Mai-Ausgabe 2014

Briefmarken – Anlage für Kenner und Könner

story

Mit ihren Motiven und Erscheinungsformen faszinieren Briefmarken als Kaleidoskop der Zeitgeschichte. Doch nur historische und möglichst SELTENE EXEMPLARE eignen sich auch als Anlageobjekte. Viel Erfahrung und Know-how gehören ebenfalls dazu.

"An den König von Hannover" prangt mittig, in fein geschwungenen Bögen auf dem Briefkuvert. "Leider befindet sich kein Brief mehr darin", bedauert Knut Gerschau den fehlenden Inhalt. So mag man spekulieren, welche Nachricht Ernst August I. um 1850 erreichen sollte. Doch wertlos ist die einstige Postsendung deshalb noch lange nicht. Briefmarken und Poststempel machen den Umschlag nicht nur zu einem posthistorischen Objekt, sondern auch als Geldanlage interessant. Der 52-jährige Hannoveraner sieht im Sammeln der Postwertzeichen nicht nur einen entspannenden Ausgleich zu seiner Tätigkeit als Mitinhaber einer großen Werbeagentur, als langjähriger Kenner der Szene ist ihm auch das Anlagepotenzial seines Hobbys wichtig: „Vor allem seltene Marken lassen sich gut verkaufen.“

Nach einigen Jahrzehnten philatelistischer Zurückhaltung war im Jahr 2000 seine frühere Sammelleidenschaft erneut heftig aufgeflammt. Was folgte, war der systematische Erwerb ausgewählter Marken: „Jedes Stück erzählt eine eigene Geschichte“, bemerkt er mit leuchtenden Augen. Seit 14 Jahren kauft und verkauft Knut Gerschau nun Briefmarken über Auktionen und über den professionellen Handel und weiß genau, was man in diesem Markt beachten muss. Oft ersteigert oder verkauft ein Kommissionär in seinem Auftrag wertvolle Stücke, denn die Auktionen sind meist weiter weg, zum Beispiel in Wiesbaden oder Köln. Und weil die Gebühren und Provisionen für das Auktionshaus bei An- und Verkauf insgesamt mindestens 30 Prozent betragen, ist es notwendig, erhebliche Steigerungen zu erzielen – selbst bei den teuersten Fonds habe man solche Kosten nicht, wie der hannoversche Philatelist festellt. „Die Zahl der Sammler wird immer kleiner“, beschreibt Gerschau die Tendenz des aktuellen Marktes, der sich in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten stark gewandelt hat: Unter jüngeren Menschen gibt es deutlich weniger Briefmarkensammler. Ein Überangebot ist die Folge – vor allem bei weit verbreiteten Marken – und die Verkaufschancen sinken.  

Zwar erzielte ein Eckrandstück der Audrey Hepburn-Marke im Jahr 2001 sagenhafte 135 000 Euro, doch das stellt eine Ausnahme auf dem ansonsten schrumpfenden Markt dar. General- oder Heimatsammlungen wie „Alle Welt“ oder „Deutschland 1949 bis heute“ finden derzeit kaum noch Abnehmer. Hinzu kommt, dass nach dem Zweiten Weltkrieg die einzelnen Marken als Massenware in hoher Auflage produziert worden sind, wodurch es zu einem enormen Preisverfall gekommen ist. Knut Gerschau rät deshalb davon ab, in Briefmarken zu investieren, die nach 1950 erschienen sind: „Die wird man kaum wieder los. Eine Kapitalanlage ist hier nicht lohnenswert – das gilt auch für Marken aus anderen Ländern.“ Für den hannoverschen Experten sind Exklusivität und Qualität zwei zwingende Parameter, um im Briefmarkengeschäft langfristig Erfolg zu haben. Sollte es sich um ein seltenes Stück handeln, lohne sich ein realistischer Blick auf den aktuellen Markt, so Gerschau: „Nur sehr seltene Marken haben eine gewisse Werthaltung.“ Außerdem ist das äußere Erscheinungsbild von großer Bedeutung: Ob die Marke in einem fehlerfreien Zustand vorliegt, welches Papier verwendet wurde und ob die Zähnung intakt ist.

Der Unternehmer sammelt nicht nur einzelne, unterschiedliche Marken, sondern auch ein und dasselbe Postwertzeichen in verschiedenen Erscheinungs- und Herstellungsvarianten. So hatte er den „Schwarzen Einser“, Deutschlands älteste Briefmarke von 1849 aus dem Königreich Bayern, über 120 Mal in seinem Besitz – als Probe- und Fehldrucke, mit verschiedenen Stempelabdrücken oder mit seltenen Herstellungsfehlern. Im Oktober 2013 bot Gerschau diese Sammlung über das renommierte Auktionshaus Heinrich Köhler in Wiesbaden zum Verkauf an. Dort war man vom Umfang und Erhaltungszustand der Sammlung derart begeistert, dass man eigens einen Katalog herausbrachte. Doch auch das brachte nur einen partiellen Erfolg: Während einige Marken einen beachtlichen Gewinn erzielten – so ist beispielsweise ein historischer, gut erhaltener Briefumschlag mit seltenen Marken, Ausgangswert 25 000 Euro, nach hitzigem Bieten für 46 000 Euro versteigert worden, erreichten andere den Ausrufpreis nicht und gingen dann erst im Nachverkauf für einen geringeren Preis über den Auktionstisch. Für Knut Gerschau ein weiteres Beispiel, mit wie vielen Unwägbarkeiten ein Briefmarkensammler konfrontiert ist.

Weil man mit historischen Stücken aus geographisch wie politisch interessanten Herrschaftsbereichen oder Zeitabschnitten noch am ehesten auf der sicheren Seite ist, entschied sich Gerschau für einen Sammelschwerpunkt mit Regionalbezug: Marken des Königreiches Hannover aus der Zeit zwischen 1850 und 1866 – mittlerweile sind es um die 7 000 Stück. Auch Briefmarken aus den Kolonialgebieten des 19. Jahrhunderts können, so der Experte, attraktiv und damit kapitalerhaltend sein. Jedoch komme es weniger auf das inhaltliche Sammelgebiet, als vielmehr auch hier auf den Seltenheitswert des philatelistischen Objekts an. „Das eine Spezialgebiet mit garantiert hoher Rendite gibt es nicht“, so Gerschau. Jede Briefmarke habe zum jeweiligen Auktionszeitpunkt ihren individuellen Wert, was sichere Vorhersagen über die Höhe des Zuschlagspreises erschwere: „Diesen Markt zu generalisieren ist kaum möglich, da die Sammelgebiete ihren Wert ständig ändern, und jedes Einzelstück zunächst für sich betrachtet werden muss.“ Viel Fingerspitzengefühl sei beim „Ausrufpreis“, dem durch das Auktionshaus festgelegten Preis zu Beginn einer Versteigerung, ebenfalls gefragt: „Teilweise werden Sammlerobjekte überschätzt und zu hoch angesetzt.“ Nur mit detailliertem Fachwissen lassen sich hochpreisige Ankäufe vermeiden und der aktuelle Marktwert richtig einschätzen.

Daher eignen sich Briefmarken nach Knut Gerschaus Einschätzung „nur sehr bedingt“ als Wertanlage für Einsteiger. Gründliches Fachwissen und ein großer Erfahrungsschatz sind unumgänglich, will man Briefmarken mit Erfolg als Anlageobjekt nutzen. Auch wahre Begeisterung und ein feines Gespür für den Markt gehören ebenfalls dazu. Zudem muss man, um vernünftige Renditen zu erzielen, erhebliche Preissteigerungen verbuchen können. Deshalb rät Knut Gerschau mittleren und kleinen Anlegern von einem Einstieg ins Briefmarken-Investment eher ab: „Für kurzfristige Gewinnabsichten ist die Investition in Briefmarken nicht geeignet. Reich und unabhängig wird man von diesem Hobby nicht“, schmunzelt er, „aber man kann daran große Freude haben“.