Wenn man der ist, der nicht trinkt, ist man auch immer irgendwie der, der nicht mitspielen darf. So ist es. Man ist nicht part of the game. Nur Ersatzbank. Man ist die Prusseliese im Pippi-Langstrumpf-Gelage, ein ernüchternder Spielverderber unter Olympioniken der Prozente. Man stößt einfach nicht mit jemandem an, der Wasser trinkt. Schließlich schießt man sich auch nicht mit Erdinger alkoholfrei den Richtbaum vom Dachbalken. Wenn du nicht trinkst bei Veranstaltungen, bist du raus. Bist Fahrer. Oder nur Dekoration.

Corona macht‘s möglich

Deshalb habe ich mich im Moment auch über Corona hinaus sehr eingeigelt. Ich bin fast nur zu Hause. Was ich ungefähr 30 Jahre nicht war. Das hat den Vorteil, dass ich viel Zeit mit meiner Familie und unserem neuen Puggle-Welpen Bruno verbringe. Ich bin entsetzlich früh wach und noch leistungsfähiger, obwohl ich ehrlich gesagt dachte, dass das nicht geht. Da ich generell nur fünf Stunden schlafe. Inzwischen schaffe ich es, morgens beim Bäcker wie eine Lady auszusehen und nicht wie Marylin Manson. Des Öfteren hatte ich Ende letzten Jahres, als mein Alkoholkonsum sich auf täglich eingepegelt hatte, der Maskenpflicht gedankt, schaffte sie es zumindest zum Teil, meine Fahne zu verdecken.

Ganz oder gar nicht

Ich versuchte also diverse Alternativen zum Wein. Zum Beispiel Birkensaft aus dem russischen Unterholz, den ich sehr schmackhaft fand, aber mir noch besser mit Gin und Minze im Sommer vorstellen konnte. Alkoholfreier Wein war für mich keine Alternative. Entweder – oder. Also köpfte ich all­abendlich ein Erdinger alkoholfrei und klebte mir pro alkoholfreiem Tag einen Treuepunkt von Rewe in unseren Kalender in der Küche. Inzwischen habe ich acht Wochen nichts getrunken und kann allen, die mich fragen, berichten: Es geht. Sehr gut sogar. Und zwar aus einem bestimmten Grund: Weil wir unter der Fuchtel von Corona gekreuzigt in unseren Heimen eingeschweißt sind. Wäre Fashion Week gewesen, hätte ich wieder die Sportgala im Januar moderiert, hätten alle meine Freunde richtig Gas auf ihren Geburtstagen gegeben – Gott vergib mir, aber ich hätte es nicht durchgehalten.

Im Moment bin ich einfach nur dankbar. Die Pause war wichtig. Und auch notwendig. Nicht zum Abnehmen oder weil ich meine Gesundheit in Schwierigkeiten sah, sondern um wieder bewusster zu trinken, bewusster zu entkorken und nicht wie beim Feuerwerkswettbewerb. Vieles ging gar nicht mehr ohne Wein oder Sekt. Und siehe da: Es geht doch. Insofern hat mir Corona eine gute Zeit zurück zu mir selbst geschenkt. Um fit zu sein. Um klarer und fokussierter zu sein. Bis zu dem Punkt, an dem wir Gesellschaft und Leben wieder feiern werden. Geselligkeit. Anstoßen. Weil es am Ende eben einfach den Stock aus dem Arsch zieht, die Zunge lockert und fantastisch schmeckt. Nicht umsonst sagen Kinder und Betrunkene die Wahrheit. Auf diese Zeilen gebe ich Ihnen mein Wort. Und einen Treuepunkt. Ohne Payback. Hoffentlich zahlt sich das alles aus.

Herzlichst nüchtern, aber nicht ernüchtert,

Eure Lou