Gelsenkirchener Barock, 30 Euro die Nacht und dazu noch ein Kännchen Kaffee? In der Ferienregion Harz prallen gerade zwei Welten aufeinander: Zum einen der alte Harz mit all seiner gepflegten Gemütlichkeit und dem morbiden Charme und zum anderen der hippe Harz mit Unterkünften, in die die ein oder andere Million investiert wurde.

Text: Luisa Verfürth und Marleen Gaida Fotos: Lorena Kirste


The Hearts Hotel – Herberge für Stadtflüchtige im Harz

Hamburg, Kalifornien, Harz

Meik Lindbergs letzte Stecknadeln auf der Landkarte. Die dritte ging ins Herz – ins The Hearts Hotel nach Braunlage. 2018 unterschrieb der Fotokasten-Gründer mit seinem Geschäftspartner Ralf Hesse den Kaufvertrag für das Hotel. Vorher war in der typischen Harzer Höhenvilla ein Schulungszentrum der Barmer Ersatzkasse.

Meik Lindberg und Ralf Hesse hatten eine Vision: Das The Hearts sollte ein Hotel für Stadtausbrecher werden. Für junge Leute zwischen 28 und 50, die aus den Großstädten wie Hamburg, Berlin, Hannover und Umgebung kommen, wenig Garten haben und wieder raus in die Natur wollen. „Unsere Zielgruppe ist sehr hip und trendorientiert, weiß gutes Essen und guten Kaffee zu schätzen“, sagt Lindberg.

Eigentlich wollte der im Harz geborene Unternehmer 2018 nur kurz in den Harz kommen, um beim Umbau nach dem Rechten zu sehen. Er blieb vier Monate. „Ich hatte noch nicht mal Wintersachen dabei“. Dort verliebte er sich in Tatjana Westphal und flehte sie an, mit ihm dort zu bleiben. Das Ergebnis: Ihre Handschrift als Möbelhändlerin und -designerin und ihre Beziehungen nach Frankreich, Schweden und Holland ziehen sich thematisch durch die 64 Zimmer und die Anlage, die das Boutique-Hotel umgibt. (LV)

 

Puppe’s – Der Treff in Braunlages Bermudadreieck

Egal, in welche Himmelsrichtung man von Braunlage aus schweifen möchte – an Puppe’s kommt man nicht vorbei. Denn an den Hochtischen vor dem Haus trinkt man im Sommer den hauseigenen „Hexensecco“, im Winter Glühwein. Und man genießt auch das Sehen und Gesehen werden bei einer hervorragenden Brotzeitplatte, geräucherter lauwarmer Harzer Forelle aus der anliegenden Bode oder einem krossen Flammkuchen mit Harzer Schinken. Joachim Kleden führt das Lokal mit angrenzendem Souvenir- und Kleinkunstladen in der dritten Generation. 1920 hatten seine Großeltern Puppe’s gegründet. „Dieses Jahr wäre unser 100. Geburtstag gewesen, aber leider kam Corona dazwischen. Jetzt feiern wir nächstes Jahr den 101. Geburtstag und den umso doller.“

Puppe’s bietet urgemütliche Après-Ski- oder Après-Wanderung-Stimmung. Ganzjährig legt ein DJ vor der Tür in angenehmer Lautstärke Musik auf, während die Kellner den wilden „Hirschkuss“ oder die „Wilde Hexe“ (beides Schnäpse) servieren.

Selbst wer in der Großstadt nicht mehr viel Wurst oder Fleisch isst, sollte einmal Puppe’s Brotzeitplatte probieren, auf der neben Harzer Roller, Schmalz und Gurken vor allem sensationelle  Leberwurst, Knappwurst, Schinken, Blutwurst und viele andere Fleischspezialitäten aus dem Südharz und dem Eichsfeld zu finden sind. „Die Produkte beziehe ich alle von drei Bauern und einer Metzgerei aus der Region“, so Kleden. (LV)

Gaststädte Puppe´s in Braunlage

Altes Haus: Hier heißt es im Sommer ­sehen und gesehen werden.

 

 

Robin Pietsch im Harz – Sachsen-Anhalts einzige Sternerestaurants

Robin Pietsch. Sein 2012 in Wernigerode eröffnetes Wohnzimmer-Restaurant ­Zeitwerk by Robin Pietsch wurde 2017 mit dem Michelin-Stern geadelt. Im Mai 2019 ging Pietsch mit dem Tresen-Restaurant Pietsch an den Start, das nur 400 Meter entfernt liegt, im März 2020 ebenfalls den Guide Michelin überzeugte und den nächsten Stern einfing. „Ich mache mit meinem Team zusammen das, worauf wir Bock haben. Wir sind Autodidakten, kochen nach Lust und Laune und probieren auch mal gern Sachen aus, von denen man denkt: ‚Das kann doch gar nicht passen.‘ Und dann passt es eben doch perfekt.“

Pietsch betont: „Das Zeitwerk ist ein regionales Restaurant mit Zutaten, die nicht weiter entfernt aus der Umgebung kommen als 50 bis 60 Kilometer. Mit Lieferanten, die wir kennen. Daraus entstehen immer wieder wechselnde Menüs, die an alte, traditionelle Gerichte angelehnt sind wie Soljanka oder Tote Oma. Im Pietsch sind wir einfach weltoffen und kochen frei nach unserem Bauchgefühl.“ (LV)

Robin Pietsch steht an der Tür zu seinem Sterne-Restaurant im Harz

Robin Pietsch kann zu Recht stolz sein auf das, was er in kurzer Zeit erreicht hat: Sterne-Niveau.

 

Wlodge-One – Alpine Hütten und ­Appartements

Der Hannoveraner Peter De Wit, Gründer der Taschen-Marke Fritzi von Preußen, hat am Hang in ­Braunlage eine neue Hotel- und Appartementanlage mit ­Panoramablick im Premiumniveau errichtet.

Unter dem Motto „Let’s go wild“ und „Urban Soul meets the heart“ will der Familienvater sportbegeisterte Familien in den Harz locken. Zimmer und Appartements für Freunde und Bekannte, die gemeinsam einen entspannten Aktivurlaub verbringen wollen. Auch ein Frühstück kann auf Wunsch hinzugebucht werden. Wellness-Faktor: Manche Appartements sind mit einer eigenen Sauna ausgestattet und haben einen sprudelnden Hotpot auf der Terrasse. Im Sommer sind Yogakurse mit Ausblick geplant und auch die Kulinarik kommt nicht zu kurz. „Wir bieten Champagner-Tastings und Sushi-Kochkurse an“, verspricht De Wit, der es kaum erwarten kann, dass es losgeht. Vor der Tür befinden sich die Rodelwiese und der Skilift. „Während die Kleinen Ski fahren, können die Erwachsenen am Glühweinstand entspannt das Geschehen beobachten.“ Die Hütten und Suiten haben allesamt alpinen Charakter. Nach Österreich fahren für Schnee und Apès-Ski? Für De Wit nicht nötig. Von Hannover sei man in einer Stunde und 30 Minuten im Mittelgebirge von Braunlage und im Winter im Schnee. (mga)

Frau trinkt Sekt mit Blick auf den Harz

Von der Dachterrasse kann man den Blick schweifen lassen.

Strandberg‘s Vielfalt – Kaffee und Feinkost

Und wo deckt man sich mit Köstlichkeiten ein, die den Aufenthalt versüßen?

Zum Beispiel bei Strandberg’s Feinkost in der Marktstraße 6 von Braunlage. Hier schlagen nicht nur Champagner-Herzen höher – auch Fans von feinstem Kaffee und italienischer Feinkost werden sich an den prall gefüllten Regalen erfreuen. Kunden müssen sich bei den vielen Leckereien nur noch entscheiden, ob es abends noch Linguine mit Tomatensauce sein soll und zum Dessert feine Nugat-Pralinés oder doch lieber Penne rigate mit Basilikumpesto. Bei der Beratung hilft die gute Seele des Hauses, Christian Lindner. Der Wernigeroder zaubert auch die köstlichen Cappuccinos mit Schaumherz von der italienischen Rösterei Hausbrandt aus Triest. (mga)

Christian Lindner vor der Kaffeemaschine im Feinkostladen in Braunlage

Christian Lindner ist der Kaffee-Fachmann des Feinkostladens in Braunlage.

 

Turmhäuser – Edles Designambiente am Hang

Sie fallen auf, sie fallen raus aus dem ­komplett anderen Look, der sich sonst durch die Architektur Braunlages zieht:

die sogenannten „Turmhäuser“. Eine moderne und funktionale Gestaltung zeichnet die Objekte am Hang aus, die vier Häuser sind dreigeschossige Kästen, die mit verglasten Fronten ausgestattet sind und mit Holz verkleidet wurden. Auch im Inneren wurde an Transparenz nicht gespart: So blickt man vom obersten Geschoss durch eine Glasdecke direkt nach unten in den Bereich der Wohnküche. Im oberen Bereich können sich die Gäste an einem Fitnessgerät auspowern und beim Yoga den Blick in die Ferne schweifen lassen. Die Wohneinheiten sind gedacht für bis zu sechs Paare und weisen je drei Schlafzimmer auf. Eine kleine Sauna sorgt für Schwitzmomente in geselliger Runde. Gedeckte Farben, Verzicht auf Kunst und zu viele Dekorationseinheiten beruhigen. (mga)

Turmhäuser im Harz

Die Turmhäuser fallen optisch sofort auf. Architektonisch sind sie einmalig in der Region und bringen zeitlose Eleganz in den Ort. Sie können für zwei Nächte à 720 Euro gebucht werden.

 

Etwas Bewegung tut gut: ein Spaziergang zum Rodelhaus

Eine Runde an die frische Luft, Kinder! Omas Ausspruch im Kopf laufen wir los …

Denn auch junge Leute wie wir müssen an die Bewegung unserer größten Muskelgruppe denken: der Beine. Und so gehört zu einem gelungenen Wochenende im Harz auch eine Wanderung als „Muss“ dazu. Ziel ist das Rodelhaus auf der Mittelstation des Wurmbergs. Knapp eine halbe Stunde geht es eine leichte Steigung hinauf. Ein fester Fußweg schlängelt sich durch den dichten Nadelwald, vorbei an gefällten Bäumen, die bereit zum Abtransport am Wegesrand liegen. Oben angekommen, werden die Wanderer von Wirtin Judith Bothe verwöhnt. Das Credo der Küche lautet seit einigen Jahren „Slow Food“, was Bothe wie folgt beschreibt: „Alles, was Sie im Rodelhaus schmecken, riechen, sehen und erleben, sind Produkte, die gut, sauber und fair erzeugt und gehandelt werden, und was die Region in der jeweiligen Saison zu bieten hat. Fleisch, Eier, Milch und Käse – alles kommt von glücklichen Tieren aus regionaler Landwirtschaft direkt in unsere Küche.“ (mga)

Waffeln vom Rodelberg im Harz

Oben angekommen werden hausgebackene Waffeln serviert.

 

Berg und Tal – Das schicke Familienhotel

Und wieder sind es Hannoveraner, die sich auf in den Harz gemacht haben, um ihn ein Stück moderner und zugänglicher zu machen.

Gerade junge Familien mit Anspruch und Kurz­urlauber mit Sinn für Design und Liebe zum Detail dürften sich in den Räumlichkeiten des Hotels wohlfühlen. Das Berg und Tal Hotel & Appartements wurde von Florian Verfürth und Marek Triene 2019 errichtet und 2020 eröffnet. Warum haben sie sich gerade jetzt entschieden, ein Hotel im Harz zu eröffnen? Für den Hannoveraner und Geschäftsführer Florian Verfürth war schnell klar, warum er genau hierher möchte: „Der Harz bietet eine gewachsene Tradition und Geschichte. Vom Wald, der sich gerade wieder vom Borkenkäfer erholt, über die Wanderwege, die ursprüngliche Gastronomie rund um Forelle und Wild bis hin zu den ganzen Sagen und Geschichten, die sich um Hexen und Teufel drehen und wunderbar verknüpft sind mit den Sehenswürdigkeiten der Region. Der Harz hat etwas Unverbrauchtes. Man kann ihn noch entdecken. Und es ist an der Zeit für unsere Gäste, diese Chance zu ergreifen.“
Ein schöner Ort für Pärchen und Familien, die sich abseits des Großstadttrubels einfach mal einkuscheln und verwöhnen lassen wollen. (mga)

Gäste vom Berg und Tal Hotel im Harz

Chefredakteurin Marleen Gaida (links) und Autorin Luisa Verfürth

Monte Vino – Italien-Flair in Schierke

Pioniere: 2014 gehörten Thomas Rader und Torsten Rau zu den ersten Investoren neben dem Torfhaus Harzresort, die anfingen, den Harz aus seinem Schönheitsschlaf wieder wachzuküssen.

5.300 Quadratmeter Brachland waren in dem durch Schierker Feuerstein bekannten 700-Seelen-Dorf Schierke frei, die Rau und Rader für den Bau von sechs Bergwald-Lofts aufkauften. 2016 eröffneten sie, nachdem sie rund drei Millionen Euro investiert hatten. Doch 1.200 Quadratmeter direkt vor den Wohnungen waren bisher noch frei. Und genau dort, wo 1695 in Schierke die erste Gaststätte „Der Krug“ eröffnete, sollte 325 Jahre später eine neue Gastronomie folgen: Das neu errichtete Montevino.  Rader, ein großer Venedig-Fan und der Cicchettis, sah folgendes Problem: „Du kannst in Schierke und Umgebung wunderbar herzhaft, deftig und mit viel Wild essen gehen. Aber die junge italienische, gute Küche, die fehlte.“ Ursprünglich sollte das am 4. ­Juni eröffnete Montevino nur eine schöne Weinbar werden. Aber dann sagte Rau: „Wenn ich Wein trinke, möchte ich dazu auch Pizza essen können.“ Und so wurde aus der Weinbar ein modernes gemütliches Restaurant mit Pasta, Pizza und eben den ­besonderen Chicchetti, die Thomas Rader in ­Venedig entdeckt hatte. „Chicchetti sind eigentlich verschieden belegte kleine Häppchen, die in Italien in den Weinbars zum Getränk gereicht werden, damit der Abend eben nicht so schnell endet. Einige sind mit einer Thunfischmousse mit Kakaopulver belegt, andere mit angeschwitztem rotem ­Radicchio und Knoblauch, weitere mit Käse und Feigen.“ (LV)