Diakoniepastor Friedhelm Feldkamp ist das soziale Gewissen Hannovers. Er zeichnet Karikaturen – und nimmt mit ihnen besonders die Zustände in der Kirche aufs Korn.

Text: Heike Schmidt  Fotos: Tobi Wölki  Karikaturen: Friedhelm Feldkamp

Der weiße Stift fliegt über die glatte Glasplatte des iPads. Schwarz zeichnen sich die Konturen einer Gestalt ab. Spätestens wenn Friedhelm Feldkamp die beiden weißen Leinenstücke des Beffchens gezeichnet hat, weiß jeder: Da entsteht gerade wieder eine Pastorenkarikatur des Diakoniepastors. Das Ganze dauert keine Minute, dann ist eine seiner „Kritzeleien“ fertig – und die Fangemeinde ist entzückt. Seit Feldkamp, den der Stadtkirchenvorstand im Januar in das diakonische Spitzenamt gewählt hat, seine Karikaturen über die sozialen Netzwerke wie Facebook veröffentlicht, wächst sie stetig.

„Das hat schon etwas Zwanghaftes“

„Ich bin fast immer am Kritzeln“, sagt der Diakoniepastor und fügt lächelnd hinzu: „Das hat inzwischen schon fast etwas Zwanghaftes.“ Daher sollte man auch auf keinen Fall irritiert sein, wenn Feldkamp mitten in Besprechungen anfängt, auf seinem iPad zu zeichnen. Selbstverständlich bekommt er trotzdem alles mit. „Ich bin zwar ein Mann, aber in diesem Bereich trotzdem multitaskingfähig“, sagt er.
Manche Gesprächspartner sind inzwischen allerdings skeptisch geworden, wenn Feldkamp zum Stift greift. „Sie haben Bedenken, dass sie Gegenstand der nächsten Zeichnung sein könnten“, erklärt der gebürtige Ostfriese, der in seinen Zeichnungen vor allen Dingen kirchliche Themen aufnimmt.

Witzig, aber niemals bösartig

Kirche und Corona, Kirche und Home­office – selbst vor Beerdigungen macht Feldkamp nicht halt. Seine Zeichnungen sind witzig, subtil, aber nie rein bösartig. „Man muss immer noch dabei lachen können“, betont er. Ein Cartoon müsse zwar in bestimmter Weise weh tun, „aber immer im Rahmen des guten Geschmacks“. Okay, auch er sei manchmal etwas drüber, aber eben nur manchmal. Für ihn dienten die Karikaturen oft auch als Türöffner: „Über eine Karikatur kann es leichter fallen, gerade bei schweren Themen ins Gespräch zu kommen.“ Und Themen, worüber es sich lohne zu zeichnen, gebe es en masse.

Zu Tausenden im Karton

Friedhelm Feldkamp zeichnet jeden Tag. Jedes Mal, wenn ihm etwas auf- und einfällt, saust der Stift über die Glasplatte. Auf Papier hat er Tausende Zeichnungen zu Hause in Celle verstaut. Alle unsortiert und in Kisten verpackt. „Da etwas gezielt zu suchen und zu finden, ist schwierig“, weiß er: „Aber wegschmeißen mag ich die irgendwie trotzdem nicht.“ Seit ein paar Jahren zeichnet er auf seinem iPad. „Drei davon habe ich sicherlich schon vollgekritzelt“, schätzt er. Welche Kapazität die Computer gehabt haben? Feldkamp zuckt lächelnd die Schultern: „Keine Ahnung.“

Don Martin als großes Vorbild und Kirche als Thema

Schon früh hat der 61-Jährige angefangen zu zeichnen. „Das war mit 12 oder 13 Jahren“, erinnert er sich. Als großer Fan der Karikaturen von Don Martin in Mad-Heften habe er einfach begonnen, die Don-Martin-Cartoons nachzuzeichnen.
„Irgendwann hat sich etwas Eigenes daraus entwickelt“, berichtet er. Das Zeichnen habe er nie richtig gelernt oder gar studiert. Vielleicht spricht Feldkamp auch deshalb immer von „Kritzeleien“, wenn er seine Cartoons meint.

Dass sein heutiges Themengebiet die Kirche ist, verwundert kaum. Sein Leben dreht sich weitgehend um theologische Inhalte. Der passionierte Motorradfahrer hatte Pfarrstellen in Schellerten und Barsinghausen. Dort waren seine Karikaturen auch von manchen Lokalpolitikern gefürchtet. „Selbstverständlich nutze ich die Karikaturen auch, um meine und Interessen der Kirche durchzusetzen“, sagt er ganz offen. Natürlich sei er damit öfter ange­eckt: „Dann standen Gespräche mit dem Superintendenten an.“ Nennenswerte Konsequenzen habe es aber nie gegeben. Obwohl Feldkamp seine Werke nie als Kunst bezeichnen würde, in diesem Bereich bedient er sich ihrer doch ganz gerne: „Meine Kritzeleien sind ja durch die Kunstfreiheit gedeckt.“

Mit offenen Augen durch die Welt

Ärger, Frust, aber auch Freude – Feldkamps Karikaturen sind keineswegs griesgrämig oder machen schlechte Laune. „Es gibt so viel Realsatire im Leben“, erklärt er: „Der kirchliche Bereich ist dahingehend hoch ausgeprägt.“ Man müsse nur mit offenen Augen durch die Welt gehen und den Sinn für Humor nicht verloren haben. Bezüglich der Kirche beschäftigt ihn immer der Spannungsbereich zwischen Abschottung und Berufung auf traditionelle Werte und einer möglichen zukunftsweisenden Öffnung.

Das Geheimnis um Sisam Ben

In den sozialen Netzwerken kommt das sehr gut an. Dort lädt Feldkamp unter dem Pseudonym Sisam Ben seine Karikaturen hoch. „Lange Zeit hat mich dieser Name geschützt“, erklärt er mit Augenzwinkern. Inzwischen ist es längst ein offenes Geheimnis, wer sich dahinter verbirgt. Warum Sisam Ben? „Als ich ganz klein, vielleicht drei Jahre alt war, konnte ich Friedhelm Feldkamp nicht aussprechen“, erinnert er sich. Als seine Tanten immer wieder nachgefragt hätten, wie er denn nun heißen würde, habe er spontan gesagt: „Sisam, Sisam Ben!“