An einem Strang ziehen: Die Initiative Theater für Hannover 
ist ein schönes Beispiel für Kooperation innerhalb der Kulturszene.

Text: Jörg Worat, Bild: Olli Haas

Zuweilen nehmen Ereignisse aufgrund von Corona eine unerwartete Wendung. Bei einer Pressekonferenz im Juni wollten Mitglieder der hannoverschen Kleinkunstszene ursprünglich vor allem eine Show in der Reihe der Autokultur-Veranstaltungen vorstellen. Doch irgendwann brach sich bei Kabarettist Matthias Brodowy nachdrücklich der Frust Bahn: Er vermisse in der Corona-Krise echte Unterstützung durch die Politik. Und in der Folge wurden Forderungen nach einem angemessenen Auftrittsort für die Kleinkünstler laut.

Verständlich. Welche realistischen Erwartungen konnte Brodowy hegen, der regelmäßig im Theater am Küchengarten, kurz TAK, auftritt? Oder ein Kollege wie der vielseitige Entertainer Detlef Simon alias Desimo, dessen „Spezial Club“ im Apollo-Kino angesiedelt ist? Bei den geltenden Abstandsregelungen passen nur sehr wenige Besucher in diese kleinen Häuser – eine rentable Planung ist so unmöglich. Das alles vor dem Hintergrund, dass selbstständige Künstler bei den angesetzten Förderprogrammen ohnehin immer wieder durchs Netz fallen.

Die Medienberichte über Brodowys Ausbruch hatten unmittelbar Folgen. „Am nächsten Tag stand das Telefon bei mir nicht mehr still“, berichtet der Kabarettist. Hallenbetreiber meldeten sich ebenso wie Vertreter der Parteien – das Problem wurde endlich verbreitet zur Kenntnis genommen. Und die Initiative von Brodowy, Desimo und TAK-Geschäftsführer Jan-Hendrik Schmitz führte zu greifbaren Resultaten. Durch Vermittlung des hannoverschen Kulturbüros kamen verschiedene Örtlichkeiten ins Spiel, unter anderem die Münchner Halle der Messe und das HCC. Letztlich fiel die Entscheidung auf den Großen Saal des Kulturzentrums Pavillon.

Corona und Kulturveranstaltungen: Solidarität statt Konkurrenz

Das hat viel für sich. Die benötigte Infrastruktur ist vor Ort vorhanden, und der Pavillon hatte seinerseits große Veranstaltungen verschieben müssen: „Dadurch waren bei uns Kapazitäten frei geworden“, sagt Geschäftsführerin Susanne Müller-Jantsch. Nicht zuletzt hat das Haus eine lange Tradition in Sachen Kleinkunst und scheint daher für entsprechende Veranstaltungen besonders geeignet. Das Projekt „Theater für Hannover“ war geboren, den Kleinkünstlern stehen nun rund 200 Plätze zur Verfügung, und sie sind der prekären Situation enthoben, vom Frühjahr in den Herbst verschobene Programme ein weiteres Mal verlegen zu müssen.

Im September ging‘s los, weitere Termine stehen inzwischen fest. Am 6. Oktober tritt Matthias Brodowy mit Band auf und bekommt den Kabarett-Preis „Gaul von Niedersachsen“ verliehen. Das weibliche Music-Comedy-Duo „Suchtpotenzial“ will am 15. laut Programmtitel für „Sexuelle Belustigung“ sorgen. Desimos Spezial Club präsentiert am 21. Murzarella für alle, die immer schon mal wissen wollten, was eine „Bauchsängerin“ ist. Den „Club Mix“ gibt‘s fünf Tage später, und am 30. November ist „Desimo Solo“ angesagt.

Die Initiative „Theater für Hannover“ scheint ein Beleg für die Bereitschaft zur Solidarität zu sein. „Das hat hier schon Tradition“, bestätigt Schmitz, und Desimo weist darauf hin, dass dergleichen durchaus nicht selbstverständlich ist: „In anderen Städten gibt es eine große Konkurrenzsituation zwischen zwei oder drei Bühnen. Wenn du in einer auftrittst, bist du für die anderen gestorben.“

Hilfe zur Selbsthilfe für das Theater in Zeiten von Corona

Dr. Benedikt Poensgen, Leiter des hannoverschen Kulturbüros, hat auch schon in anderen Zusammenhängen die Erfahrung gemacht, dass man in Hannovers Kulturszene gerne kooperiert: „Zum Beispiel als wir uns 2014 beworben haben, als ,City of Music‘ ins UNESCO Network aufgenommen zu werden. Die Musikhochschule, Hannover Concerts, der NDR – die unterschiedlichsten Institutionen haben sofort mitgemacht. „Es gibt hier tatsächlich eine große Bereitschaft, einen gemeinsamen Weg zu gehen.“

Und sieht Poensgen Gründe für solch ausgeprägtes Zusammenwirken? „Das kann mit der Größe der Stadt zu tun haben. Und vielleicht mit der jüngeren Geschichte: Nach dem Zweiten Weltkrieg musste sich Hannover sozusagen neu erfinden. Das hätte gar nicht funktioniert, wenn man nicht aus allen Bereichen aufeinander zugegangen wäre. Andernorts gab es Strukturen, die schon seit Jahrhunderten gewachsen waren und nach wie vor bestanden.“

Das Kulturbüro hat dem Projekt „Theater für Hannover“ 40.000 Euro zur Verfügung gestellt. Als Anschubfinanzierung: „Wir wollen“, sagt Poensgen, „das Projekt unterstützen, um den Kleinkunstveranstaltern eine Basis dafür zu schaffen, selbst Gelder zu erwirtschaften.“ Natürlich bleibe auch die Stadt ihrerseits am Ball: „Aber da müssen wir in erster Linie abwarten, was sich aus dem geplanten Förderprogramm des Bundes ergibt.“

Überhaupt: Wie soll es weitergehen? Vorerst plant man bis Dezember, aber natürlich ist es sinnvoll, über den Jahreswechsel hinauszudenken. Der Pavillon ist jedenfalls für Gespräche über eine Ausweitung des Programms offen: „Wir denken da an freie Theater oder Musikclubs, die auf uns zukommen können“, sagt Susanne Müller-Jantsch. Die Veranstalter müssen den Spagat hinbekommen, die eigenen Spielstätten nicht vollkommen außen vor zu lassen: „Ab November wollen wir auch wieder im TAK Veranstaltungen zeigen“, betont etwa Schmitz.

Und bei aller Freude über die gezeigte Solidarität ist die Politik nach wie vor gefordert. Matthias Brodowy hat jedenfalls zweifellos recht, wenn er konstatiert: „Ein Land ohne Kultur ist ein trostloses Land.“