Einblicke in ein „Lotterleben“

Seit sich am 31. Dezember 2015 die Pforten des Casa endgültig schlossen,wohnt Bodo Linnemann mit seiner Frau Andrea in Gehrden. Wie er darauf gekommen ist, ein zweites Buch zu schreiben und wie der Alltag des ehemaligen Playboys aussieht, der einst Gäste wie Grace Jones und Keith Richards bewirtete, hat er nobilis bei Wein, Bier und einem Kippchen verraten.

Text: Luisa Verfürth Fotos: Shino Photography

Gesehen haben wir uns das erste Mal 1976, als ich im Pascha am Thielenplatz auflegte“, schreibt Bodo Linnemann an einer Stelle in seinem neuen Buch „Linnemanns Lotterleben“. „Sie war 17, ich 35, als wir eine aufregende kurze Affäre mit schönem Sex hatten, diese aber zwangsläufig beenden mussten, weil der DJ-Drecksack verheiratet war.  Das ist 30 Jahre her. Jetzt steht sie hier, fast 20 Jahre jünger als ich, schlank, sehr lieb, sehr attraktiv, sehr solo. Und ich frage mich, ist das nun Zufall, oder hat ER das von oben geregelt, weil ER auf eine Fortsetzung unserer damaligen Liaison besteht? Das kann so sein. Denn an reine Zufälle glaube ich ja nicht. Wenn, dann sind sie vorbestimmt. So wie jetzt mit Andrea.“

Diese Erinnerung ist 16 Jahre her steht auf den letzten Seiten des neuen Buchs von Bodo Linnemann „Linnemanns Lotterleben“. Mit DJ-Drecksack ist natürlich er selbst gemeint. Heute sitzt Bodo – er hat die Angewohnheit, einem schon bei der ersten Begegnung das “Du” anzubieten – rechts, Andrea links. Gestern Abend war ein bisschen wild. Die beiden waren im Roma in Hannover etwas essen und einiges trinken. Der Abend war toll. Spontan ein paar Freunde getroffen und eine illustre Geschichte über Udo Jürgens ausgepackt – aber dazu später mehr.

Am 31. Dezember 2015 drehte Bodo zum letzten Mal den Schlüssel im Türschloss des Casa um. Finito, Feierabend, und er rauschte in einer weißen Stretchlimo mit Champagner und Andrea im Arm in Richtung Gehrden ab. „Ich hab ja auch nach der Scheidung von meiner Ex immer noch in der Humboldtstraße gewohnt“, erzählt er. „Am 16. Januar hab ich dann meine Platten genommen, meine Bücher, ein paar CDs und meine Klamotten, an denen ich hänge, wie meine Kiton Sakkos. Das passte alles in einen Koffer und ein paar Plastiktüten und ab mit Andreas Golf nach Gehrden. Ich glaub, wir mussten nur zweimal fahren.“ So stammten fast alle Einrichtungsgegenstände bei Bodo und Andrea Linnemann aus der alten Stadtvilla von Andreas Eltern.

Sein Sechser im Lotto

Mit 17 traf sie mit Bodo die Liebe ihres Lebens. Und wartete 32 Jahre auf ihn. „Ich habe in den Jahren, seit ich ihn 1976 kennenlernte, viele Taschentücher verbraucht“, sagt Andrea. Am 27. April 2017 heirateten die beiden auf Sylt.

„Sie war ein Sechser im Lotto. Ich habe Glück gehabt, dass sie mir noch einmal über den Weg gelaufen ist“, sagt Bodo.

Bodo ist zum dritten Mal verheiratet. An seine Frau Rena wurde er vorigen Abend wieder erinnert, als im Roma eine alte Geschichte mit Udo Jürgens wieder auf den Tisch kam. „Das war in den Sechzigern, ich war gerade von einer Tour nach Hause gekommen. Da hörte ich, wie meine Frau mit ihrer Freundin Jutta nach Hause kam. Ich hatte mich versteckt, weil ich sie überraschen wollte, und da höre ich die Freundin nur sagen: ‚Du musst dich jetzt entscheiden, das ist eine einmalige Gelegenheit, der wartet jetzt da unten.‘ Und unten wartete Udo Jürgens in einem Mustang Cabrio und wollte meine Perle abschleppen. Da bin ich runter und habe zu ihm gesagt: ‚Sei nicht sauer Udo, aber aus der Nummer wird nichts.‘ Natürlich fühlte ich mich trotzdem geehrt, dass er meine Frau angesprochen hatte. Udo Jürgens war dann Jahre später noch öfter im Casa. Aber hat mich nie erkannt – er hat sich nur die Mädchengesichter gemerkt.“

Bilder aus Bodo Linnemanns früheren Zeiten

Bei seiner Frau Andrea hat er sich vor fünf Jahren „ins gemachte Netz gesetzt“, wie Bodo betont. Viele alte Bilder aus früheren Casa-Zeiten schmücken Bilderrahmen oder sind sorgsam verwahrt, um bei Gelegenheit herausgekramt zu werden.

Aufregende Zeiten mit aufregenden Begegnungen

Unter den prominenten Gästen des Casa war jedoch nicht nur Udo Jürgens. Andrea zeigt Bilder von Bodo mit James Blunt, mit HP Baxxter, von Grace Jones, an der Wand hängen ein Bodo-Porträt von David Tollmann und unzählige Collagen, die das Nachtleben dokumentieren, welches Bodo fundamental in Hannover mitgestaltete. Nur von Keith Richards 1982, an einem Freitagabend, gibt es kein Foto. „Damals gab es ja noch kein Handy, und es lag nie eine Kamera herum. Aber das war schon abgefahren, ich dachte, mich tritt ein Pferd, als ich die Tür aufmachte, und dann stand da Keith Richards vor mir. Halbe Stunde und zwei Jacky-Cola später rauschte der wieder ab. Samstag waren wir alle beim Konzert der Stones.“

Dann zappt Bodo im TV-Programm herum. „Ich zappe für mein Leben gern.“ – „Ja, sehr zu meinem Leidwesen“, sagt Andrea. „Am liebsten gucke ich RTL soziale Brennpunkte. Und weißt du warum? Manchmal kannst du da lachen über die Typen, nicht hämisch, sondern mit einem Lächeln. Und dann sag ich immer zu Andrea: ‚Guck mal, das sind alle nette Leute, die rauchen immer eine Zigarette nach der anderen und hoch die Tassen. Und tierlieb sind die auch noch, haben alle Hunde oder Katzen.“

Neben dem Big Pack Stevenson, der auf dem Tisch liegt, signiert Bodo gerade sein neues Buch. Daneben das vorher erschienene Hörbuch und sein erstes Werk „Ramazotti intim“. Warum er auf die Idee kam, noch ein weiteres Buch zu schreiben? „Na, weil mir langweilig war in der Pandemie. Ich konnte nicht mehr auflegen und war wie festgenagelt hier. Das Einzige, was ich im Lockdown machen konnte, war zum Rewe zu gehen und mir da einen Kaffee am Automaten zu ziehen und mich auf dem Parkplatz zu unterhalten und zu rauchen. Also nach dem Hörbuch noch ein Buch. Aber das ist jetzt auch das letzte.”

Worum es in „Linnemanns Lotterleben“ geht? „Bisschen Poesie, bisschen Porno, bisschen nur, aber viel Psycho und viel Sylt. Interessant für die Hannoveraner, die fahren ja alle gern nach Sylt. Es geht um fünf irre Geschichten meiner unrühmlichen Jugend, wirklich irre Geschichten, und danach ging es los mit dem Casa, Discogequatsche und viel Sylt.“

Ein paar Ausgaben liegen noch bei Bodo und Andrea im Keller. Mit zweien hatte sich Andrea einen Spaß gemacht und sie in die flotte grüne Bücherkiste unten in Gehrden im Dorf gestellt, gegenüber dem Café Teufel, wo die beiden auch gerne im Sommer auf Käffchen und “Kippchen” einkehren. „Als ich nach dem Einkaufen rauskam, waren sie weg.“

Es interessiert die Gehrdener also schon, was ihr populärer Nachbar früher so getrieben hat. „Ich hab hier gegenüber eine kleine süße Nachbarin, die immer vorne in ihrem Garten herumfummelt“, sagt Bodo. „Auf Anfrage hatte ich ihr ein Buch geschenkt. Ihr Kommentar war: ‚Ganz schön vulgär, Herr Linnemann, aber gefällt mir.“

Vulgär, aber auf die schönste vulgäre Art der Welt beschreibt Bodo Anekdoten aus seinen viereinhalb Jahren im Knast, aber auch über den Besuch einer Großraumdisco: „Neulich war ich zur Info mal in einer Großraumdisco. Auf der Tanzfläche steppte der Bär. Vier Go-go-Girls strippten sich die Seele aus dem Leib und machten die pubertären Boys verrückt. Bei ‚Cheri Cheri Lady‘ flippten die Girls völlig aus und kreischten den Scheißtext mit, als ginge es um ihr Leben. Ihre notgeilen Stecher tanzten schweißgebadet wie Traviatas für Arme und schütteten sich mit Jägermeister zu.“

Eine Liebe zum Leben, die keine Grenzen kennt

Wer Bodo Linnemann so gegenüber sitzt und ihn anschaut in seinem schicken Sakko und mit einer Zigarette in der Hand, kann sich nicht vorstellen, dass dieser Mann schon über 80 Jahre alt ist. Ob dieser schicke Dandy auch eine Jogginghose besitzt? „Ich muss leider sagen, ich habe drei. Eine in Knallrot, eine in Olivgrün und eine in Dunkelblau. Jogginghosenverbot ist hellgrau. Fürchterlich. Früher habe ich immer gesagt, es kommt keiner mit Jogginghose ins Casa. Aber ich habe meine Meinung geändert. Auch eine Jogginghose kann man gut kombinieren. Mit einem Kiton-Sakko zum Beispiel.“

Wenn Bodo Andrea abends ausführt, dann trägt er allerdings seinen alten Casa-Style: Sakko, Jeans, immer einen Farbklecks – und natürlich keine Socken. Einen Trend, den er übrigens als 18-Jähriger in Mailand aufschnappte und nach Hannover brachte. „Damals haben mich immer alle aufgezogen und meinten: ‚Na? Haste kein Geld für Socken?‘ Und heute, wenn man sich umschaut: ist es chic.“

Am liebsten trägt Bodo inzwischen Slipper oder Pennyloafer. „Bloß nichts zum Schnüren, wenn du dir mit 80 zwei Schuhe zubindest, bist du fertig mit der Welt.“ Bei ihm ist das auf jeden Fall nicht der Fall. Im Gegenteil: „What‘s Going On“ von Marvin Gaye ist eines der Lieder von Bodo und Andrea. Bei den beiden läuft noch einiges. So sind sie gerne unterwegs, um schön essen zu gehen zu Oldus in der Speiserei, im Roma, im Hindenburg Klassik, bei Maurizio ins Amici Miei oder einfach auf ein Bierchen ins Türmchen in Gehrden. Nicht umsont beginnt „Linnemanns Lotterleben“ mit einem Zitat von Truman Capote: „Da Liebe keinen Ort hat, kennt sie keine Grenzen.“