September-Ausgabe 2014

Auszüge aus dem Gespräch mit Edward B. Gordon.

story

Jeden Tag ein Bild. Wie ist diese Idee entstanden?

EBG:
Die Idee ist nicht von mir. Duane Keiser, ein amerikanischer Maler, hat es als erster gemacht, und als ich davon las, dachte ich, das ist eine tolle Sache.
Die Idee, jeden Tag ein kleines Werk zu malen, als Übung, wie eine kleine Etüde, eine drei Minuten-Melodie, oder ein Dreizeiler eines Poeten, diese Idee ist so alt wie die klassischen Ateliers. Aber es über einen Blog im Internet zu veröffentlichen, das war neu. Auf der Bühne oder in der Musik hat man ja eine Zeitschiene, die vorgibt: Heute Abend ist die Aufführung, egal wie ich mich fühle oder wie gut oder schlecht ich drauf bin. Das fehlt in der Malerei, und da kommt man – ich kann da natürlich nur von mir sprechen – oft in so einen Schlendrian, und denkt, ach na ja heute habe ich keine Lust, und dies passt nicht, oder jenes. So war es bei mir in der Vergangenheit, weil ja keiner sagt: Du musst jetzt das Bild fertig malen. Durch die Tagesbilder entwickelt sich eine Disziplin. Da ist gleichzeitig auch das Wissen, ich muss heute Abend etwas zeigen, und es muss gut sein, nicht nur drei Striche in der Landschaft.

Wie gehen Sie dabei vor? Wie sieht die Tagesstruktur aus?

Frank Auerbach, der Freund von Lucian Freud, der hat seit dreißig oder vierzig Jahren London nur für zwei Wochen verlassen, weil er jeden Tag, auf dem Weg zu seinem Atelier, eine Zeichnung von demselben Schornstein macht. Nun kann man natürlich sagen, was für eine langweilige Geschichte. Aber wenn es jemand schafft, jeden Tag von demselben Schornstein eine Zeichnung zu machen, die immer wieder neu und frisch und spontan ist, dann ist da sehr viel dran. Und ich denke dann oft, dass es gerade für einen Künstler eine viel größere Reise ist, diesen inneren Weg zu gehen. Diesen ständigen Dialog mit Dingen der Umgebung zu führen, das ist vielleicht eine größere Reise als sich in ein Flugzeug zu setzen und ständig irgendwo umher zu fliegen. Was man natürlich auch machen kann, aber dadurch wird ja das Innere nicht mehr wert. Sonst müssten ja die ganzen Menschen, die jetzt überall rumreisen, viel mehr von der Welt verstehen. Aber man hat ja nicht das Gefühl, dass sich die Welt dadurch irgendwie näher gekommen ist, nicht wahr?

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Ich fand es immer sehr spannend, sich immer wieder mit denselben Dingen zu beschäftigen, jedoch immer mit einem neuen Blick. Das ist sehr befriedigend, sehr schön. Aber dafür braucht man eine gewisse Ruhe, eine gewisse Einfachheit des Lebens, und man darf nicht zu viele Ablenkungen haben. Aber die Gefahr besteht bei mir nicht. Für meine tägliche Arbeit brauche ich ohnehin ein gewisses Gerüst, das den Ablauf vorgibt. Ich muss schon planen und kann nicht spontan umdisponieren. Wenn ich weiß, dass ich vormittags ein Gespräch habe, dann muss ich das Tagesbild auf den Nachmittag verschieben. Das geht aber nicht, wenn ich für den Nachmittag ein Modell bestellt habe. Das muss man schon durchkomponieren. Aber ich finde, so eine Struktur, wie der Takt in der Musik, tut der künstlerischen Arbeit ganz gut. Wenn man den wegnehmen würde, wäre es ein Riesenchaos.

Sind die Tagesbilder ein gemaltes Tagebuch?

Heute vor einer Woche hatte ich eigentlich mein Tagesbild schon fertig gemalt. Und dann bekam ich den Anruf mit der Nachricht vom Tod Frank Schirrmachers: Und da wusste ich – dieses Bild geht jetzt nicht mehr. Jetzt muss ich ein anderes malen. Es ist wirklich ein Tagebuch. Etwas, das einem auch passiert.

Wo malen Sie? Unterwegs, bei ihren Streifzügen, oder sammeln Sie Impressionen und machen erst einmal Skizzen?

Nein, ich arbeite nicht draußen, das ist mir zu exponiert. Ich gehe raus und mache Skizzen. Zeichnen ist nicht unbedingt meine Stärke, aber ich habe so eine Art Shorthand entwickelt. Ich weiß, was ich zu notieren habe und weiß, wie ich meine Zeichnungen interpretieren kann. Da entstehen Gedächtnisstützen, in denen die Information für mich enthalten ist. Das ist unterwegs am einfachsten – ein kleines Moleskinbuch und ein Bleistift oder ein Kugelschreiber.

Im Moment arbeite ich mit einem Modell, das jeden Nachmittag kommt. Ich bin gerade dabei, die Goethesche Farbenlehre auf meine Art zu untersuchen. Aber es kann auch durchaus sein, dass ich einmal eine Idee für ein Bild hatte, und es gibt da eine Skizze, und ich denke: „Mensch, das würde heute ganz gut passen.“ Das ist unterschiedlich.

Und ich arbeite auch gern auf meinem Boot. Auf meinem wunderbaren Atelierboot, weil ich da ungestört bin. Ich fahre irgendwohin, werfe den Anker, stelle den Motor aus, klappe das Sonnendach auf, und dann kann ich da ungestört arbeiten, ohne Internetzugang…

Sie malen mit Ölfarben. Malen sie auch Aquarelle?

Ja, auf dem Boot male ich viel mit Aquarellfarben, weil das einfach leichter ist, auch leichter zu transportieren. Aber ich bin kein sehr guter Aquarellist. Das ist ein bisschen wie mit dem Zeichnen. Ich weiß, was ich da ausdrücken möchte, aber… Acryl mag ich nicht.

Für mich ist die Ölfarbe das Medium, das ich am besten beherrsche, und für das, was ich ausdrücken möchte, ist es auch das beste Instrument.

Mit bunten Filzstiften skizziere ich. Da habe ich genau die Farben, so wie ich sie brauche, und gerade wenn ich unterwegs bin, muss ich nicht viel mischen, sondern weiß, okay, das Grün, das steht schon da. Das sind japanische Filzstifte, die ich sehr gern mag, weil sie auch dieses Aquarellige haben, und es gibt sie in genau den gleichen Farbtönen wie die Ölfarben.

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Auf vielen ihrer Bilder sieht man schöne Frauen, in ganz unterschiedlichen Kostümen.

Das sind verschiedene Modelle, und was die Kostüme angeht – da kommt wahrscheinlich meine Liebe zum Theater durch. Ich habe mittlerweile diverse Kostüme gesammelt, verteilt auf verschiedene Ateliers, und die Modelle, die zu mir kommen, müssen sich dann immer für mich verkleiden. Solche Kleider trägt man ja heute nicht einfach so, und daher ist das immer lustig, wenn jemand so ein Ballkleid trägt und noch die Turnschuhe an hat. Das finde ich immer ganz herrlich.


Was machen sie, wenn sie nicht malen?

Viel Zeit bleibt eigentlich nicht. Der Tag ist ziemlich voll. Ich versuche viel zu lesen. Ich kaufe, glaube ich, mehr Bücher, als dass ich sie lese - immer in der Hoffnung, irgendwann die Zeit zu haben, sie zu lesen. Sie stapeln sich schon. Aber schöne Bücher sind ja herrlich. Ein Buch ist wie so ein kleines Paket in eine andere Welt.

Man weiß, man kann es jederzeit öffnen und dort verschwinden. Das ist ganz beruhigend zu wissen. Dass man viele Reisemöglichkeiten hat - im Kopf.

Ja, ich habe jetzt noch ein paar Reisen vor mir, die ich machen möchte. Das sind größere Projekte, nach Ägypten und nach Venedig. Mal sehen.

Und ich spiele ein bisschen Klavier.

Was spielen sie denn für Musik?

Klassischen Bach.

Sind sie da auch Autodidakt?

Nein, ich hatte das große Glück, bei Professor Kämmerling zu lernen. Ich war, glaube ich, einer der unbegabtesten Schüler, die er je gehabt hat, aber für mich war das großartig. Im Nachhinein weiß ich, dass mich das geprägt hat und mir bei den Tagesbildern auch sehr geholfen hat.

Schon als Kind fand ich die Disziplin, die diese Musiker haben, sehr faszinierend. Da kamen irgendwelche Knipse aus Russland, die nicht einmal mit den Füßen ans Pedal reichten, aber sie haben Stunde um Stunde geübt. Kämmerling war da eine ganz große Lichtgestalt für diese Liebe zur Sache, verbunden mit dieser Disziplin. Die hat mir immer für meine Arbeit gefehlt, und durch die Tagesbilder habe ich sie dann erlangt. Ich habe gemerkt - nur mit dieser Disziplin geht es. Aber das ist nicht so eine preußische Disziplin, sondern Disziplin aus Liebe zu dem, was man machen will. Das ist das Erbe, das ich von Kämmerling mitbekommen habe - was ich aber erst zwanzig Jahre später verstanden habe.

Haben Sie Ziele?

Das große Ziel ist, dass ich in meinem Malerleben weiterkomme, dass es vielleicht irgendwann wirklich einmal Kunst wird, was ich mache, und das ist eigentlich das einzige Ziel, das ich habe. Sonst überlasse ich es dem Fluss der Dinge.

(Beate Roßbach)