Engagiert: Sibylle Maurer-Wohlatz aus Pattensen-Reden züchtet in ihrem Garten historische Tomatensorten

Text & Fotos: Patricia Chadde

Sie heißt Sibylle Maurer-Wohlatz, lebt und gärtnert in Pattensen-Reden und hat ein Faible für Tomaten. Die 68-Jährige erntet historische Gemüsesorten, die sie aus Samen selbst heranzieht. Die Tomatensorten, die im Garten und auf dem Feld der Hobbygärtnerin gedeihen, haben wenig mit der bekannten Supermarkt-Handelsware gemein. Das beginnt bei der Farbpalette, die von gelb und orange über rot bis grün reicht. Sogar rabenschwarze Tomaten gibt es. Auch die Formenvielfalt des Gemüses beeindruckt. Manche Tomaten sind klein wie eine Glasmurmel, während größere Züchtungen eine offene Handfläche ausfüllen. Aber vor allem beeindruckt der Geschmack der selten gewordenen Sorten. Ihre Mission: sie möchte nicht nur die Pflanzendiversität erhalten, sondern auch die Aromen-Vielfalt retten.

80 Prozent der Kulturpflanzen verschwanden in den letzten hundert Jahren

„Derzeit gibt es fünf international agierende Saatgut-Konzerne, die den Markt für Pflanzensamen beinahe vollständig unter sich aufteilen“, erklärt sie. Die Gebühren für eine Sorten-Zulassung sind hoch, die gesetzten Maßstäbe ebenfalls. Leider erfüllen historische und regionale Gemüsesorten die anspruchsvollen Standards selten bis nie. Als Folge verschwanden in den zurückliegenden hundert Jahren über 80 Prozent der Kulturpflanzen aus den Beeten und damit vom Teller. Nur ihr Geschmack blieb vielen Menschen im Gedächtnis.

Paten für Tomaten

Damit auch jüngere Generationen in den Genuss aromatischer, saftiger Tomaten kommen, engagiert sich Maurer-Wohlatz bundesweit für die Erhaltung historischer Sorten im Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt. „Eine Person allein kann nicht alle Sorten retten. Wir brauchen viele Menschen, die sich in ihrem Garten oder auch in kleinen Gärtnereien als Paten betätigen und das Saatgut der alten, tollen Sorten wieder über den Zaun reichen oder in Saatguttauschbörsen unter die Leute bringen“, findet die Frau aus Reden.
Ein sehr gutes Beispiel für den Sortenerhalt bietet die hannoversche Sorte „Roter Heinz“. Gärtnermeister Heinrich, genannt „Heinz“ Thunhorst hatte sie gezüchtet, und dank eines glücklichen Zufalls verschwand sie nicht mit seinem Ableben. „Tomaten züchten war unser gemeinsames Hobby“, berichtet Heinrich Thunhorsts Sohn Thilo. Als Kind lebte er mit seinen Eltern auf dem Gelände der heute geschlossenen Gärtnerei Fischer in Isernhagen-Süd. Dort war sein Vater hauptberuflich in der Zierpflanzenvermehrung tätig. Doch nebenbei und später als Rentner beschäftigte sich Heinrich Thunhorst mit der Zucht einer Tomate, die mit dem hannoverschen Klima besonders gut zurecht kommt. Auch Thilo Thunhorst machte eine Gärtnerlehre, wechselte aber später das Metier. Weil er daher weder Muße noch Fläche hatte, verschenkte er die letzten Tomatensamen aus dem Nachlass seines Vaters an Sibylle Maurer-Wohlatz, die er über eine befreundete Biologin kennenlernte.
Schon im darauffolgenden Frühjahr reckten erste Pflänzchen der roten, runden Speisetomate mit dem ausgewogenen Geschmack ihre Triebe aus der Erde in Pattensen-Reden. Auch die Vermehrung verlief erfolgreich. Inzwischen entwickelt sich der „Rote Heinz“ zur Kult-Tomate in hannoverschen Schrebergärten. Auf Pflanzenbörsen ist er am Schnellsten ausverkauft. Bis Lehrte ist der „Rote Heinz“ schon gekommen. Bernd Reitemeier von „Das Grosse Freie“, einer Initiative zur Erhaltung historischer Gemüsesorten, vermehrt ebenso gerne und erfolgreich wie Krähenwinkels Gemeinschaftsgärtnerei „Ackerpella“.

Viele Menschen engagieren sich bei der Rettung durch Vermehrung von historischen, regionalen Sorten, die ganz unterschiedlich genutzt werden. Es gibt kleine Snacktomaten, die sich im Vorbeigehen naschen lassen. Andere Sorten eignen sich gut zum Trocknen oder haben sich als Kochtomate für Sugo und Ketchup etabliert. Tomaten sind beliebt und verbreitet. Aber ursprünglich sind sie keine heimischen Gewächse. Atlantiküberquerer wie Christoph Kolumbus und Cortéz brachten das Nachtschattengewächs aus Mittel- und Südamerika mit nach Europa, wo man von Farbe und Form der Tomate fasziniert war. Zu Beginn ihres kontinentalen Siegeszuges galt das Nachtschattengewächs als reine Zierpflanze, die aber schon bei der Namensgebung phantasieanregend wirkte. In Österreich laufen Tomaten bis heute unter dem religiös gefärbten Namen Pardeisäpfel oder Paradeiser. Das Gemüse erinnerte an den Apfel vom Baum der Erkenntnis, an dem Eva und Adam naschten. In Frankreich heißen sie pomme d’amour. Doch unabhängig von dekorativem Aussehen und der einfallsreichen Bezeichnung der unterschiedlichen Tomatensorten möchte Aromaretterin Sibylle Maurer-Wohlatz vor allem die Bandbreite des Tomaten-Genpools erhalten. Denn im Laufe der Jahrhunderte entwickelten Tomatenpflanzen und ihre Früchte außerordentliche Eigenschaften.
Waren die Anbaubedingungen in Portugal und Spanien den Herkunftsstandorten in Mittel- und Südamerika sehr ähnlich, sind die Witterungsbedingungen in England und Nordeuropa feuchter und kühler. Deshalb wurden Pflanzen für die Vermehrung selektiert, die mit den jeweiligen Standortbedingungen besonders harmonieren.
Wer sich im kommenden Jahr als Aromaretter ausprobieren möchte, kann jetzt auf Märkten nach leckeren und außergewöhnlichen Sorten Ausschau halten und sich die Bezeichnungen vormerken, um selbst zum Züchter zu werden. Der Name Paradeiser ist schon passend. Dieses Gemüse liefert einfach eine faszinierende Historie, die es zu bewahren gilt.