“ oder „Bushido“ direkt unter die Haut und nie wieder aus dem Kopf ging.

Lars Amend & Rudolf Schenker

Für Rudolf Schenker heißt Lars Amend jedoch anders: „Ich komme nie auf seinen Namen, weil wir uns gegenseitig immer Socke nennen“, sagt Schenker lachend. Socke junior und Socke senior. Bei den beiden war es „Love at first sight“.

Wir sitzen in Schwarmstedt, einer kleinen Gemeinde etwa 45 Kilometer nördlich von Hannover, in Schenkers Studio, einem gefühlt faradayschen Käfig aus Hunderten von Goldenen Schallplatten. Der Mann mit den frechen, kindlichen Gesichtszügen ist unverschämt gut drauf.

Wie sollte es auch anders sein. Sein Buch, das 2010 erstmalig erschien, ging nun vollständig überarbeitet und erweitert in die Neuauflage. Das Album der Scorpions – „Rockbeliever“ – ist am 25. Februar erschienen, und die Koffer für die beginnende Welttournee Ende März sind fast fertig gepackt.

Der Sound eines Lebens

Am 25.02. ist das neue Album der Scorpions erschienen, es trägt den Namen „Rockbeliever“. Als ich Schenker frage, warum dieser Titel so perfekt in die Zeit passt und warum Rock niemals sterben wird, kann man sehen, wie sich die schönen, dunklen, sonst immer diebisch lächelnden Pupillen des Weltstars mit Wasser füllen. „Das ist der einzige Titel, der aufs Cover gehört. Wenn einer Rockbeliever ist, dann sind es wir. Wir haben den Rock aufgesaugt mit der Muttermilch und über Deutschland hinaus geführt. Wenn ich zurückdenke, könnte ich fast anfangen zu weinen vor Freude.“

Keine Chance für die Komfortzone

Wer Schenker anschaut, sieht 73 Jahre Rock ‘n‘ Roll da sitzen – noch immer fit wie ein Turnschuh. Zum Glück macht der Gründer der Scorpions kein Geheimnis daraus. „Ich bin mit 16 durch meinen Vater zum Yoga und zum Meditieren gekommen und bis heute dabei geblieben. Ich mache das inzwischen auf meiner Schumann-Platte“ – einer Art sanft schwingendem Podest –, „weil ich im Moment sehr damit beschäftigt bin, meine Faszien zu lösen und den Yoga-Sitz bis zur Mitte des Jahres perfektionieren möchte. Ansonsten dusche ich jeden Tag kalt, mache Elektromuskelstimulation, lasse mich von meiner Power Plate fit rütteln und praktiziere seit zwei Jahren die Wim-Hof-Atemtechnik, die ich mir über Youtube beigebracht haben, als wir in Thailand waren. Es ist wichtig, dass wir unseren Körper aus der Komfortzone holen.“

Und damit hat Schenker überhaupt kein Problem – und auch noch nie gehabt, wie eine Anekdote in „Rock your Life“ verrät: Ist er doch, kurz bevor er Tanya, seine wunderschöne Freundin und Mutter des gemeinsamen Sohnes Ritchie, in Russland kennenlernte, noch flott nackt in den zwei Grad kalten Balkansee gesprungen. Vor den Augen des am Rand stehenden und schlotternden Tourarztes der Scorpions.

Die Geschichte mit dem Balkansee ist nur eine von vielen, die Schenker in seinem Buch erzählt. Es ist einerseits ein Zeugnis der Freundschaft von diesen scorpiösen, explosiven Jungs, aber auch eine Hymne des Mutes: „Ich habe mit dem Buch eine Möglichkeit gesehen, anderen meinen Weg aufzuzeigen, durch das, was ich erlebt habe. Und zu zeigen, dass eine konsequente Zielsetzung das Wichtigste ist im Leben.“ Seine eigenen Ziele waren schon immer hochgesteckt: „Erstens: Ich wollte eine Rockband haben mit guten Musikern und guten Freunden. Und zweitens: Ich wollte weltweit spielen und speziell in Amerika.“

Von der Schulbank auf die Bühne

Schenkers Eltern waren den Plänen ihres Sohnes ziemlich abgeneigt und wollten, dass er etwas Anständiges lernte. Also machte der Junge aus Sarstedt eine Ausbildung zum Starkstromelektriker und wurde danach weltweit gefeierter Rockstar. Auch dank des richtigen Managements: „Auf einmal waren wir randvoll mit Terminen. Der Auftakt unserer Amerika-Tournee war damals in Cleveland, und wir haben direkt um unser Leben gespielt. Ein Wunder, dass sie uns damals nicht den Stecker gezogen haben, wir wollten gar nicht aufhören. Die haben immer nur gesagt: ‚Diese bloody germans, was machen die da?‘. Außerdem waren wir gleich der Liebling der Crew, weil wir immer menschlich waren und auch so geblieben sind.“

Als sie in den Staaten schon ein Star waren, hatte man in Deutschland noch geschrieben, die erste Platte der Scorpions könne man bestenfalls als Tischbeinkorrektur benutzen. Die Band aus Hannover fegte in den Siebzigern wie ein Feuer durch Holland, durch Frankreich, England, durch Belgien. Nur Deutschland spitzte immer noch den Kritikerbleistift an und wartete auf guten alten Krautrock, der damals in Deutschland angesagt war. „Das hätten wir niemals gespielt. Also ab ins Ausland. Ich wollte immer internationale Qualität und ganz ehrlich: Everybodys darling is nobodys darling.“

Rudolf Schenker & Luisa Verfürth

Und so hörte Schenker weiterhin weniger auf andere als auf sein Herz, was die Band in den 80ern auch nach Russland katapultierte. „Russland hat mir meine Tanya gebracht, und Klaus hat sein ‚Wind of Change‘ bekommen.“ Und ein Dinner beim russischen Präsidenten, aber das nur nebenbei: „Ich werde es nie vergessen, wie ich damals zu Klaus gesagt habe: ‚Du Klaus, meinst du, du kannst ‚Wind of Change‘ auch auf Russisch einsingen? Dann lädt uns Gorbatschow vielleicht auch zum Essen ein.‘ Klaus meinte, ob ich bekloppt wäre. Aber Wochen später saßen wir mit Gorbatschow und seiner Gattin beim Dinner.“ Bei Schenker ist alles möglich. Wenn das Ziel stimmt.

Eine internationale Familie

Natürlich hat auch die Liebesgeschichte von Tanya und Rudolf ein Kapitel in „Rock your life“. „Ich habe damals Sprachen studiert in Russland und nebenbei gemodelt, um mir Geld dazu zu verdienen. Als die Scorpions damals durch das Land tourten, wurde in verschiedenen Städten eine „Queen of Rock“ gewählt. Ich hatte überhaupt keine Lust, zu dieser Wahl zu gehen, weil ich am nächsten Tag Uni hatte, aber mein Manager sagte, ich müsse“, so Tanya Sazonova.

Der Rest ist eine wunderschöne Liebesgeschichte, die auf der Tanzfläche einer russischen Diskothek mit Shakiras „Whenever, Wherever“ begann, mit einem zugesteckten Brief und einem Flug von Schenkers Freund Alex Malek nach Nowosibirsk, um Tanya nach Schwarmstedt zu begleiten.

„Das ist schon ein ganz schöner Kulturschock, wenn du aus einer Stadt mit zweieinhalb Millionen Einwohnern kommst“, so Tanya Sazonova lachend. „Am Anfang war ich die ganze Zeit mit Rudolf auf Tour, und am schönsten war es, ein halbes Jahr in Amerika zu leben. Dort stehst du auf einmal neben Nicole Kidman und Angelina Jolie und bist sprachlos. Aber irgendwann merkst du, dass auch diese Menschen einfach respektiert werden möchten.“

Tanya Sazonova genießt es, dass in Deutschland der Trubel um ihren Mann nicht so groß ist wie in anderen Ländern. „Am Anfang in Russland, als wir uns kennengelernt haben, hatten wir immer zwei Bodyguards dabei und einen Fahrer. Hier in Schwarmstedt können wir uns ganz normal bewegen. Rudolf fährt jeden Tag zu seinem Freund und Gastronom Gino ins ‚La Fontana‘ Espresso trinken. Und ich kann problemlos alleine zum Markt fahren und einkaufen.“

Ob sie ein Lieblingslied der Scorpions hat? „Ja. ‚Maybe I, Maybe You.‘ Ich liebe es, wie Klaus das singt. Mein Bruder hat eine Tanzschule für klassischen Tanz in Moskau, und sie haben dazu mit dem Ensemble getanzt, das war unglaublich schön. Auch wenn Rudolf das Lied nicht geschrieben hat. Aber er ist auch nicht so ein Romantiker“, so Sazonova lachend. Verheiratet sind die beiden nicht. Auch wenn Rudolf ihr in Athen auf der Akropolis einen Heiratsantrag gemacht hat. „Damals schien es super kompliziert mit meinen Pässen, und dann mit der Zeit haben wir nicht mehr dran gedacht. Aber ich brauche das auch nicht zwingend. Ritchie hat auch so seine Mama und seinen Papa.“

Und der ist wahnsinnig stolz auf den kleinen Blondschopf mit der frechen Zahnlücke. „Mir ist es wichtig, das Ritchie ganz normal aufwächst“, sagt Schenker. „Ich will einen jungen Menschen, der ins Leben steigt, nicht beeinflussen, sondern so viel Eigenständigkeit aus ihm herausholen, wie es geht.“

Wenn man Ritchie fragt, was er alles so macht, hat er ganz schön viel zu tun. Fußball bei 96, Kickboxen, Judo, Russischunterricht, Englischunterricht, und schwimmen geht er auch noch. Aktuell fokussiert er sich darauf, dass er nach dem Sommer in die Schule kommt. Aber vorher geht es noch einmal mit Papa nach Las Vegas auf Tour. Und da freut sich die ganze Familie drauf. „Las Vegas ist nicht unbedingt meine Lieblingsstadt auf der Tour, aber eine Stadt, die uns auf jeden Fall die Möglichkeit bietet, wieder auftreten zu können, nachdem wir schon zwei Mal verschoben haben. Neun Shows werden wir dort spielen.“

Auch Tanya freut sich darauf, nach der langen Corona-Zeit wieder einmal rauszukommen, und vor allem aber freut sie sich für ihren Mann, dass er wieder auftreten kann. „Rudolf ist ein sehr ausbalancierter Mensch, aber ich habe gemerkt, wie ihm das Touren fehlt, der Austausch der Energie, den die Jungs auf der Bühne im Zusammenspiel mit dem Publikum erleben. Das ist ihr Motor, der sie antreibt und den sie brauchen, um weitermachen zu können.“

Schenkers Buch schafft es, diese nie endende Energie ein Stück weit an die Leser weiterzugeben. Mehr noch, wenn es nach Paulo Coelho geht, einem Freund von Schenker, der das Vorwort in „Rock Your Life“ verfasst hat: „Dieses Buch ist ein großer Schatz, der die Macht besitzt, das Leben von Millionen Menschen auf der ganzen Welt zum Guten zu wenden.“