Zwei Museen, eine Frage: Was ist schon echt? Erstmals in der Geschichte von Sprengel– und Landesmuseum zeigen die benachbarten Häuser in einer gemeinsamen Ausstellung: „Glenn Brown: The Real Thing“. Dafür hat sich der britische Künstler Glenn Brown die Sammlungen beider Häuser vorgenommen, Werke herausgesucht und mit seinen eigenen Bildern ergänzt. Eine Ausstellung, die so spannend wie einzigartig ist. Denn als Kurator überschreitet Glenn Brown nicht nur künstlerische Genres, sondern auch zeitliche Grenzen.

Text: Heike Schmidt, Fotos: Herling/Herling/Werner, Sprengel Museum Hannover und privat

Es sind die Beziehungen zueinander, die Glenn Brown wichtig sind. Der britische Künstler lässt die unterschiedlichsten Gemälde über Jahrhunderte hinweg miteinander kommunizieren. Da hängt ein Lovis Corinth von 1923 neben einem Bild aus Rubens Werkstatt von 1635; ein Picasso von 1965 neben einem Glenn Brown von 2002. Es ist die so genannte „barocke Hängung“, die dies ermöglicht.

Glenn Brown stellt seine barocke Hängung vor

In den Adelshäusern war es früher üblich, nicht nur ein Gemälde als Solitär an eine Wand zu hängen, sondern mit vielen Bildern eine Wand zur Galerie zu machen. Große und kleine, eckige und ovale Kunstwerke hingen neben, über- und untereinander. Was früher meist auch einem Platzproblem geschuldet war – man wollte so viel wie möglich zeigen – funktioniert bei dieser Ausstellung unglaublich gut.

Glenn Brown lässt Gemälde miteinander spielen

Über die Jahrhunderte hinweg scheinen sich die Gemälde flüsternd die Themen zuzuspielen. Es geht um Landschaften mit dramatischen Aussagen, um Stillleben, die in barocker Manier die Üppigkeit des Lebens und die vermeintliche Schönheit des Todes stilisieren, um Porträts, die sich zu neuen, interessanten Familien zusammenfinden. Da hängt beispielsweise das Gemälde der Gräfin Maulevrier, das Adriaen Hannemann um 1660 malte, über einem kopfüber hängenden Bild eines Kindes, das aussieht, als stamme es von Renoir. Es ist aber von Glenn Brown und ist von 1995. Es ist wie eine subtile Aufforderung, doch einmal genau hinzusehen. Vielleicht genau das nachzufragen, womit der Künstler gerne spielt: ein Trompe l’oeil.

Optische Täuschung oder „The Real Thing“?

Das Trompe l’oeil ist eine Täuschung des Auges. Es wird etwas gezeigt, was eigentlich gar nicht vorhanden ist. Weintrauben, die plastisch aus einem Gemälde herausquellen, Deckengewölbe, die sich über dem Betrachter wölben – dies alles ist eigentlich gar nicht vorhanden; es sieht aber so echt aus, dass das Auge nicht mehr zwischen dem zweidimensional gemalten und dem dreidimensionalen Effekt unterscheiden kann. Besonders barocke Maler haben sich diesen Kunstkniff zu eigen gemacht, um Räumlichkeit und Plastizität zu erreichen. Es ist ein künstliches Täuschungsmanöver. Der Betrachter sieht etwas, was es so in der Realität nicht gibt. Immer wieder stellt sich ihm auch die Frage: Was ist schon „The Real Thing“?

Glenn Brown beantwortet diese Frage mit einem Lächeln: „Du wirst die echten Dinge nie sehen.“ Trompe l’oeil ist für ihn ein künstlerischer Witz, bei dem der Künstler dem Betrachter jedes Mal zuflüstert: „Du siehst nicht das, was du bekommst.“ Dieser feine Humor zieht sich durch die gesamte Ausstellung – im Sprengel- wie auch im Landesmuseum. Es relativiert die scheinbare Ernsthaftigkeit der alten Meister wie auch der modernen Kunst. Glenn Brown schafft es, diese Klischees nicht nur zu durchbrechen, sondern auch mit der Lust auf Kunst diese zu entstauben und neu mit Humor zu betrachten. Es macht Spaß, Beziehungen zwischen den Bildern zu suchen und über die Themen nachzudenken, die sie über Jahrhunderte hinweg verbindet.

Glenn Brown vor den eigens kuratierten und teilweise selbstgemalten Gemälde

Glenn Brown: Viele Künstler in Einem

Glenn Brown selbst sieht sich auch ein wenig als Dieb. „Für mich ist Rembrandt eine Vaterfigur“, erklärt er. Die dynamische Malweise, das Setzen von Licht und Schatten – Glenn Brown fertigt seine Werke durchaus in altmeisterlicher Manier. „Man muss sehr genau hinsehen, um tatsächlich die Pinselstriche zu erkennen“, sagt Glenn Brown über seine Gemälde. „Mein Gehirn wurde von anderen Künstlern geformt, sie leben alle in mir. Und ich bin untrennbar mit der Kunstgeschichte verbunden. Alles gehört zusammen“, betont er. Die Licht-und-Schatten-Welten Rembrandts, die wirbelnde Malleidenschaft Van Goghs – all das findet sich in seinen Werken wieder.

Kurator und Maler

Der Direktor des Sprengel Museums, Reinhard Spieler, ist begeistert von dem Künstler und Kurator: „Spielerisch-humorvoll, gleichzeitig mit präzisem Blick für spezifische Eigenheiten von Bildern in Komposition, Farbe, Duktus und Motiv stellt Glenn Brown überraschende Zusammenhänge zwischen unterschiedlichsten Werken her – und lehrt uns dabei in doppelter Rolle als Kurator und Maler ein ganz neues Sehen.“

Gemälde heben Grenzen zwischen Alt und Neu auf

Katja Lembke, seine Kollegin aus dem Landesmuseum, sieht es genauso: „Jedes Kunstwerk war zu seiner Zeit aktuell.“ Glenn Brown habe mit seiner Auswahl und der Hängung die Grenzen zwischen Alt und Neu aufgehoben. „Gleichzeitig stellt er seine eigenen Werke in die Tradition der Alten Meister. Ein aufregendes Experiment, das ich vollkommen gelungen finde“, sagt sie. Und Glenn Brown? „Für mich ist es eine Ehre, meine Bilder neben solche Größen hängen zu dürfen“, erklärt er.

Fazit: Eine Ausstellung, die nicht nur zwei unterschiedliche Häuser, sondern auch Kunst über Jahrhunderte hinweg miteinander verbindet und zu Sprechen bringt. Wunderbar und unbedingt sehenswert.

Glenn Brown ist noch bis zum 18. Juni 2023 im Sprengel- wie im Landesmuseum zu sehen. Es gibt zwar kein explizites Kombi-Ticket; wer aber eine Karte fürs Landesmuseum hat und sie im Sprengel Museum vorzeigt, erhält Rabatt.