Die Duckomenta im Landesmuseum Hannover

„Kleine Ente“: Was soll das denn für ein Sternbild sein? Die Karte, die da im Landesmuseum hängt, weist überhaupt einige Besonderheiten auf: Demnach befinden sich am Firmament auch Konstellationen namens „Das Ei“ und, es war ja fast zu erwarten, „Große Ente“. Muss nun die Himmelsbetrachtung umgeschrieben werden? „Vielleicht“, sinniert jedenfalls Prof. Volker Schönwart mit ernster Miene, „ist in den vergangenen Jahrhunderten uraltes Wissen verloren gegangen.“ Mag sein. Eine andere Deutung ist jedoch viel wahrscheinlicher, zumal die besagte Karte erwiesenermaßen erst vor kurzem gefertigt wurde: In der „Duckomenta“-Ausstellung geht es um eine Verentung der Welt – mit mehr als 300 Exponaten machen sich die Schnabeltiere in der Kulturgeschichte breit.

Verantwortlich dafür zeichnet die Gruppe „interDuck“. Seit den 1980er Jahren arbeiten die Mitglieder, zu denen Schönwart gehört, an einem Mythos, demzufolge die Geschichte der Erde ohne die Enten undenkbar wäre. Die „Venus von Villenduck“ und der Altar mit der „Offenbarung des wundertätigen St. Dagoberti“, Leonardos „Ente mit dem Frettchen“ und „Erasmus von Dotterdam“ von Hans Holbein d.J., das Skulpturenfragment „Huitziliduxtl“ und das expressionistische Gemälde „Der Turm der Blauen Enten“: Dies alles und noch viel mehr legt Zeugnis davon ab, dass die Anatiden mindestens ebensoviel zur Entwicklung des Planeten beigetragen haben wie die Menschheit. Wenngleich Künstlernamen wie Claude Monente, Wassily Ducklinsky oder Paula Dottersen-Duckler in Vergessenheit geraten sein mögen.

Duckomenta Hannover Ausstellung Goethe in der römischen Campangna Interduck

Duckomenta in Hannover: Eine Idee entwickelt ein Eigenleben

Das Landesmuseum ist für eine derartige Präsentation der ideale Ort: „Wir sind ja ein Mehrspartenhaus“, betont Direktorin Prof. Dr. Katja Lembke. „So wird für die kommenden Monate aus unserem ,WeltenMuseum‘ ein ‚WeltEntenmuseum‘.“ In dem neben der Kunst auch Archäologie, Völkerkunde und Naturgeschichte ihren Platz haben, weshalb sich hier zu Kunstwerken wie einer Enten-Mona-Lisa oder einer „Ente mit dem Goldhelm“ auch ein „Duckaeopterix Lithographica“ in Solnhofer Plattenkalk gesellt; dazu gibt es jungsteinzeitliche Kultgefäße mit Entenfüßen oder eine angeblich aus Papua-Neuguinea stammende Maske, deren Schnabel durch eine Zahnreihe zwar grimmig, aber auch recht befremdlich wirkt.

Die Gruppe „interDuck“ hat ihren Sitz inzwischen in Berlin, die Ursprünge liegen jedoch in Niedersachsen, genauer gesagt in Braunschweig. Dort verfolgte Kunstsoziologie-Professor Eckhart Bauer zu Beginn der 80er Jahre einen neuen Ansatz: „Es war damals in diesen Kreisen noch nicht üblich, die so genannte Trivialkultur zu behandeln. Wir haben uns aber überlegt, was es bedeuten würde, wenn die Disney-Welt in die europäische Kunstgeschichte eindringen würde. Irgendwann hat die Idee dann ein Eigenleben entwickelt.“

Die Künstlergruppe Interduck aus Berlin

Die erste Duckomenta gab es 1986 in Erlangen, es folgten rund 75 weitere – die Besucherzahl hat inzwischen die Millionengrenze deutlich überschritten. Im Laufe der Jahre waren etliche Künstler beteiligt, heute sind noch Volker Schönwart, Rüdiger Stanko und Ommo Wille dabei, während Geschäftsführerin Anke Doepner für die Texte zuständig ist; alle sind übrigens interDucks der ersten Stunde. Stanko lebt in Hannover und ist vor allem durch eher streng wirkende Balkendiagramm-Arbeiten bekannt – umso interessanter ist ein Einblick in seine verspielte Entenwelt, bei der es durchaus manche handwerkliche Feinheiten zu beachten gilt: „Man muss oft die Anatomie der Figuren anpassen“, sagt er etwa zu seiner Version des Tischbein-Gemälde „Goethe in der Campagna“.

Und eine amüsante Geschichte gibt es zu einer Che-Guevera-Figur, die insofern eine Ausnahme darstellt, als sie kein ganz konkretes Vorbild hat: „Aber Che Guevara ist ja so etwas eine Ikone in der Kunst geworden“, sagt Stanko. „Meine erste Version wurde gestohlen, die zweite wollte jemand unbedingt kaufen. Nun hatte ich selbst keine mehr, da musste ich eben eine dritte machen.“ Wieder mit viel Sorgfalt im Detail: Die Zigarre etwa ist ebenso echt wie das Leder der Schuhe, die der Revolutionär trägt. Je nach Thema ist ohnehin die Einfühlung in unterschiedlichste Techniken gefragt: „Bei meiner Warhol-Verentung musste ich mich mit dem Siebdruck beschäftigen“, berichtet Stanko, und manche Arbeiten erfordern einen zeitaufwendigen Umgang mit dem Haarpinsel.

Die Trojanische Ente im Landesmuseum Hannover

Die hannoversche Duckomenta ist die bislang größte. Natürlich durchschaut man das Grundprinzip recht schnell, doch punktet die Ausstellung gerade durch ihren leicht manisch wirkenden Überfluss, und letztlich wird sie nicht langweilig. Wer mit Kunst bislang wenig am Hut hatte, bekommt hier einen amüsanten Einstieg in die verschiedenen Epochen geliefert, und der Fachmann kann sich an schönen kleinen Spitzen erfreuen, etwa an der Version von Gustave Courbets Skandalbild „Der Ursprung der Welt“ – statt eines weiblichen Geschlechtsteils ist hier ein Geflügelunterleib samt Ei zu sehen.

Zudem haben die Ausstellungsmacher mit einem klugen Brückenschlag ein paar interDuck-Arbeiten in die ständigen Präsentationen geschmuggelt, so wurde die archäologische Abteilung um einen schnabelbewehrten „Dötzi“ bereichert. Und nicht zuletzt lohnt sich immer wieder ein Blick auf Anke Doepners liebevoll gestaltete Schrifttafeln: Der angebliche Fund einer „Trojanischen Ente“ veranlasst sie beispielsweise zu der etwas gewagten These: „Die historische Überlieferung, Troja sei mit Hilfe eines hölzernes Pferds eingenommen worden, wird durch diese Darstellung in Frage gestellt.“

So weit, so lustig. Vereinzelt soll es in der Vergangenheit allerdings auch schon zu Missverständnissen gekommen sein: „Ein Interessent wollte unsere ,Eingepackte Ente‘ kaufen“, erzählen die interDucks. „Er hatte gedacht, sie sei wirklich von Christo …“