Märzausgabe 2014

Wohn-Werte mit Geschichte

Werte mit Potenzial

story

Das Interview mit Wilhelm und Elvira Peter, Antik & Art, in ganzer Länge.

Wie alt muss ein Stück sein, damit man es als „Antiquität“ bezeichnet?
Wilhelm Peter: Der Begriff „ Antiquität“ ist bisher rechtlich nicht geregelt, es hat sich aber im seriösen Handel eine Orientierung am Zolltarif durchgesetzt, die besagt: „Antiquitäten sind Sammlungsstücke oder Kunstgegenstände, die älter sind als 100 Jahre.“

Stimmt es, dass die Preise für Antiquitäten derzeit im Keller sind?
Wilhelm Peter: Ja, aber das stimmt nur bedingt, denn ein grundsätzlicher Preisverfall ist nicht zu verzeichnen. Auch bei Antiquitäten gibt es so etwas wie Moden oder Trends. Biedermeiermöbel werden derzeit unter Wert gehandelt, aber immerhin waren sie mindestens 25 Jahre lang der Renner. Aktuell werden andere Stilrichtungen favorisiert.

Wenn ja, woran liegt es?
Elvira Peter: Wie schon gesagt, unterliegen auch Antiquitäten aktuellen Trends. Es gibt durchaus Stile und sogar einzelne Produkte, die „in“ sind und sich großer Nachfrage erfreuen. Das beste Beispiel hierfür sind die Kristalllüster, die häufig mit ganz modernen, strengen Möbeln kombiniert werden. Seit geraumer Zeit erleben wir, dass Waren in mittlerer Preislage nicht nachgefragt werden - ein Phänomen, das in vielen Bereichen zu beobachten ist. Folglich wird zurzeit die in größerer Vielzahl vorhandene, durchschnittliche Qualität deutlich unter Wert angeboten. Wohingegen die seltenen Topqualitäten absolute Spitzenpreise erzielen. Ganz allgemein kann man sagen, dass kein Markt konstant ist, „alles fließt“. Auch in anderen Bereichen findet man deutliche Preiskurven: bei Aktien, Edelmetallen und auch bei Immobilien.

Ist ein Einstieg derzeit deshalb besonders empfehlenswert?
Wilhelm Peter: Natürlich! Man kauft, wenn die Preise niedrig sind. Aber bitte nur das, was man mag und sich auch leisten kann. Dann kann man sich täglich darüber freuen und fühlt sich wohl. Der Gedanke der Wertsteigerung wird zweitrangig, wenn man mit seinem Kauf zufrieden ist.

Ist denn damit zu rechnen, dass die Nachfrage und das Interesse an antiken Möbeln und Gegenständen wieder steigen?
Elvira Peter: Das Interesse an Möbeln und anderen Einrichtungsobjekten ist nach wie vor da, aber der Geschmack hat sich deutlich geändert, und außerdem vollzieht sich ein massiver Generationenwechsel. Bei den Porzellan- und Glaswaren ist die Nachfrage zurzeit sehr niedrig. Wie sie sich bei diesen Gebrauchsgegenständen entwickeln wird, kann ich nur vage vermuten: Eine sehr große Anzahl älterer Menschen hat komplette Haushalte und ist eher an Reduzierung bzw. Verkauf interessiert, und die jungen Leute verfügen noch nicht über den nötigen finanziellen Spielraum. Aber ich glaube, wenn die nachrückende Generation erst einmal über ein stabileres Einkommen verfügt, wird auch sie sich anders orientieren. Zuerst müssen eben die Grundbedürfnisse befriedigt sein, danach entwickeln sich auch kulturelle Wünsche – das war schon immer so und wird hoffentlich auch so bleiben. Und da nicht alle Menschen ausschließlich modernes Design mögen, wird die Nachfrage an antiken Porzellan- und Glaswaren wahrscheinlich auch wieder steigen!

Über die Möbel mache ich mir keine Sorgen, denn die Wegwerfmentalität wird ja – Gott sei Dank - durch den Begriff der Nachhaltigkeit verdrängt. Und da passen Antiquitäten prima ins Bild! Es muss kein Baum mehr gefällt werden, alles ist schon „mindestens secondhand“ und zudem noch echte Handarbeit! Bei Möbeln dürfte es ohne Frage ein weiter steigendes Interesse geben. Aber natürlich richtet man nicht den ganzen Haushalt mit antiken Möbeln ein. Seit gut zwanzig Jahren mag man „crossover“: Einige antike Stücke werden als Highlights mit moderner Einrichtung kombiniert.

Wann gab es einen Höhepunkt? War es in den 1970er bis 90er Jahren?
Wilhelm Peter: Ja, das war die Zeit, in der die Menschen mit ihren Aktien nicht mehr so glücklich waren und in die Sachwerte flüchteten.

Sind Antiquitäten auch als Geldanlage zu empfehlen? Besonders als langfristige?
Wilhelm Peter: Das kann man durchaus bejahen, als langfristige Anlage - keine Frage. Zumal der aktuelle Kapitalmarkt keine Anreize bietet. Außerdem haben Antiquitäten, ganz im Gegensatz zu anderen Investitionen einen sehr hohen Gebrauchswert. Man wohnt mit ihnen! Ein behagliches und außerdem noch exklusives Zuhause - das ist doch nicht schlecht! Im Fall einer Amortisation ist es jedoch vollkommen egal, was Sie verkaufen wollen. Wenn Sie es unter Druck und zur falschen Zeit tun, bekommen Sie immer einen schlechten Preis. Wie bei allen anderen Wertobjekten muss man sich orientieren und den Markt beobachten. Wir empfehlen darum jedem, der sich im Moment von seinen Biedermeiermöbeln trennen will, sie tunlichst zu behalten. Die Preise für diesen Stil werden wieder steigen.

Um „schnelles Geld“ zu machen, sind Antiquitäten sicherlich weniger geeignet, oder? 
Elvira Peter: „Schnelles Geld“ zu machen, ist das immer hoch spekulativ und stets mit entsprechend hohen Risiken verbunden. Man braucht fundiertes Spezialwissen, sensible Antennen, sehr spezielle Persönlichkeitsmerkmale - um nicht zu sagen eine ausgeprägte Zockermentalität- und mit Sicherheit enorme Mengen „Spielgeld“.

Was eignet sich als Geldanlage am besten?
Wilhelm Peter: Signierte Spitzenqualitäten von berühmten französischen Ebenisten wie André-Charles Boulle oder deutschen Kunsttischlern wie Abraham und David Roentgen sind nur für Geldanleger mit dem ganz großen Portemonnaie von Interesse. Aber französische Möbel des 18. Jahrhunderts, besonders gefasstes Louis-Seize liegen im Trend, sind bezahlbar und eine gute Investition. Grundsätzlich würden wir empfehlen, nur originale, kunsthandwerkliche Qualität zu kaufen, die zwar nicht spekulativ aber werthaltig und außerdem noch schön ist. Es braucht allerdings einige Kenntnisse, um alte, handwerkliche Arbeit von industrieller Fertigung zu unterscheiden und originale Stile von späteren „Remakes“. Abgesehen von Möbeln sind natürlich auch die Lüster mit handgeschliffenen Prismen werthaltig und schön. Und wer sich für altes Chinaporzellan erwärmen kann, ist auf der sicheren Seite: Es wird seit einiger Zeit von Chinesen aufgekauft und geht wieder zurück nach China. Für Liebhaber des Art Déco sind signierte Schalen und Vasen von Daum und Pierre d’Avesn schon für kleines Geld zu haben.

Gibt es Epochen / Stilrichtungen, die besonders empfehlenswert sind?
Elvira Peter: Das sind aus unserer Sicht eindeutig die klassizistischen Stile Louis-Seize, Directoire, Empire und schwedisches Gustaviansk aus der Zeit von cirka 1770 bis cirka 1815 und außerdem - nach einem großen Zeitsprung - französisches und belgisches Art Déco.

Ist der Zustand der Möbel oder Gegenstände von ausschlaggebender Bedeutung?
Wilhelm Peter: Ja, selbstverständlich, ist das von ausschlaggebender Bedeutung! Originalität ist wesentlich, Ergänzungen sind nur in geringem Maße zu akzeptieren und stellen fast immer eine Wertminderung dar. Eine fachgerechte Restaurierung sollte nur mit ursprünglichen Mitteln erfolgen. Alterungsspuren sind erwünscht, die Patina macht den Charme eines antiken Möbels aus. Lampen und Lüster für Kerzen- oder Gasbetrieb elektrifizieren wir allerdings – da steht bei uns die Funktionalität im Vordergrund.

Wann lohnt sich eine teure Aufarbeitung /Restaurierung?
Elvira Peter: Hier gibt es zwei mögliche Situationen: Handelt es sich um ein Stück mit „Herzblut“, und übersteigt der ideelle Wert den Objektwert, dann spielt der Restaurierungspreis keine Rolle. Ansonsten kann durch eine Restaurierung nur ein Mehrwert erzielt werden, wenn die Kosten in vernünftiger Relation zum Objektwert stehen. Keinesfalls dürfen sie höher sein als der Wert eines Möbels.

Welche Antiquitäten sind bei Ihnen derzeit besonders gefragt? Mobiliar oder eher die kleineren Einrichtungsgegenstände?
Elvira Peter: Wir verkaufen Lüster, Lüster, Lüster, Spiegel und große Dekorationsobjekte. Außerdem viele Kleinmöbel des Empire und Louis-Seize wie z.B. kleine Tischchen und Säulenkommoden.

Was macht für Sie persönlich den Reiz von Antiquitäten aus?
Wilhelm Peter: Ihr Geschichtsbezug, ihre Originalität und Vielfältigkeit sind ebenso faszinierend wie die perfekte Fertigung mit Liebe zum Detail. Sie sind eben keine Massenware, sondern Kunsthandwerk.

Wie stehen Sie zum Mix von antiken und modernen Möbeln und Einrichtungsgegenständen in einer Wohnung?
Elvira Peter: Schon seit den 80er Jahren beraten wir unsere Kunden entsprechend, denn niemand wollte mehr in einem musealen Ambiente oder gar in einer „Biedermeierstube“ wohnen! Das entsprach in keiner Weise dem Zeitgeist. Auch die Topmagazine wie z.B. AD zeigen seit Jahren diesen Mix. Aber nun hat man endlich auch ein englisches Wort dafür „crossover“!

Gilt bei Antiquitäten die Faustformel „je älter umso wertvoller“?
Wilhelm Peter: Nein, so kann man das nicht sehen. Wesentlicher als das Alter sind die Einzigartigkeit und die Qualität der Fertigung. Zum Beispiel bewegen sich hochwertig gearbeitete, französische Art Déco Möbel der Zwanziger Jahre im gleichen Preisniveau wie Empiremöbel aus der Zeit um 1800. Ein Unikat wie ein Ölgemälde ist natürlich wertiger als ein vervielfältigter Kupferstich.

Wie wichtig ist es beim Antiquitätenkauf, sich vorher mit Preisen vertraut zu machen?
Elvira Peter: Das ist vor jedem Einkauf zu empfehlen, egal ob man ein Auto, eine Waschmaschine oder ein antikes Stück kaufen will.

Wo kann man sich dazu informieren?
Elvira Peter: Das war noch nie so leicht wie heute, wo doch jeder einen PC zuhause hat. Im Zeitalter von Onlineshops, Ebay und anderen Auktionshäusern ist der Markt absolut transparent geworden, insbesondere durch Preisdatenbanken.

Sollte man sich als Sammler auf eine bestimmte Epoche konzentrieren oder auf andere Besonderheiten?
Elvira Peter: Beim Sammeln ist immer viel Gefühl dabei, es kommt daher auf die individuelle Herangehensweise an, ob man sich eher thematisch oder epochal orientiert. Hier steht als Motiv mit Sicherheit nicht die Geldanlage im Vordergrund sondern die Freude am Tun.

Gibt es im Antiquitätenbereich viele Fälschungen?
Wilhelm Peter: Es gibt ziemlich viele gute Möbelnachbauten. Bei einem Hausbau wird es sehr deutlich: Ein Neubau ist schneller fertig als ein zu sanierendes Haus. Wenn also der „Bauplan“ in Form eines antiken Originals in einer Werkstatt steht, ist es unter Umständen eine Verlockung, es zu vervierfachen. Als die Biedermeiermöbel boomten, waren sehr viele gutgemachte Kopien auf dem Markt. Aber auch auf so genannte „Mariagen“ muss man achten. Das sind zusammengefügte Teile nach dem Motto, aus zwei mach eins! Seit geraumer Zeit feiern die kostbaren gefassten Möbel des 18. Jahrhunderts ihre Wiedergeburt im Shabby Chic. Wird gesagt, dass es sich um Nachbauten handelt, die entsprechend preiswerter sind – dann ist die Sache in Ordnung.

Wie kann man sich als Käufer davor schützen?
Wilhelm Peter: Es wird kopiert, um das schnelle Geld zu machen. Daher werden diejenigen Objekte kopiert, die teuer sind und gerade boomen. Als z.B. Jugendstilglas „in“ war, konnte man jede Menge signierte Gallé Vasen kaufen. Wenn zu viele vergleichbare oder sogar paarige Objekte vorhanden sind und dann noch der Preis ein „Schnäppchen“ ist.– sollte man vorsichtig sein. Außerdem sollte man bedenken, wo man kauft. Bei Händlern ohne Geschäftsadresse, würden wir vom Kauf abraten.

Welche Tipps haben Sie für den Antiquitäten-Neuling?
Elvira Peter: Zunächst einmal kann man sich mit Hilfe von Büchern in dieses Thema einlesen. Ob Möbel, Spiegel, Leuchter oder Glas und egal aus welcher Epoche - man kann in jeder Buchhandlung genügend gute Literatur finden. Anhand von Bildbänden lässt sich außerdem wunderbar das Auge schulen. Im Internet ist Wissen ohne Ende zu finden, und hier kann man dank der Auktionsergebnisse auch ein Preisgefühl entwickeln. Und schließlich bleibt zu überlegen, wo man kaufen will. Ich meine dort, wo man sich gut beraten fühlt, wo man einen ordentlichen Beleg oder ein Zertifikat über seinen Kauf erhält und wo es so etwas wie einen „After-Sales-Service“ gibt!