Barbara Salesch zeigt ein Jahrzehnt ihres künstlerischen Schaffens in der Romantik Bad Rehburg in Rehburg-Loccum

Text: Patricia Chadde Fotos: Lorena Kirste

Gut eine Stunde dauert die Autofahrt von der Landeshauptstadt bis zur Ortschaft Neuenknick bei Petershagen im Kreis Minden-Lübbecke in Ostwestfalen, wo Barbara Salesch lebt und arbeitet. Die vorbeifliegende Landschaft liefert rapsgelbe und lindgrüne Eindrücke. Hinter dem Zaun, der noch blauer als der wolkenlose Himmel strahlt, wirkt die 71-jährige Künstlerin in Atelier, Galerie und Garten.

„Mit Abitur kannst du alles machen. Sonst musst du als Schweinehirt arbeiten“, gab Saleschs Vater seinen beiden Töchtern mit auf den Lebensweg. Die Eltern waren aufgeschlossene und erfolgreiche Bauunternehmer, die jedes ernsthafte Bemühen ihres Nachwuchses gerne unterstützten. Diese Form von Rückendeckung gab Barbara Salesch den Anschub für das Ausleben ihrer Talente.

Als Juristin war sie ihr ganzes Berufsleben lang erfolgreich. Als TV-Schauspielerin machte sie Rechtsprechung ab 1999 bundesweit mit der Sendung „Richterin Barbara Salesch“ auf Sat1 sichtbar. Während die Öffentlichkeit Barbara Salesch vor allem mit der Juristerei verbindet, hat sie ihre künstlerische Entwicklung nebenberuflich über Jahre konsequent forciert. „In den zurückliegenden 30 Jahren habe ich meine freien Stunden vor allem dem Erwerb künstlerischer Fertigkeiten gewidmet“, blickt Salesch zurück. Ihr Ziel: nach der Laufbahn als Volljuristin und TV-Star ein Leben als freie Künstlerin.

Foto: Lorena Kirste

Aus Gerichtssaal und Studio zum kreativen Prozess

Die finanzielle, selbst erarbeitete Unabhängigkeit liefert die Grundlage für ihre kreativen Prozesse. Ob es ein zeitlich wie finanziell aufwendiger Weg zum Kunstwerk wird, spielt für Barbara Salesch keine Rolle. Sie ist so frei, über beides zu verfügen, und macht ebenso lust- wie kraftvoll Gebrauch davon. Ohne Scheu vor Auseinandersetzungen ringt sie mit Form und Farbe, bis das Werk vollendet ist. „Dafür habe ich ein exak­tes Gespür“, sagt sie selbstbewusst. Sie lebt eine Weile mit dem Werk, platziert es in ihrer Wohnumgebung. Während des „Zusammenlebens“ zeigt sich deutlich, was zur Vollendung noch fehlt. „Es kann auch sehr schnell gehen“, berichtet die Künstlerin von fixen Erfolgserlebnissen.

Zu Beginn ihrer künstlerischen Ausbildung beschäftigte sie sich vorwiegend mit Bildhauerei. Eine tonnenschwere Bronze ist eines der beeindruckenden Ergebnisse. „Es geht bei der Büste darum, das Wesen des Porträtierten zu erfassen“, sagt Barbara Salesch. Bei dem Dargestellten handelt es sich um ihren Vater; die Büste war ihr Geschenk zu seinem 80. Geburtstag und spiegelte seine Persönlichkeit äußerst treffend wider, wie dieser anerkennend befand.

Gilt in der Juristerei aktuell gültiges Recht, herrschen in Saleschs Atelier ihre eigenen Regeln, zum Beispiel die Leinwandgröße betreffend. Ihre Armlänge ist hier das entscheidende Maß. „Ich will stehend jede Ecke mit meinem farbgetränkten Pinsel erreichen können, ohne dass ich Hocker oder Leiter nutzen möchte oder muss“, schildert sie ihr persönliches Gesetz des optimalen Formats. In diesem Punkt ist die Wahl-Petershagenerin so geerdet wie ihre landwirtschaftlich tätigen Nachbarn.

Greift Salesch zum Pinsel, wird das Ergebnis ein abstraktes. „Am liebsten variiere ich die Farbe Rot“, berichtet sie. Für das Bühnenbild der Oper Rheingold in Minden hat sie sich aber ebenso ausdrucksvoll mit dem Edelmetall Gold beschäftigt und nutzt es in unterschiedlich entwickelten Verarbeitungsformen. Das vierteilige Relief wird in der Bad Rehburger Ausstellung ab Juni ebenso präsentiert wie ihre Holzschnitte. Dank ihres Kunststudiums in Bad Reichenhall hat Barbara Salesch auch im Kunstdruck eine hochprofessionelle Fertigkeit entwickelt. Mittels mehrerer Durchgänge im Handdruckverfahren erzeugt sie einen samtig wirkenden, tiefschwarzen Farbauftrag ihrer Motive.

„Diese außergewöhnliche Farbsättigung macht mich sehr stolz“, schwärmt die Künstlerin. Allerdings ist der Trocknungsprozess der Farbe nichts für Ungeduldige. Drei Monate gehen ins Land, bis der Farbauftrag richtig durchgetrocknet ist.

Ihre Zeichnungen auf dem Tablet sind da vergleichsweise flink vollendet. Barbara Salesch druckt sie auf Büttenpapier im A4-Format und bietet sie ab 25 Euro zum Verkauf an, „damit Erwerb und Genuss meiner Kunst nicht vom Geldbeutel abhängen“.

Foto: Lorena Kirste

Kunst und Geld – diese Abhängigkeit löst Barbara Salesch seit drei Jahrzehnten auf ihre ganz eigene Weise und erlöst dabei auch fünf- und sechsstellige Summen. Dabei hat sie bis heute ihren Vater ganz sprichwörtlich im Rücken. Der Bronzekopf steht aktuell in Saleschs Neuenknicker Garten und blickt wohlwollend auf das enorm produktive Leben der Tochter.

Kreativität kann auch beim Wechsel in eine neue Lebensphase zur Brücke werden. Mit dem Durchsägen ihres Richtertischs im April 2012 – in der Art einer Performance –verabschiedete sich Barbara Salesch von ihrer juristischen Profession. Während das Möbelstück fortan als unvollkommenes, zweiteiliges Möbelstück weiter existierte, ist Salesch seitdem ganz Künstlerin.

Dabei hat sie keine Scheu vor antizyklischem Verhalten: Während in der Osterzeit alle Welt mit bunten Farben hantierte, war Salesch mit dem Weißeln großformatiger Holzplatten beschäftigt. Die weißen Flächen bilden den Hintergrund ihrer Kunstwerke in den Ausstellungsräumen der Romantik Bad Rehburg, damit die Arbeiten entsprechend ungestört und strahlend zur Geltung kommen können. Und darin sind sie ihrer Erschafferin sehr ähnlich.

Barbara Saleschs Ausstellung „2011 bis 2021 – Malerei, Holzschnitt, Zeichnung“, zu sehen in der Romantik Bad Rehburg, Friedrich-Stollberg-Allee 4, 31547 Rehburg-Loccum, Ortsteil Bad Rehburg. Führungen für Gruppen sind nach Absprache möglich. Die Ausstellung ist bis einschließlich Sonntag, 11. Juli 2021 (14 Uhr Finissage), geöffnet. Am Freitag, 25. Juni 2021, ist ab 19:30 Uhr mit der Lesung „Jetzt oder nie!“ eine Sonderveranstaltung geplant. Barbara Salesch wird aus ihrem Buch „Ich liebe die Anfänge! Von der Lust auf Veränderung“ lesen. Fragen und Anmeldungen unter Telefon 05037 3000 60.