Frischer Wind in der Staatsoper Hannover: Stephan Zilias ist der neue Generalmusikdirektor

„Hannover“, sagt Stephan Zilias, „ist eine sehr reiche Stadt. Reich an Kultur. Es gibt hier eine tolle Musikhochschule, unzählige Chöre, hervorragende Kammermusik und so vieles mehr.“ Und womöglich wird dieser Reichtum demnächst noch gesteigert – als neuer Generalmusikdirektor der hannoverschen Staatsoper will Zilias zumindest seinen Teil dazu beitragen.

Ein Jahr hat sich die Staatsoper Hannover Zeit gelassen, um einen Nachfolger für Ivan Repušic´ zu bestimmen. Eine Reihe von Dirigenten hat sich in der vergangenen Saison auf dem Podium vorgestellt.Die Wahl ist auf den 34-jährigen Zilias gefallen, der zuletzt Kapellmeister an der Deutschen Oper Berlin war. Das Publikum in Hannover überzeugte er mit seiner Stabführung sowohl bei Richard Strauss‘ „Salome“ als auch bei einem originellen Symphoniekonzert im Januar: Dutilleux, Bartók und Schumann standen damals auf dem Programm. Wer dabei war, erinnert sich vielleicht noch daran, wie Zilias zwischendurch mit einer temperamentvollen Geste die Noten des Konzertmeisters vom Pult fegte.

Neue Qualitäten stehen in der Oper Hannover im Vordergrund

Daraus zu schließen, der neue Generalmusikdirektor sei vor allem auf die große Show erpicht, wäre allerdings verfehlt. Er stellt ganz andere Qualitäten in den Vordergrund: „Ehrlichkeit hilft ungemein, Engagement und Offenheit in der Kommunikation sind wichtig. Und der Dirigent muss immer gut vorbereitet sein – wenn er ein Schaumschläger ist, spüren die Musiker das sofort.“

Gut vorbereitet hat Zilias offenbar auch das Programm der Symphoniekonzerte in der kommenden Saison. Es bietet zwar die eine oder andere Extravaganz, wenn etwa der israelisch-britische Videokünstler Tal Rosner bei einem Sibelius-Abend im Februar mit von der Partie ist, wirkt aber nicht bemüht auf Effekt getrimmt: „Provokation als Selbstzweck ist ohnehin nicht mein Stil“, betont der Dirigent.

Stefan Zilias: Kontraste und Fusionen in der Staatsoper Hannover

Stefan Zilias stellt gern bei jedem Konzert ein Hauptwerk in den Mittelpunkt, das restliche Programm richtet sich danach aus. Das kann indes auf höchst unterschiedliche Weise geschehen: Der zurzeit für Ende September geplante Auftakt setzt auf Kontraste, wird doch „Ein Heldenleben“ von Richard Strauss mit Beethovens „Leonoren-Ouvertüre“ und einem Werk von Ligeti kombiniert. Das zweite Konzert ist für Zilias dagegen eher eine Zusammenführung: „Bei Debussy findet sich dieser französische Klangzauber, bei Mussorgsky angedunkelte russiche Seelentiefe. Und Strawinskys ,Le Sacre du Printemps‘ bildet dann zum Abschluss so etwas wie ein Amalgam dieser Elemente.“

In Sachen Oper wird der Generalmusikdirektor unter anderem bei den Neuinszenierungen von „Carmen“ und „Otello“ auf dem Podium der Staatsoper Hannover stehen. Eine Oper war es auch, die einst für eine Art musikalisches Erweckungserlebnis sorgte, denn im Alter von etwa zehn Jahren entdeckte Zilias Alban Bergs „Wozzeck“ für sich: „Ich habe alles besorgt, was ich darüber finden konnte. Die Wiesbadener Musikbibliothek hat damals sehr gut an mir verdient …“

Nun ist dieses Werk ja nicht gerade einschmeichelnd – die Begeisterung eines derart jungen Gemüts könnte etwas befremdlich wirken? „Mich hat die Direktheit der Handlung mitgerissen“, erläutert Zilias, der obendrein ganz pragmatische Argumente ins Feld führt: „Ich habe damals Posaune gespielt und fand alle Musik ohne dieses Instrument blöd. Im ,Wozzeck‘ gibt es gleich vier Posaunen, die obendrein das gesamte Register von sehr tiefen bis zu sehr hohen Partien abdecken. Und es war eine Oper in deutscher Sprache, die ich direkt nachvollziehen konnte.“

Möglicherweise mussten die Eltern damals mehr Alban Berg hören, als ihnen lieb war. Obwohl der Vater als Elektroingenieur und die Mutter als Sonderschullehrerin Musik nicht im Hauptberuf ausübten, waren sie sehr dafür zu haben: „Mein Vater hat sehr gut Oboe gespielt, in Amateurorchestern auch wirklich anspruchsvolle Literatur.“ Eine Tante, die in Osnabrück als Cellistin tätig war, könnte ein weiteres Indiz dafür sein, dass es in der Zilias-Sippe so etwas wie ein musisches Gen gibt. Ebenfalls künstlerisch, nämlich als Schauspielerin, arbeitet Marlene, die auf den Tag genau zwei Jahre jüngere Schwester des Generalmusikdirektors.

Stefan Zilias

Die Oper muss zu den Menschen gehen

Der junge Stephan Zilias spielte zwar in der Schulband und nahm an der Musical AG teil, liebäugelte aber auch mit anderen Zukunftsplanungen: „Jura konnte ich mir damals vorstellen oder Altphilologie, weil ich Latein sehr mochte. Schließlich wurde mir klar, dass ich die meisten Möglichkeiten in der Musik haben würde – hier stößt man nie an eine Grenze und kann immer wieder etwas Neues entdecken.“ So studierte Zilias Klavier und Dirigieren in Köln, Düsseldorf und London; an den Tasten sitzt er übrigens immer noch gern und kann sich diesbezüglich künftig weitere kammermusikalische Aktivitäten vorstellen.

Sofern dafür die Zeit reicht. Denn neben den beruflichen Verpflichtungen gibt es die Familie: Mit Ehefrau Julia, einer Pianistin, hat Zilias zwei Söhne, den dreieinhalbjährigen Konstantin und den acht Monate alten Anton. Ihr hiesiges Domizil bezieht das Quartett in Bemerode: „Das ist optimal“, findet der Generalmusikdirektor. „Ich wollte etwas außerhalb wohnen, um die Möglichkeit zu haben, auf den Fahrten über die Arbeit nachdenken zu können und mich nicht immer von gleich auf jetzt hineinstürzen zu müssen.“

Von seiner neuen Wirkungsstätte schwärmt Zilias jetzt schon: „Ich kann mit dem größten Orchester Niedersachsens arbeiten, und die Musikhistorie Hannovers ist einfach beeindruckend. Händel ist hier gewesen, Agostino Steffani, Joseph Joachim, es gab eine Opern-Uraufführung von Henze – großartig.“ Natürlich gilt es, die Stadt näher kennenzulernen, nicht zuletzt aus einem programmatischen Ansatz heraus: „Man kann heutzutage nicht mehr verlangen, dass die Menschen in die Oper kommen, sie muss auch selbst zu den Menschen gehen.“ So sind Konzerte in Museen, Fabrikgebäuden und an anderen Orten im Außenraum angedacht.

Überhaupt scheint Hannovers neuer Generalmusikdirektor kein elitärer Bewohner des Elfenbeinturms zu sein. Freimütig bekennt er sich dazu, auch mal gerne die Beatles oder die Doors zu hören, äußerst sich nachgerade verzückt über das Orgelsolo in „Lingus“ von Snarky Puppy, und die Antwort auf die Frage nach Hobbys wirkt eher bodenständig als abgehoben: „Ich koche gern. Meine Bolognese ist wohl ganz gut …“