Wovon ich träume...

...von einer besseren Welt

story

Tausende Syrer sind wegen des Bürgerkriegs aus ihrer Heimat geflohen. Nun hoffen sie unter anderem in Deutschland auf eine BESSERE ZUKUNFT. Was sie erlebt haben und wovon sie träumen, erzählt einer von ihnen: Fotograf Nader Ismail.

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Nader Ismail

Nader Ismail kam 1990 in Lattakia, der einzigen syrischen Großstadt am Mittelmeer und Heimat des Assad-Clans, zur Welt. Eigentlich eine Traumstadt, sagt er, aber inzwischen ein Drogen-Eldorado und in der Hand des Regimes. Nach seinem Abitur studierte er knapp zwei Jahre Informatik, machte 2011 – zu Beginn der Syrischen Revolution – jedoch seine Leidenschaft für Fotografie zum Beruf und publizierte seine Bilder online. Zum Teil waren sie systemkritisch. Zwei Monate Gefängnis waren die Folge, davon ein Monat in Einzelhaft. Nach seiner Freilassung verließ der 22-Jährige das Land, ging das Risiko ein, auch seine Kamera heraus zu schmuggeln und dokumentierte seine Flucht. Über den Libanon, die Türkei, Italien und Frankreich kam er 2014 nach Deutschland. Seit einem Jahr lebt er nun in Hannover. Seine Fotos haben ihm geholfen, Anschluss zu finden. Karsten Grimpe von KunstLichtBlick hat ihn unter seine Fittiche genommen und einige Ausstellungen für ihn organisiert. Auch andere hannoversche Fotografen setzen sich für den jungen Kollegen ein. Er fotografiert inzwischen für die NP, arbeitet mit Foto-Dozent Nico Herzog an einer Fotoreportage über Flüchtlingsunterkünfte und unterstützt seinerseits andere, neu angekommene Flüchtlinge. Sein Asylantrag ist vor einigen Monaten genehmigt worden, und er ist von der Notunterkunft in Ahlem in eine kleine Wohnung nach Linden umgezogen. Nun hofft er darauf, dass seine Freundin (Filmregisseurin syrischpalästinensischer Abstammung) bald nachkommt. www.KunstLichtBlick.net

Als kleiner Junge habe ich davon geträumt, einen Computer zu haben. Doch erst als ich 15 war, habe ich einen bekommen. Weil ich gut in der Schule war. Ich habe ihn immer wieder auseinandergebaut, dabei ging auch einiges kaputt. Nach der Reparatur habe ich gesehen: Aha, jetzt haben sie das so oder so repariert, und ich begann, den PC immer besser zu verstehen. Mein nächster Traum hatte mit Fotos zu tun. Ich hatte Photoshop kennengelernt. Das war für mich eine weitere Faszination. Meine Kumpels spielten Fußball und so was. Ich habe mit Photoshop gespielt, viel experimentiert, und ich war wirklich glücklich, wenn mir etwas Tolles und Ungewöhnliches gelungen ist. Und dann wollte ich meine beiden Träume verbinden: Computer, Fotografie und Fotobearbeitung. Damit wollte ich mein Geld verdienen. Meine Eltern konnten sich nicht vorstellen, dass es funktioniert. Mein Vater ist Elektroingenieur, aber von der alten Schule. Ok, habe ich gesagt, dann studiere ich eben nach dem Abitur Informatik. Aber das Studium hat meinen Computertraum schnell zerstört, weil uns nur altmodische Sachen beigebracht wurden. Das hat mir nichts gebracht, und nach knapp zwei Jahren hat‘s mir gereicht. In dieser Zeit begann die Revolution. Mir fiel auf, wie schlecht die Fotos waren, die über die Ereignisse veröffentlicht wurden. So beschloss ich, meinen Traum umzusetzen und Fotograf zu werden. Weil ich immer „groß“ geträumt habe, wollte ich auch hier Großes erreichen: Kunstfotografie. Ich war 21 und habe nebenher in Internetcafés Computer installiert und repariert und so Geld für meine Fotografie verdient. Die Fotos habe ich dann im Internet in den Sozialen Medien veröffentlicht – unliebsame Fotos für die Regierung. Deshalb musste ich 2013 ins Gefängnis. Den ersten Monat war ich in Einzelhaft, ein Albtraum. Du sitzt da, weißt nicht, was im nächsten Moment passiert. Es gibt keinen Prozess. Wenn du reinkommst, weiß keiner mehr, was mit dir wird. Das ist so in Syrien.

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Foto: Nader Ismail

Trotzdem habe ich weiter geträumt, so bin ich eben. Aber meine Träume haben sich schlagartig geändert. Ich habe sehr über mich und mein Leben nachgedacht und begonnen, alles in Frage zu stellen und mich neu zu organisieren. Ich wollte nicht mehr Kunstfotograf, sondern politischer Fotograf, Fotoreporter, werden. Ich wollte Böses demaskieren und schlechte Zustände ins Licht der Öffentlichkeit rücken und dazu die Fotografie benutzen. Diese Entscheidung fiel im Knast, und diesen Traum habe ich bis heute. Das will ich wirklich! Ich träume davon, dass wir eines Tages eine bessere Welt haben, und vielleicht kann ich dazu beitragen. Ich träume auch davon, irgendwann zurück nach Hause zu gehen und beim Neuaufbau meines Landes zu helfen. Aber nicht jetzt. Es ist noch nicht soweit. Syrien ist ein sehr zerstörtes Land mit kaputten Menschen. Und das habe ich inzwischen kapiert: Den Wiederaufbau müssen wir Syrer selber hinbekommen. Das macht keiner für uns.

Als 2011 die Revolution begann, haben wir erst gemerkt, wie lange wir schon gelähmt waren, wie viel falsch lief und wie eingeschränkt wir gedacht haben. Wir wussten nicht, was außerhalb Syriens passierte. Nun sind so viele Syrer woanders und sehen, was in der Welt läuft. Sie werden viel lernen, andere Sichtweisen, auch andere Träume kennenlernen und sie nach Syrien bringen, wenn sie zurückkommen. Dann können wir vielleicht einiges verändern. Davon träume ich: Dass es besser wird als zuvor. Im Moment ist Lattakia, meine Heimatstadt, die etwa so groß ist wie Hannover, voller Drogen. Die Regierung stopft die Leute mit Tramadol voll, um sie ruhig und dumpf zu halten. Dann fühlt man keinen Stress, wird aber schnell abhängig. Fast jeder nimmt es jetzt. Es ist billiger als Nahrungsmittel. Ein Freund von mir erzählte, keiner kann dort ohne leben. Es ist die einzige Art zu vergessen, zu entspannen, die schlimme Situation nicht so wahrzunehmen. Meine ganze Generation ist verloren, alle meine Freunde habe ich daran verloren. Die nehmen 15 oder 20 am Tag – viel zu viel davon. Es ist eine Katastrophe! Das hat bei ihnen Träume zerstört. Wie verdorben muss eine Regierung sein, um so etwas zu tun! Das verändert die Persönlichkeit komplett, genauso wie der Krieg. Es ist ein riesiger Albtraum. Das tut mir alles so weh!

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Foto: Nader Ismail

Ich habe Syrien vor zwei Jahren verlassen. Meine Eltern sind noch dort, mein Bruder ist auch hier in Deutschland, und meine Schwester wird nach Schweden gehen, dort ist schon ihr Ehemann. Meine Eltern sagen: Wir sind hier geboren und wollen hier sterben. Aber wenn Ihr gehen wollt, um Eure Träume zu leben, dann geht. Hier werdet ihr es nie tun können. Sie haben mich, nachdem ich aus dem Gefängnis draußen war, sogar gedrängt, das Land zu verlassen. Sonst hätte ich zur Armee gemusst. Das wollte ich nicht, sie auch nicht. Ich bin also mit einem Taxifahrer, dem ich trauen konnte, bis in den Libanon gefahren, von dort nach Beirut, wo ich drei Wochen bei einem Freund gewohnt habe. Dann per Flugzeug weiter nach Istanbul, zu einer Tante von mir. Dort war ich sechs Monate. In der Zeit habe ich für eine Organisation Fotos gemacht. Sie gaben vor, gegen das Regime in Syrien zu agieren. Stimmte aber nicht, und ich merkte, dass ich den Leuten nicht trauen konnte. Deshalb bin ich weg und per Schiff nach Crotone in Italien. Sieben Tage hat die Überfahrt gedauert. Davon sind die Fotos in meiner hannoverschen Ausstellung. Über Mailand und Frankreich bin ich zusammen mit anderen jungen Syrern nach Freiburg und dann nach Friedland gekommen. Da war ich drei Wochen. Von dort schickte man mich im September 2014 nach Hannover. Insgesamt dauerte meine Flucht also etwa 1 ½ Jahre. Ich kannte Hannover gar nicht. Die Stadt hat mich ausgesucht, nicht ich die Stadt. Inzwischen fühle ich mich hier aber wie zu Hause. Das liegt auch an Karsten. Er hilft mir in allen Fragen des Jobs und des Lebens. Ich bin einer der Künstler, die er unterstützt, der Jüngste und der Letzte, den er angenommen hat, sagt er. Für mich ein großes Glück – ein anderes, dass meine Freundin, die ich während der Revolution traf und die jetzt in Schweden lebt, nach Hannover kommen kann. Sie hat als Film-Regisseurin gearbeitet und würde gern Regie in Hamburg studieren.

Nachts träume ich oft von meiner Familie und fast jede Woche von einem meiner Cousins. In meinen Träumen läuft er umher, wir sind zusammen, und ich bin glücklich, dass es ihm so gut geht. Dabei ist er seit einem Bombenangriff gelähmt. Jetzt lebt er in Schweden. Er ist jünger als ich und könnte noch so vieles tun, und er hat noch so viele Träume. Für mich ist ein großer Traum, Deutsch zu sprechen, denn die Sprache ist der Schlüssel zu allem. Deshalb bin ich jetzt jeden Tag fünf Stunden in der Berlitz School und lerne ganz fleißig. Ich will meine Umgebung verstehen. Nur so kann ich erfahren, was ich tun muss, um meine Träume umzusetzen, z. B. den, mein Informatik-Studium hier fortzusetzen und dann Fotografie und IT zu verbinden und damit mein Geld zu verdienen. Dafür will ich wirklich hart arbeiten und meine ganze Kraft daran setzen. Ich habe auch schon einige Ideen, aber das nicht vorhandene Geld stoppt mich. Das ist ganz und gar nicht traumhaft.

 - Die Bilder, die hinter ihm zu sehen sind, hat Nader Ismail mit der letzten ihm verbleibenden Kamera auf seiner Fahrt über das Mittelmeer geschossen. Den Rest seiner Ausrüstung verschlang das Meer.
Die Bilder, die hinter ihm zu sehen sind, hat Nader Ismail mit der letzten ihm verbleibenden Kamera auf seiner Fahrt über das Mittelmeer geschossen. Den Rest seiner Ausrüstung verschlang das Meer.
Foto: pkh

Rund 20 Bilder des Fotografen Nader Ismail werden ab Samstag, 28. November, im ka:punkt in der Innenstadt von Hannover (Grupenstraße 8) gezeigt werden. Der 25-Jährige ist als Flüchtling aus Syrien nach Deutschland gekommen, nachdem er in seiner Heimat wegen seiner Aktivitäten als Fotograf für die Revolution gefoltert und gefangen genommen worden war.

Die Vernissage, bei der er mehr zu den Bildern sagt, die seine Heimat und seine Flucht nach Deutschland dokumentieren, beginnt um 17 Uhr. Bis zum Donnerstag, 14. Januar, werden die Bilder im Forum während der Öffnungszeiten des ka:punkts (Montag bis Freitag 10 bis 18 Uhr und Samstag 12 bis 16 Uhr) zu sehen sein. Mehrere Bilder können in Abzügen erworben werden. Ein Teil der Einnahmen geht an die Organisation Sea-watch.

Ein ausführliches Porträt von Nader Ismail und seiner Reise nach Deutschland finden Sie hier: www.kath-kirche-hannover.de