Sylt ist zu jeder Jahreszeit eine Reise wert.  Mit dem E-Bike lässt sich die Insel entspannt erkunden.

Text: Uta Preusse  Foto: Kerstin Werner

Abenteuerreisen – und insbesondere solche, die uns im eigenen Land angeboten werden – sind ja derzeit im Trend. Mir macht das grundsätzlich Angst. Ich stürze mich nicht gerne von einer Hängebrücke, krieche ungern auf allen vieren durch eine Höhle oder fahre mit dem Mountainbike Downhill. Deshalb visiere ich auf der Landkarte ein Ziel an der Nordsee an, wo ich auf derartige Aktivitäten verzichten und trotzdem etwas erleben kann, nämlich Sylt. Dort will ich die Weite des Horizonts sehen, salzige Luft spüren und mir kräftig den Kopf freipusten lassen. Und alles immer schön gemütlich mit dem E-Bike.

Ich steige in Hannover in den Zug nach Westerland, und nach gut fünf Stunden Fahrt habe ich mein Ziel erreicht. Ich schnappe mir meinen Hackenporsche und schlendere durch die berühmte Friedrichstraße. In und vor den zahlreichen Bars und Kneipen herrscht am frühen Abend viel Betrieb. Die Sonne spiegelt sich in organgefarbenen Gläsern: Aperol Spritz ist offensichtlich das Sylter Trendgetränk. Ich stimme mich mit einem kühlen Blonden auf zwei erholsame Tage ein und laufe weiter bis zur Strandpromenade, um meinen ersten Sylter Sunset nicht zu verpassen.

Und der ist wirklich spektakulär. Blutrot taucht die Sonne ins Meer, und der Himmel färbt sich in verschiedensten Tönen. Später stelle ich meinen Hackenporsche im Bed & Breakfast La Maison M ab und laufe auf der Strandpromenade Richtung Süden. Auf einer Düne am Strand erblicke ich ein schönes Holzhaus mit mehreren Sitznischen im Freien. Ich bestelle ein Glas Rosé und genieße den Blick aufs Meer. Das Haus, so stellt sich heraus, ist das berühmte Beach House, eines der besten Sylter Restaurants. Müde von der langen Fahrt und der frischen Seeluft gehe ich zurück zu meinem B & B. Die Zimmer sind im Retrostyle wunderschön eingerichtet. Ich sinke auf mein Bett und freue mich auf den nächsten Tag. Als ich aufwache, strahlt die Sonne und macht Lust auf Meer. Im angeschlossenen Kaffeehaus des B & B genieße ich ein köstliches Frühstück.

Wanderdünen und High-Speed-Schafe

Auf dem Weg zum Fahrradverleih am Hauptbahnhof bewundere ich die vier reisenden Riesen im Wind, große grüne Skulpturen. Putzig, wie sie sich nach hinten neigen. Mit meinem E-Bike fahre ich Richtung Norden nach List, an Kampen und Wenningstedt und an schönen Reetdach­häusern vorbei. Ich parke mein Bike an der Straße und wandere Richtung Strand zum Roten Kliff. Weiter nach Norden Richtung List und Ellenbogen. Über den hat Udo Lindenberg mal getextet: „Bei Wanderungen am Ellenbogen entwerfe ich das Universum neu.“ Ich bin gespannt. Die Sonne strahlt vom Himmel, und die Dünenlandschaft ist spektakulär.

Listland ist Wanderdünenland. Die größte der drei ist 1,5 Kilometer lang und 500 Meter breit und damit die größte Wander­düne Deutschlands. Ich überquere den 54. Breitengrad, früher war dies dänischer Grund. Arktische Heide und Strandhafer wachsen überall, Schafe dösen faul in der Sonne  Man nennt sie hier auch „High-Speed-Schafe“, denn wenn sie auf Touren kommen, sind sie ziemlich schnell. Sie können sich frei bewegen, denn Zäune gibt es nicht, und „Vorfahrt“ haben sie übrigens auch. Gut, dass ich mit meinem E-Bike nicht zu schnell unterwegs bin.

Weiter nach List: Am Ortseingang befindet sich das über 500 Metern lange und damit längste Haus der Insel, es dient als Bollwerk gegen den „weißen Tod“, den Dünensand, der bei Starkwind durch das Land fegt. Am Lister Hafen habe ich den nördlichsten Punkt Deutschlands erreicht.

Ich schlendere am Hafen entlang, von wo die Fähren nach Dänemark fahren, und sehe mich in der „Gosch Town“ um, der nördlichsten Fischbude Deutschlands. Fischbude? In den großen Hallen werden jede Menge Fischspezialitäten und natürlich Fischbrötchen angeboten und verspeist. Seinen Fischverkauf startete Jürgen Gosch, Gastronom des Jahres 2020, mit einem Bauchladen am Strand, heute verfügt er über ein Imperium. Genüsslich beiße ich in mein Fischbrötchen und muss aufpassen, dass die Möwen mich nicht attackieren. Dann radle ich zurück Richtung Westerland. Der Wind hat zugenommen, und ich bin froh, dass ich mit dem E-Bike unterwegs bin. Müde und hungrig suche ich nach einem Fischrestaurant. In einer Nebenstraße in Westerland, bei Fisch Blum, bestelle ich eine Fischsuppe und gebratene Jakobsmuscheln – ein himmlischer Genuss.

Karibisches Flair in Hörnum

Nächster Tag: Heute fahre ich mit meinem E-Bike Richtung Süden, zur Strandsauna Samoa, denn dieses Vergnügen will ich mir nicht entgehen lassen. Das Samoa ist eine von vier Strandsaunen auf Sylt und als einzige ganzjährig geöffnet. Achim begrüßt mich am Eingang, drückt mir zwei Handtücher in die Hand und los geht‘s. Durch das große Fens­ter in der Sauna blicke ich auf den Strand und das Meer: So zu schwitzen ist der reinste Luxus, und auch, dass man nach dem Schwitzen in die Nordsee abtauchen kann. Nach vier Saunagängen und schwimmen im klaren Wasser bin ich tiefenentspannt. Eigentlich reicht mir das Pensum für heute, doch ich bin neugierig, wie Sylt im Süden aussieht. Ich radle weiter bis Hörnum. Am Hafen lege ich einen Stop ein und gehe schnurstracks zum Sylter Muscheln Bistro, wo es köstliche Miesmuscheln gibt, die vor der Küste gezüchtet werden. Es handelt sich um besonders große Exemplare, und ihr Geschmack ist einzigartig (siehe Seite 52). Nach dem Essen entspanne ich mich am Hörnumer Strand: weißer Sand und kristallklares Wasser –  ich könnte genauso gut in der Karibik sein. Das Leben kann so schön sein!

Auf dem Rückweg halte ich kurz in Rantum an, entspanne mich in der legendären Sansibar bei einem Kaltgetränk und döse in der Sonne. Dann nochmal kräftig in die Pedale treten. Zurück in Westerland schlendere ich durch die Paulstraße mit ihren kleinen Pubs und Restaurants. Aus einer Kneipe namens Wunderbar ertönt „Ich liebe das Leben“ von Vicky Leandros. Das ist mein Weckruf. Neugierig gehe ich hinein. An der Tür begrüßt mich Danni: „Moin, was willst Du trinken?“ Ich bestelle einen Weißwein und setze mich an einen Tisch in der hintersten Ecke, von dem ich alles gut überblicken kann. „Was ist denn so wunderbar an der Wunderbar?“, frage ich Danni, als sie meinen Wein bringt. „Lass Dich überraschen“, meint sie. Aber ich erfahre, dass in der Wunderbar meistens deutsche Schlager gespielt werden. Das ist genau mein Ding. Als „Auswärts sind wir asozial“ von Killermichel ertönt, gibt es kein Halten mehr. Der Laden bebt. Wo bin ich hier bloß gelandet?

Genug Aufregung für heute, ich ziehe mich in mein gemütliches B & B zurück. Am nächsten Morgen spaziere ich noch einmal am Strand von Westerland entlang und beob­achte die vielen Kitesurfer, die trotz oder gerade wegen des beträchtlichen Wellengangs übers Meer gleiten und atem­beraubende Sprünge vollführen. Ein paar Abschiedsfotos und ich mache mich auf den Weg zum Bahnhof, gebe mein E-Bike ab und warte auf den Zug. Noch bin ich nicht weg, doch schon jetzt geht es mir wie den Ärzten: … ich hab‘ solche Sehnsucht, ich verliere den Verstand. Ich will wieder an die Nordsee, ich will zurück nach Westerland.“ Bald.