Sie haben Sorgen und benötigen eine individuelle Klassik-Infusion? Ein Fall für das „Orchester im Treppenhaus“ und seine Notfallkonzerte.

Text: Jörg Worat, Fotos: Moritz Küstner

Musik, so sagt man, kann eine heilende Wirkung haben. Das hannoversche Orchester im Treppenhaus, bekannt für seine ungewöhnlichen Formate, nimmt das ganz wörtlich: Mit „Notfallkonzerten“ will die Gruppe das Leiden der Menschen lindern.

Und eine individuellere Ausgestaltung ist nicht vorstellbar: Wer hierher kommt und sein ganz eigenes Konzert erleben möchte, trägt sich auf einer Liste ein und sitzt dann vor einem Streichquartett, das rund fünf Minuten lang nur für ihn oder sie spielt, während das restliche Publikum im Hintergrund natürlich zuhören darf. Wichtig: Es muss tatsächlich ein Notfall, also persönlicher Kummer, vorliegen – „Mit reiner Bespaßung hat das nichts zu tun“, betont Thomas Posth, Orchesterleiter und Cellist.

Das kann zu äußerst intensiven Momenten führen, und es ist keine Seltenheit, dass dabei Tränen fließen. Zurzeit vielleicht sogar besonders häufig, denn die Pandemie macht sich auch in diesem Zusammenhang bemerkbar: „Die Themen Isolation und Einsamkeit stehen jetzt viel im Mittelpunkt“, sagt Posth. Das Quartett schneidet sein Kurzprogramm auf das jeweilige Problem zu, und der erste Teil ist immer improvisiert – hier kann sich etwa eine gerade erfolgte Trennung in einer entsprechenden Aufteilung der Instrumente spiegeln. Anschließend wählen die Musiker aus einem Pool von etwa 35 klassischen Stücken eines aus, das ebenfalls zum Thema passen muss und möglichst den Schmerz leichter erträglich macht.
Die Palette reicht von Bach und Mozart über Mendelssohn und Schubert bis zu Dvorˇák und Villa-Lobos. Zwar spielt das Orchester im Treppenhaus ansonsten auch gern und viel Neue Musik, „aber die“, erläutert Posth, „passt bei diesem Format erfahrungsgemäß nicht“.

Notfallkonzert im Sprengel Museum Hannover

Notfallkonzerte: Ein Programm zur Weltrettung

Zuweilen ist der Notfall auch von eher prosaischer Natur. Eine Dame konnte etwa einst ihre Steuererklärung nicht mehr finden: „Sie haben wir mit Ravel aufmuntern können, und später kam von ihr die Rückmeldung, dass alles gut ausgegangen ist.“
Seit 2014 laufen Notfallkonzerte regelmäßig im Sprengel Museum. Aber keineswegs ausschließlich dort – das Quartett spielt viel in Kirchen, ist auch schon bei Oberbürgermeister Belit Onay vor und mit Bundestags-, Landtags- und Europaabgeordneten aufgetreten. In Lausanne stellte das Orchester sein Konzept bei einem Kongress zum Thema „Musik und Psychiatrie“ vor: „Das war eine wichtige Erfahrung, zu hören, wie solche Fachleute die Sache einschätzen. Die Reaktionen waren erfreulicherweise durchweg positiv.“

Insgesamt hat Posth mittlerweile nach eigener Aussage „über 800 Notfälle gesammelt“. Bei einer derartigen Nachfrage ist naheliegend, dass nicht immer dasselbe Quartett am Start sein kann: „Wir haben auch schon mal zwei Konzerte gleichzeitig gespielt.“ So gibt es zwar eine Stammbesetzung, die aus Posth selbst, Henriette Otto und Moritz Ter-Nedden an den Geigen sowie dem Bratschisten Yannick Hettich besteht; bei Bedarf können aber auch andere Orchestermitglieder einspringen.

Teils größere Formationen waren an den Vorläufern der intimen Notfallkonzerte beteiligt, die 2011 begannen und einigermaßen unbescheiden als „Weltrettungsprogramm“ firmierten. Damals fuhren die Musiker tatsächlich mit Blaulicht im öffentlichen Raum vor, um mit Kurzkonzerten und eigens komponierter Musik von Benjamin Scheuer auf Missstände aufmerksam zu machen – so spielten sie etwa das brachliegende Ihmezentrum an und traten, nun wieder in Quartettformation, vor dem Geflügelschlachthof in Wietze auf, wobei symbolisch jedem Huhn ein Namen gegeben wurde: „Bei über 20.000 Schlachtungen pro Stunde“, sagt Posth, der sich erklärtermaßen gern für den Umweltschutz engagiert, „kann man natürlich bald nicht mehr mithalten und kommt völlig außer Atem.“

Weitere Infos zum Treppenhausorchester und zu den Notfallkonzerten finden Sie hier: https://treppenhausorchester.de/

Von Fieberkurven und Geheimkonzerten

Sinn für Humor verrät das Orchester bei einigen Kurzfilmen, die zum Thema Verkehrssicherheit für das Mobilnetzwerk der Region Hannover erstellt wurden, auf der Homepage des Ensembles zu sehen und ebenfalls mit „Notfallkonzerte“ betitelt sind. Zu Musik von Benjamin Scheuer lässt der Illustrator Daniel Stieglitz Zeichentrickfiguren aufmarschieren, die unter anderem dem Begriff „den Verkehr umdirigieren“ eine völlig neue Bedeutung verleihen.

Es gab auch Überlegungen, das Format im gigantischen Maßstab anzubieten. Thomas Posth hat ein sehr spezielles Konzept vorgelegt: „Dann wären nicht nur wir involviert gewesen, sondern die gesamte Musikszene der Stadt, Ensembles, Orchester, Bands. Es sollte 1.000 Notfallkonzerte geben, die dann eine Art Fieberkurve Europas nachgezeichnet hätten.“ Was für ein schöne Idee. Das Problem: „Im Moment ist das Projekt nicht durchführbar. Aber vielleicht findet sich doch noch eine Möglichkeit, es in irgendeiner Form zu verwirklichen.“

Das Konzept der Notfallkonzerte bleibt auf jeden Fall im Programm des Orchesters, auch wen bis Ende des Jahres alle Konzerte abgesagt worden sind. Die Reihe soll sogar ausgeweitet werden: „Wir planen für das nächste Jahr ein ganz neues Format“, kündigt Posth an. „Geheimkonzerte.“ Was genau das sein mag, könnte Gegenstand einer künftigen Betrachtung werden – bis dahin: gute Genesung.