Angefangen hat alles mit einem Teehaus und zahlreichen Japan-Begeisterten in Hannover. Mittlerweile verbindet Hannover und Hiroshima eine langjährige Freundschaft. Beim Sommerfest können Besucher Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Kulturen entdecken und sich von der japanischen Lebensart inspirieren lassen.

Text: Patricia Chadde  Fotos: Ewais

Die Landesflagge des Inselstaates im Südpazifik ist ein roter Punkt auf weißem Grund. Am 26. Juni wird sie in Hannovers Stadtpark wehen – zusammen mit den Fahnen zweier Vereine: Die Deutsch-Japanische Gesellschaft Hannover Chado-Kai (DJG) und der Deutsch-Japanische Freundschaftskreis Hannover-Hiroshima-Yukokai richten das Sommerfest gemeinsam aus.
Den Mittelpunkt des Sommerfests bildet das Teehaus: 1988 wurde es erst zum Blickfang der Messe INFA auf dem hannoverschen Messegelände. Ein Jahr später fand es als Geschenk Hiroshimas an die Stadt Hannover im südlichen Bereich des Stadtparkes eine neue Heimat.
Das Teehaus war es auch, das die Gründung eines Teeweg-Kreises veranlasste – auf Japanisch: Chado-Kai. Der Tee-Weg beschreibt eine japanische Zeremonie rund um Zubereitung und Genuss.
Aus dem sogenannten Tee-Weg-Kreis entwickelte sich die Deutsch-Japanische Gesellschaft Hannover. Präsidentin der Gesellschaft ist seit neun Jahren Susanne Schieble. Sie ist seit ihrer Kindheit von Japan, seiner Kultur und Geschichte fasziniert – was sich auch in ihrem beruflichen Weg zeigt: Im Rahmen ihrer Germanistik-Promotion verglich sie japanische und deutsche Lyrik.
Auch von Japans Architektur ist sie angetan: „Ihren Minimalismus und die Beziehung von Innen- zu Außenraum finde ich sehr besonders“, sagt Susanne Schieble.
Das Ziel bei dem deutsch-japanischen Sommerfest: „Wir möchten unsere Faszination für die einzigartige Kultur des fernöstlichen Landes sehr gerne mit vielen interessierten Gästen teilen.“

Das Teehaus im Stadtpark ist schlicht gehalten – ganz im Sinne der Chado-Kai-Tradition, die der inneren Einkehr dient.

Kimonos, Musik und kunstvolles Handwerk

Um die japanische Kultur in allen Facetten zu zeigen, bietet das Sommerfest ein breites Programm. Eine Kimono-Modenschau wird sich dem weltweit bekannten japanischen Kleidungsstück widmen. Auch die musikalische Untermalung ist ungewöhnlich: Mit Fumito Nunoya wird einer der weltweit besten Marimbafon-Spieler zu hören sein. Zudem wird die Hamburger Gruppe des Taiko-Trommlers Ingmar Kikat im Stadtpark auftreten.
Verschiedene Stände laden ein zu einem Spaziergang durch Raum und Zeit. Zu entdecken gibt es unter anderem Schmuck und handwerklich gefertigte Unikate – etwa solche, die während der sogenannten Edo-Periode entstanden sind: „Diese Zeit zwischen 1603 und 1868 hat Japans Kultur enorm geprägt“, erklärt Susanne Schieble. Land und Leute wurden damals hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt. „Keiner kam auf die Insel, keiner kam hinaus. Allein mit den holländischen See- und Kaufleuten auf der aufgeschütteten, vorgelagerten Insel Dejima vor Nagasaki konnte, streng überwacht, Waren- und Wissensaustausch gepflegt werden. Die Folgen der Abschottung führte im Landesinneren von Japan zu einer enormen Verfeinerung und Perfektion in sämtlichen Bereichen. So kommt es, dass ein japanisches Picknick-Set aus dem 17. oder 18. Jahrhundert wie die höchste Form des Kunsthandwerks wirkt. „Aber zu seiner Zeit war die aufwendige Arbeit aus Holz und Lack ein alltäglicher Gebrauchsgegenstand“, sagt Susanne Schieble.
Der Austausch zwischen Japan und Deutschland entstand erst nach dieser Zeit. „Nach der Öffnung Japans im Jahr 1868 entwickelte sich rasant ein Wissenstransfer zwischen Japan und Deutschland“, erläutert Susanne Schieble. Sogar so mancher deutsche Begriff taucht in der Alltagssprache auf – zum Beispiel ist der Rucksack als „ryukkusakku“ zum japanischen Must-have avanciert.
Umgekehrt könnten sich die Deutschen von der japanischen Esskultur inspirieren lassen: Denn es scheint, im Zusammenspiel mit einer gemüse- und fischreichen Ernährung, Langlebigkeit zu begünstigen – in Japan leben weltweit die meisten hundertjährigen Menschen. Auch Maß halten ist eine sehr japanische Disziplin: Mit dem Essen aufzuhören, wenn man sich zu 80 Prozent gesättigt fühlt, heißt „hara hachi bu“.
Andere Dinge aus der japanischen Kultur sind bei uns bereits etabliert: Die Papierfaltkunst Origami, stilvolle Blumenarrangements des Ikebana, japanische Raku-Keramik, Tuschezeichnungen und Kalligrafie kennen wahrscheinlich schon viele Menschen in Deutschland. Auch Brettspiele wie Go und Mah-Jongg, das ursprünglich aus China stammte, sind vielen durchaus ein Begriff. Auch die bioenergetische Massagepraxis Shiatsu hat einen japanischen Ursprung, genau wie zahlreiche Kampfsportarten von Aikido, Karate und Taido bis hin zum Kendo.
Die Tradition des Furoshiki, der Verpackung mit Stoff, ist hierzulande dagegen weniger üblich, findet aber immer mehr Anhänger.

Kleiner Eindruck aus der Ferne: Der Tempel Kiyomizu-dera steht in der ehemaligen japanischen Hauptstadt Kyoto. Davor posieren junge Frauen im Kimono, ein traditionelles Kleidungsstück mit breitem Gürtel.

Das Streben nach Harmonie und Vollkommenheit

Schieble freut sich auf das deutsch-japanische Sommerfest, weil jeder Gast mit der japanischen Kultur, ihrem Streben nach Harmonie und Vollkommenheit in Kontakt kommen kann. Außerdem regt die Beschäftigung mit Japan zur Reflexion an, wie die Chado-Kai-Präsidentin findet. „In der japanischen Gesellschaft werden Tradition und Moderne nicht als Widerspruch betrachtet, sondern harmonisch miteinander in Beziehung gesetzt“, berichtet sie. Eine dicht bevölkerte Metropole wie Japans Hauptstadt Tokio mit 39 Millionen Einwohnern steht nicht im Kontrast zur Kontemplation in Zen-Gärten und buddhistischen Tempeln“, sagt sie.
Erwartet werden unter anderem Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay, die stellvertretende Regionspräsidentin Michaela Michalowitz und die japanische Generalkonsulin Kikuko Kato aus Hamburg. „Sie ist uns sehr zugetan“, freut sich Susanne Schieble.
Fehlt nur noch gutes Wetter – dann wird das deutsch-japanische Sommerfest unter hannoverschem Himmel sicher ein voller Erfolg.

Origami und Kalligrafie im Eingangsbereich

Das deutsch-japanische Sommerfest findet am Sonntag, 26. Juni, zwischen 14 und 18 Uhr im Stadtpark Hannover statt.
Die Adresse lautet Theodor-Heuss-Platz 1-3 in 30175 Hannover.
Empfohlener Eingang: Kleefelder Straße | Südseite des Stadtparks | an den Bahnschienen.
Der Eintritt ist frei.