Das Gästehaus der Niedersächsischen Landesregierung ist eine vornehme Gründerzeit-Villa mitten im Zooviertel. Heute ist sie Ort für politische Zusammenkünfte und Feierlichkeiten von politischen Staatsoberhäuptern aus der ganzen Welt.Doch nur wenige kennen ihre wechselvolle Geschichte im Detail.

Text: Isabel Christian Fotos: Lorena Kirste

Sie hat ein paar Eigenarten, die Matthias Woiwode immer noch Rätsel aufgeben. Seit neun Jahren ist er Referatsleiter für das Protokoll in der Niedersächsischen Staatskanzlei und damit auch zuständig für die Pflege und den Betrieb der edlen Gründerzeit-Villa im Zooviertel, heute bekannt als das Gästehaus der Landesregierung. Das Haus und seine Geschichte faszinieren ihn, man merkt es, wenn er über sie spricht. Mit Stolz in der Stimme, wenn er von den Geheimnissen erzählt, die schon gelüftet werden konnten. Und mit Leidenschaft, wenn es um die Fragen geht, deren Antworten noch im Verborgenen liegen. Es mögen Fragen sein, die sich nur ein Liebhaber stellt. Doch das stimmt nur zum Teil. Denn die Antworten helfen, Stück für Stück die bewegte Geschichte freizulegen, die dieses Haus erlebt hat.

Gästehaus der Landesregierung – die Villa der Kaeferles

Vor genau 120 Jahren ließ der hannoversche Unternehmer Fritz Kaeferle die Villa an der heutigen Lüerstraße erbauen. Damals lag sie noch am Stadtrand und statt von anderen Villen war sie umgeben von Wiesen. Kaeferle war Besitzer einer Maschinenfabrik und Eisengießerei für Heizungs- und Lüftungsanlagen, ein aufstrebender Wirtschaftszweig um 1900. Kaeferle war somit prominent, mächtig – und sehr reich. Die prunkvolle Villa nach Plänen des berühmten Architekten Emil Lorenz war für frühere Verhältnisse überdimensioniert, genau wie das Grundstück. Wer sie betrat, muss zweifellos schon damals beeindruckt gewesen sein.

Der Unternehmer lebte mit seiner Frau Antonie und den beiden Kindern in der ersten Etage, das Gesinde verteilte sich im Stockwerk darüber und im Dachgeschoss. Die Räume im Erdgeschoss dienten der Repräsentation. Das ist auch heute noch so. Mit viel Liebe zum Detail wurden in den vergangenen Jahrzehnten die Zimmer wieder annähernd so hergerichtet, wie sie Anfang des 20. Jahrhunderts ausgesehen hatten. Das creme- und goldfarben gestaltete Musikzimmer etwa mit Wandpaneelen, in die florale und musikalische Motive geschnitzt sind, und einem üppigen Kronleuchter aus Muranoglas über dem Tisch. Heute wird der Raum als kleines Speisezimmer genutzt, wenn der Ministerpräsident oder einer seiner Minister nur eine Handvoll Gäste zum Essen eingeladen haben.

Wird eine ganze Delegation erwartet, wird der Banketttisch im Speisesaal gedeckt, in dem schon Kaeferle mit Freunden, Geschäftspartnern und politischen Mitstreitern diniert hat. Heute speist hier nicht nur der Ministerpräsident mit Gästen aus dem In- und Ausland, auch die Kanzlerin saß schon mit Russlands Präsident Wladimir Putin oder dem früheren englischen Premier David Cameron in diesem Saal. Neben dem Ministerpräsidenten haben auch die Minister und deren Staatssekretäre das Recht, ins Gästehaus der Landesregierung einzuladen. Sind die Bundeskanzlerin oder der Bundespräsident in Hannover, ist es auch ihnen gestattet, die Villa als Gastgeber zu nutzen.

Traditionelle Glasmalerei

Die Nutzung des Gebäudes durch die Familie Kaeferle war begrenzt. Fritz Kaeferle starb im Oktober 1910 im Alter von 65 Jahren. Und es stellte sich heraus, dass er offenbar Schulden beim Fiskus hatte. Deshalb verkaufte seine Witwe 1911 die Villa samt Grundstück für 355.000 Reichsmark an das Königreich Preußen. Fortan nutzten die Regierungspräsidenten des preußischen Regierungsbezirks Hannover das Gebäude.

Erst war es nur Dienstwohnsitz, später bezogen auch andere Abteilungen der Bezirksregierung Räume als Amtszimmer. Der letzte Regierungspräsident, der bis 1942 in der Villa residierte, war der Nazi Rudolf Diels, bekannt als erster Chef der Gestapo. 1943 erreichte der Krieg auch die Villa; eine Bombe traf den Garten und riss einen tiefen Krater in den sorgsam angelegten Park. Eine weitere Bombe fiel auf das Haus und setzte Dach und Teile der oberen Etagen in Brand. „Bei der jüngsten Restaurierung haben wir noch verkohlte Balken hinter einer Zwischendecke gefunden“, sagt Woiwode. Und bis heute gibt es auf der imposanten Holztreppe, die vom Empfangssaal in den ersten Stock führt, kurz vor dem obersten Absatz einen Brandfleck.

Bis zum Kriegsende kümmerte sich niemand mehr um die halb zerstörte Villa. Auch die Briten und Amerikaner interessierten sich nicht für sie. Erst als Hinrich Wilhelm Kopf, der damalige Oberpräsident der Provinz Hannover und spätere erste Ministerpräsident von Niedersachsen, die Villa als „Haus der Landesregierung“ und Tagungsort für die Kabinettssitzungen bestimmte, wurden die Schäden beseitigt und die gut 50 Räume vom Keller bis zum Dachboden wieder hergerichtet. Der erste Stock wurde umgebaut; aus dem früheren elterlichen Schlafzimmer der Kaeferles wurde der Tagungsraum für das Kabinett. Kopf richtete sich ein Büro im ehemaligen Kaminzimmer ein. Und es entstanden sieben Zimmer, in denen Gäste schlafen konnten. Die wurden jedoch 1950 zugunsten von Büros und Besprechungsräumen aufgegeben. Übrig blieb nur ein Gästezimmer, ein kleines Schlafzimmer mit Bad und Kochnische. Hier können der Ministerpräsident oder ein Minister übernachten, wenn es zu spät für die Fahrt nach Hause ist. Doch genutzt wird es nur selten. Das liegt auch daran, dass die Übernachtung nach den im Zooviertel üblichen Preisen bezahlt werden muss.

In den ersten Jahrzehnten wurde nicht viel Wert auf Authentizität gelegt. „In den Siebzigern gab es auch hier Nierentisch, Gummibaum und Raufasertapete“, erzählt Woiwode. Und es wurde geraucht, was das Zeug hielt. Erst Ministerpräsident Ernst Albrecht ließ in den Achtzigern die repräsentativen Räume zusammen mit dem Landesamt für Denkmalpflege wieder so herrichten, wie sie einst gewesen waren. 2016 begann unter dem amtierenden Ministerpräsidenten Stephan Weil eine zweite Sanierungsphase. „Einiges musste nach 30 Jahren wieder neu gemacht werden. Und zudem gibt es mittlerweile Methoden der Restaurierung, die es in den Achtzigern noch nicht gab“, erklärt Woiwode. Wer jetzt das Gästehaus – die frühere Villa Kaeferle – durch die meterhohe hölzerne Flügeltür betritt, die marmorne Flurtreppe hinaufsteigt und in die holzvertäfelte Eingangshalle geht, fühlt sich zurückversetzt ins vergangene Jahrhundert.

Woiwode freut sich immer über das Staunen der Besucher. Und obwohl er seit Jahren im Haus ein und aus geht, versetzt es auch ihn immer wieder in Erstaunen. „Ich habe wirklich lange gebraucht, um nahezu alle Ecken mal gesehen zu haben. Und doch gelingt es der Villa immer noch, mich zu überraschen.“