Juli-Ausgabe 2014

Anlage mit Herz

story

Nostalgie und Leidenschaft in einem: Im Alltag nicht mehr präsent, ist HISTORISCHE TECHNIK in Sammlerkreisen äußerst beliebt – und auch als Wertanlage geeignet, wenn man weiß wie …

Swing tanzen verboten“, prangt es in roten Lettern am oberen Rand des elfenbeinfarbenen Schalltrichters, aus dem doch eigentlich die Musik für flotte Bewegungen kommen sollte. Auf der Kommode rechts daneben die Szenerie, die als Werbelogo um die Welt ging: Ein Hund schaut verdutzt in die Tiefe des goldenen Trichters – das Markenzeichen des Plattenlabels „His Master´s Voice“. Und die liebevoll eingerichtete Stube mit Holzbalkendecke und farbigen Wänden offenbart ein weiteres Universum der Phonokultur längst vergangener Tage. Seit vier Jahrzehnten sammelt Helmut Ruthemann Grammophone – aus Leidenschaft. Ein bisschen verrückt muss man dafür aber schon sein“, verrät der 70-Jährige augenzwinkernd. Bereits vor zwölf Jahren wurde seine Sammlung so umfangreich, dass er eigens dafür ein Haus gekauft und viele Stunden Arbeit hineingesteckt hat: Seitdem führt er mit einem reichen Fundus an Anekdoten, Phonogeschichte und Technikwissen durch sein Grammophon-Spezialmuseum im beschaulichen Groß Lobke bei Hannover.

Beeindruckend reihen sich die hölzernen Abspielgeräte mit Handkurbeln und imposanten Schalltrichtern in den niedrigen Stuben des liebevoll hergerichteten Ziegelhauses aneinander. Allesamt sind sie noch funktionstüchtig – und das ganz ohne Strom: Nach kurzem Drehen an der Kurbel und dem behutsamen Aufsetzen der Nadel auf die Schallplatte zaubern die nostalgisch anmutenden Klänge zwischen Comedian Harmonists und monumentalen Wagner-Akkorden ein Stück Lebensgefühl längst vergangener Tage ins Heute.

Ob Grammophone, Schreibmaschinen, historische Fotoapparate oder Uhren: Im Alltag nicht mehr präsent, übt diese historische Technik eine große Faszination auf das Sammlerherz aus. Den Anfang macht dabei zumeist ein Schlüsselerlebnis oder schlichtweg der Zufall, so war Helmut Ruthemanns erster Plattenspieler ein Geschenk: „Damit ging alles los. Das ist jetzt so vierzig Jahre her“, erinnert er sich.

Doch warum genau springt der Funke auf viele über? Wer eine der ersten „Hammonia“-Schreibmaschinen, eine begehrte Uhr aus dem Haus Lange & Söhne oder eben ein noch funktionstüchtiges Grammophon von Polyphon sein eigen nennen darf, kann sich glücklich schätzen, denn viele originale Stücke haben die Kriege sowie den technischen Wandel nicht überlebt und sind nur noch selten anzutreffen – und damit begehrt. Zwei Kriterien, die immerhin in anderen Sammel-Sparten den entscheidenden Impuls zum lohnenswerten Investment geben. Doch nicht so bei alter Technik: Zwar stammen die für eine potenzielle Geldanlage geeignetsten Stücke aus der Zeit um 1900, doch identifizieren sich die Besitzer meist sehr mit einmal erworbenen Exemplaren, wie Helmut Ruthemann, der seine umfangreiche Sammlung an seinen Enkel weitergeben möchte. Somit können die oft außergewöhnlichen Kollektionen gerade für nachfolgende Generationen als sinnvolle und langfristige Wertanlage dienen, die jedoch am ehesten in musealer Form Sinn macht – ein Verkauf wäre für die Besitzer nahezu Frevel.

Nicht gerade die besten Voraussetzungen für einen vitalen Investment-Markt: Hochkarätige Einzelstücke verbleiben daher zumeist in ihren angestammten Sammlungen. Einmal „infiziert“, erweitern zahlreiche Liebhaber alter Technik wie Helmut Ruthemann ihre Sammlung über Jahrzehnte Stück für Stück. „Da muss Herzblut dranhängen“, beschreibt es Ruthemann. Eine Spielwiese für schnelllebige Trendsetter, die womöglich auf eine kurzfristige Wertsteigerung spekulieren, sind technische Geräte mit historischem Wert daher nicht. „Noch nie bin ich auf die Idee gekommen, das zu verkaufen“, beschreibt der Grammophon-Experte das Selbstverständnis innerhalb der Technikszene, sich über viele Jahre eine spezielle Sammlung aufzubauen.

„Verkaufen“ wäre bei Peter Meyer auch schwierig, denn bei ihm müsste man mit dem Tieflader vorfahren. Der 53-Jährige sammelt Bagger aus der Zeit, als diese noch mit Seilzug und ohne Hydraulik betrieben wurden. Doch sind seltene Grammophone im Zweifelsfall schnell eingepackt, lassen allein Transport und Platzbedarf von Meyers exotischen Stahlkolossen den Gedanken an ein ernsthaftes Investment in diesem Bereich gegen Null gehen. Zudem muss man viel Zeit mitbringen, um die anfangs oft schrottreifen Bagger zu restaurieren – und Platz, den Meyer auf dem Gelände der Ledeburger Stahlbau-Gesellschaft Louis Eilers gefunden hat, wo er schraubt, schweißt und hämmert, um die alten Maschinen wieder in Gang zu bringen. Eine mühselige Arbeit, die zudem sehr viele Fachkenntnisse sowie handwerkliches Geschick erfordert. Alles Gründe dafür, weshalb Peter Meyer sein ausgefallenes technisches Hobby aus Wertanlage-Gesichtspunkten für ungeeignet hält: „Es gibt schlicht keinen Markt dafür“, resümiert er. Der studierte Maschinenbauingenieur, der mittlerweile elf seilbetriebene Bagger restauriert und zu neuem Leben erweckt hat, weiß, was viele seiner sammelnden Technikgenossen antreibt: „Wenn jemand historische Technik sammelt, dann ist es immer das Interesse und das Bewusstsein, für die kommende Generation etwas bewahren zu müssen, um Geschichte lebendig und anschaulich zu gestalten.“ Die historische Bautechnik hat Peter Meyer bereits im Vorschulalter in ihren Bann gezogen, als er, am Bauzaun stehend, die Kräne, Bagger und Muldenkipper bestaunte. Mit dem Erwerb der historischen Baumaschinen hat er sich nach eigenem Bekunden seit seinem Erstlings-Bagger vor 24 Jahren „einen persönlichen Traum erfüllt.“

Ist historische Technik also ein „rotes Tuch“ für Geldanleger? Ganz so krass ist es nicht. Beachtet man einige Grundregeln, kann sie auch für Einsteiger durchaus zur lohnenswerten Geldanlage avancieren. Der erste Blick sollte dabei zu Einzelstücken aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert gehen, wie Ruthemanns Grammophon-Sammlung zeigt, deren Stücke ausschließlich aus der Zeit von 1895 bis 1940 stammen. Zeitlich noch umfangreicher ist Karl Kellners Pferdespielzeug-Sammlung – sozusagen Technik im Miniaturformat. Der 80-Jährige Hannoveraner hat eine weltweit einmalige Sammlung zusammengetragen: Holzpferdchen, Postkutschen, Fuhrwerke und Spielzeugkarrussells reihen sich auf unzähligen Regalen in seiner Wohnung aneinander. Die ältesten Exemplare stammen sogar aus den 1830er Jahren. Eine gute Ausgangsbasis hat man damit allemal. Doch nicht nur das: Auch bei den anderen Kriterien bildet das Technik-Gebiet zwischen Uhren, Grammophonen und Baumaschinen keine Ausnahmen zu anderen Anlagesegmenten. Selten und gut erhalten müssen die Objekte auch hier sein, um eine realistische Perspektive für eine Wertanlage zu entwickeln. Die Seltenheit bestimmt letztlich den Wert. Im mittleren Preissegment bieten sich daher bereits für vierstellige Beträge sinnvolle Anlagechancen. Auch die Provenienz sollte man nicht unterschätzen: Letzte, teils limitierte Exemplare berühmter Fabrikate sind nicht nur in Ruthemanns Grammophon-Museum ganz besondere Schmuckstücke, die ihren Wert von Jahr zu Jahr kontinuierlich steigern. Allgemein gilt: Wer auf Hochwertigkeit achtet, macht nichts verkehrt.

Einen i-Punkt in Sachen Werthaltigkeit setzten auch berühmte Vorbesitzer: So tippte beispielweise Friedrich Nietzsche auf einer „Malling Hansen“-Schreibmaschine, sozusagen dem Mercedes unter den alten Schreibgeräten. Aus Wertanlage-Sicht ein großes Plus für Sammler. Wer es noch älter mag, muss noch akribischer sein – und schon sehr viel Glück haben, um der musealen Präsentation zuvorzukommen.

Apropos mechanisch: Wer in Technik ernsthaft investieren möchte, sollte alles Elektronische meiden – sicher ein überraschender Aspekt, gerade wenn man an die Technikentwicklung des frühen 20. Jahrhunderts denkt. So kann eine Schreibmaschine aus dem 19. Jahrhundert bei Auktionen durchaus die 1.000 Euro-Grenze überschreiten. Auch bei Fotoapparaten oder Uhren ist Mechanik Trumpf. Eine 89 Jahre alte Leica-Kamera erzielte in einem Wiener Auktionshaus bereits vor zwei Jahren ungeheure 2,16 Millionen Euro.
Nur wenn in einem Bereich die technische Entwicklung stagniert oder durch ausgefallenes Design besticht, lohnt sich der Blick auf Geräte mit Elektronikkomponenten. Ein hölzernes Wandtelefon mit Trichter kann so schon einmal mehrere hundert Euro wert sein.

Die Beispiele zeigen: Unter Wertgesichtspunkten ist es unabdingbar, auf herausragende technische Geräte aus den jeweiligen Segmenten zu setzen. Nur sie haben aufgrund ihrer Seltenheit eine Chance auf Wertsteigerung. Für Einsteiger sei es jedoch schwer, Brauchbares zu finden: Der Markt sei im Prinzip „leergesammelt“, stellen alle drei Enthusiasten übereinstimmend fest. Eine Investition in Alltagstechnik nach 1945 lohne sich kaum, weil das Preisniveau kein Potenzial für eine ernsthafte Wertanlage bietet. Selbst Pioniergeräte unserer Zeit wie eines der ersten GSM-fähigen Mobiltelefone, der legendäre Motorola-„Knochen“ waren keine lukrative Wertanlage. Gemessen am einstigen Beschaffungswert ist der Preis dieser Geräte um ein Vielfaches gefallen, sodass sie heute eher als Accessoires für die Sammler-Vitrine dienen.

„Spezialisierung“ lautet deshalb das Stichwort, das auch Grammophon-Experte Helmut Ruthemann früh erkannt hat: Ganz konsequent setzt er deshalb auf Abspielgeräte ausschließlich für Schellack-Platten, sodass seine Sammlung knapp 80 Modelle nur dieser Geräteklasse umfasst. Ein Erfolgsrezept für den agilen Museumsbesitzer, dessen Taktik so aufgegangen ist, dass er den aktuellen Wert seiner Sammlung lieber nicht verrät. Mit „Standard komme man da nicht sehr weit“, betont er im Rückblick auf zahlreiche Sammlertreffen im In- und Ausland.

Doch auch Ruthemann muss manchmal genauer hinschauen, wenn er an einem neuen Grammophon interessiert ist, da immer wieder äußerlich scheinbar hochwertige Imitate, zum Beispiel aus Indien, auf den Markt drängen. Selbst versierte Sammler können diese Kopien erst nach genauerem Hinsehen vom historischen Original unterscheiden. Auch ein Großteil heutiger technischer Geräte taugt daher nicht als Anlageobjekt – zu beliebig wird vervielfältigt, zu kurz sind die Produktzyklen: Mehr denn je ist Technik heute Allgemeingut und besitzt somit keinen Seltenheitswert mehr. Auch Helmut Ruthemann und seine Sammler-Kollegen haben ihre Kollektionen so vervollständigt, dass sie nur noch selten Neues erwerben – am ehesten veräußern sie Stücke aus Platzgründen. Oder sie kaufen Exemplare ausschließlich als Ersatzteilreservoir, um den guten Zustand ihrer eigentlichen Schmuckstücke zu wahren. Der gelernte Möbeltischler Karl Kellner restauriert so seit Jahren in mühevoller Kleinarbeit seine auf Börsen in Europa und den USA erworbenen Exemplare.

Selbst für Experten sei es schwierig, genaue Prognosen zum Markt für historische Technik abzugeben, so Manfred Fischer, Chef des Auktionshauses Hannover: „Ich traue mir nicht zu, Aussagen über Investment-Chancen zu machen“, gibt er unumwunden zu. Zu vielschichtig ist der Markt, zu unterschiedlich die einzelnen Sammelgebiete, als dass ein Fachmann allein fundierte Aussagen über jedes Marktsegment geben könnte. Und das, obwohl sich Fischer seit Jahren hobbymäßig mit historischen Kameras, Radios, Modelleisenbahnen, Fernsehgeräten und Schreibmaschinen beschäftigt. Beruflich hingegen handelt er mit aktueller Technik, „was zu 95 Prozent den Geschäftsalltag bei uns ausfüllt“. Auch er müsse Angebot und Nachfrage in einzelnen historischen Segmenten über einen längeren Zeitraum genau studieren, um verlässliche Aussagen zu treffen. „Häufige Internetrecherchen und Beobachtungen anderer Auktionshäuser“ hält er hier für die geeignetsten Mittel, um sich einen Überblick über Grammophon und Co zu verschaffen, der jedoch immer nur ganz individuell sein kann.

Verallgemeinerungen sind bei historischer Technik mit Vorsicht zu genießen. Lediglich bei klassischen Oldtimern sind bei einigen ausgewählten Auto- und Motorrad-Marken gewinnbringende Anlagen möglich. Vielmehr muss man feststellen, dass das Zusammentragen historisch einzigartiger Technik eher entfernt von Investment-Absichten stattfindet, was auch Auktionator Manfred Fischer klar bestätigt: „Diejenigen, mit denen ich mich oft austausche, verfolgen keine monetären Ziele, sondern sind irgendwie besessen wie ich oder im Nostalgierausch.“ Kaum ein anderes Sammelgebiet lebt in dieser Intensität von Liebhabern, von langjähriger Leidenschaft und begeisterndem Einsatz, „Maschinen mit allen Sinnen zu erleben und dreidimensional zu erhalten“, unterstreicht auch Bagger-Sammler Peter Meyer den besonderen Reiz, Technikgeschichte mit Originalen zu dokumentieren. Das persönliche Vergnügen steht hier eindeutig vor dem finanziellen Interesse. Genauso begeistert führt Pferdespielzeug-Sammler Karl Kellner durch seine Sammlung.

Doch nicht zu vergessen, erlangen gepflegte, allmählich wachsende Privatsammlungen mit der Zeit einen beachtlichen Eigenwert, präsentieren diese doch beispielsweise zentrale Fabrikate, besonders repräsentative Exemplare oder seltene Modelle in einem Guss. Durch den Zukauf weiterer wertvoller Einzelstücke über Online-Portale oder Sammlerbörsen kann der Wert der jeweiligen Sammlung gezielt gesteigert werden. Spezialsammlungen alter Technik bieten somit eher eine indirekte Chance, als Wertanlage zu dienen.

Viel Zeit und ein gutes Händchen für herausragende Objekte sind daher unabdingbar, will man mit nostalgischer Technik gleichsam auch eine werthaltige Sammlung von hoher Qualität aufbauen. Insgesamt also ein schwer kalkulierbarer Markt, bei dem viel vom eigenen Engagement im jeweiligen Spezialgebiet abhängt. Vielmehr bieten die zahlreichen Privatsammlungen allesamt einen faszinierend bunten Technikkosmos erster Güte.

Ob Ruthemanns Grammophon-Museum, Meyers seilbetriebene Bagger oder Kellners Pferdespielzeug: Über die Jahre haben sie alle beachtliche Sammlungen zusammengetragen, die in Umfang und dokumentarischer Präsentation einen ungemeinen Wert besitzen – ideell wie monetär à la bonne heure. Der Wert der Sammlungen hat sich durch beständige Erweiterung und die Leidenschaft an der Sache quasi „nebenbei“ vergrößert. Das große Geld will aber keiner der Sammler damit machen.

Persönliche Träume erfüllen, Gleichgesinnte treffen und in vergangene Zeiten eintauchen – das ist die Faszination alter Technik, welche die hannoverschen Enthusiasten nicht loslässt. Und so macht sich nicht nur Bagger-Fan Peter Meyer keinerlei Gedanken, wie er sagt, „ob ich damit den Steuerberater, irgendwelche Frauen oder meinen Nachbarn beeindrucken kann“.